Das bringt das neue Schuljahr in Baden-Württemberg

Für rund 1,5 Millionen baden-württembergische Schüler enden die Sommerferien. Auf die Kinder und Jugendlichen warten einige Neuerungen, aber zu wenige Lehrer.

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Das große Thema steht fest, wenn heute das neue Schuljahr beginnt: Lehrermangel. Das Kultusministerium konnte hunderte Stellen noch nicht besetzen. Doch jenseits dieses Aufregers stehen kleinere und größere Veränderungen und Neuerungen an. Ein Überblick:

Grundschulen: Die Kinder sollen in Grundfähigkeiten gestärkt werden. Deshalb steht für Drittklässler ab diesem Jahr eine Wochenstunde mehr zur Verfügung: für Deutsch oder Mathematik. Dafür wurden 160 Deputate bereitgestellt. „Qualität braucht Lernzeit in den Schlüsselkompetenzen“, sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Voraussetzung ist natürlich, dass Lehrer zur Verfügung stehen. An Grundschulen, besonders in einigen ländlichen Regionen, ist die Personalsituation besonders eng. Dort gibt es auch viele kleine Grundschulen, landesweit gut 800 mit weniger als 100 Schülern. Schließen will Eisenmann keine, am Grundsatz „Kurze Beine, kurze Wege“ werde nicht gerüttelt. Jedoch werden bisweilen Klassen zusammengelegt und der „Klassenteiler“, die Zahl der Schüler pro Klasse, erhöht – laut Eisenmann aber „nur in einigen Einzelfällen“.

Realschulen: Hier sind viele Klassen besonders unterschiedlich zusammengesetzt. Eisenmann betont schon lange, dass sie die Realschulen für den Umgang mit dieser „Heterogenität“ stärken will und hat ein entsprechendes Konzept vorgelegt. Dazu gehören zum neuen Schuljahr mehr sogenannte Poolstunden, in denen Grundlagen vertieft geübt werden sollen. Das Kultusministerium hat die Zahl der Poolstunden von acht auf 13 Stunden je Zug erhöht.

Fächer: An den 7. Klassen der Gymnasien gibt es ein neues Pflichtfach: Informatik. Es wird pro Woche eine Stunde unterrichtet. Das Fach soll laut Kultusministerium „vertiefende Kompetenzen – beispielsweise zur Kodierung von Daten, Sicherheit und Datenschutz – sowie ein Verständnis von Algorithmen vermitteln“. Ab nächstem Schuljahr soll dieser Aufbaukurs auch an den 7. Klassen der Haupt- und Werk­realschulen, Real- und Gemeinschaftsschulen starten.

Umgekehrt läuft das Fach Wirtschaft jetzt erst einmal in den 7. Klassen aller weiterführenden Schulen außer den Gymnasien an. Dort startet es dann nächstes Jahr, in den 8. Klassen. Für den Unterricht des Fachs, dessen Einführung im Bildungsplan vergangenes Jahr versprochen wurde, gab es berufsbegleitende Lehrer-Fortbildungen, etwa für Gemeinschaftskunde-Lehrer. Behandelt werden sollen wirtschaftliche Grundlagen, es geht aber auch um Berufs- und Studienwahl.

Digitalisierung: Der große Wurf bleibt weiter aus. Wer wann welche Technik für die Digitalisierung der Schulen bezahlt – in Baden-Württemberg rechnet der Städtetag immerhin mit einem Erstbedarf von 1,8 Milliarden Euro – ist unklar. In den Praxistest aber geht bis Jahresende eine landesweite „digitale Bildungsplattform“. Über sie sollen Schüler und Lehrer „Basisdienste zur Kommunikation und Kooperation“ bekommen.  Das Land finanziert den Aufbau mit 8,7 Millionen Euro. Im Schuljahr 2019/20 soll die Plattform in den Regelbetrieb gehen. Alle Lehrkräfte bekommen außerdem eine dienstliche E-Mail-Adresse.

