Christen im Irak geben nicht auf

Droht der christlichen Kultur im Nahen Osten das Ende? Nein, sagt das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche, Louis Raphael I. Sako. Bei seinem Besuch in Stuttgart dankte er für die Flüchtlingsaufnahme.

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Louis Raphael Sako ist das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche.  Foto: 

Beim Besuch der Diözese Rottenburg-Stuttgart am