Ganztagsschule: „Im neuen Schuljahr beginnen weitere 57 Schulen im Land mit dem schulgesetzlich verankerten Ganztagskonzept“, teilt das Ministerium mit. Damit gibt es ab Herbst insgesamt 440 „echte“ Ganztagsschulen. Das Land hat hier im Bundesvergleich einigen Nachholbedarf. Für den Ausbau der Ganztagsgrundschulen plant das Land für die Jahre 2018 und 2019 zusätzlich jeweils 50 Deputate ein. Offen ist, wie das Land künftig Betreuungsangebote bezuschusst, die etwa Kommunen anbieten, ohne dass ein umfassendes didaktisches Ganztagskonzept dahinter steht.

Inklusion: Der Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung an den Regelschulen geht weiter. „Wir setzen das genauso um, wie es der Landtag und das Kabinett beschlossen haben“, sagt Eisenmann. Für die Inklusion stehen im neuen Schuljahr 160 neue Lehrerstellen zur Verfügung, doch die wollen erst einmal besetzt sein. An den hier besonders dringend benötigten Sonderpädagogen herrscht große Knappheit.

Genutzt wird das Angebot von etwa einem Viertel der Berechtigten. Rund 25 Prozent der Eltern von Kindern mit einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot entscheidet sich für eine inklusive Beschulung, 75 Prozent der Erziehungsberechtigten wählen hingegen ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum.

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Baden-Württembergs Schulen brauchen mehr Qualitätsmanagement, sagt die Heidelberger Bildungsforscherin Anne Sliwka. Sie forscht gerade im australischen Adelaide, wo wir sie per Mail erreichen und befragen konnten.

Frau Sliwka, am Montag beginnt in Baden-Württemberg die Schule. Wo steht das Land im Bundesvergleich?

Anne Sliwka: Es gibt viel zu tun in Sachen Qualitätsmanagement von Schulen. Den Studien der letzten Jahre zufolge rutscht Baden-Württemberg von einer Spitzenposition ins Mittelfeld ab.

Wo liegen die größten Probleme?

Baden-Württemberg hat spät erkannt, dass diagnostische Daten viel stärker genutzt werden müssen, um einzelne Schüler gezielt in Deutsch und Mathematik zu fördern. Die „Risikogruppe“, also diejenigen, die die zentralen Standards nicht erreichen, wächst. Es kommt jetzt darauf an, dass wir Strukturen schaffen, damit diese Kinder nicht durchs Netz fallen.

Es herrscht großer Lehrermangel, Unterrichtsausfall droht. Sind Qualitätsdebatten da nicht Makulatur?

Der Lehrermangel an bestimmten Schularten ist derzeit in fast allen Bundesländern ein großes Problem. Das muss jetzt kurzfristig bearbeitet werden. Das Ministerium hat ja eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen. Mit der Neuausrichtung im Qualitätsmanagement bearbeiten wir das Ziel, die Schulqualität nachhaltig zu sichern. Sowohl international als auch in Deutschland gibt es Schulsysteme, die im Qualitätsmanagement weiter sind als wir.

Sie forschen derzeit in Adelaide über Lehrerlaufbahnen. Was können wir von den Australiern lernen?

Australien hat ähnliche Probleme wie Deutschland. Der Lehrerberuf wurde hier viele Jahre als nicht attraktiv angesehen. Und die Schere zwischen den leistungsschwächsten und leistungsstärksten Schülern geht weit auseinander. Jetzt versucht man, von den Weltklasse-Schulsystemen in Kanada und Singapur zu lernen. Australien hat eine vierstufige Karriereleiter für Lehrkräfte eingeführt. Es gibt strukturierte Fortbildungsangebote und starke Entwicklungsanreize für Lehrer, die bis zum Rentenalter unterrichten möchten. Sie sollen ihre berufliche Entwicklung über die Lebensspanne als echte Lernkurve erleben. Davon können wir einiges lernen für Deutschland.

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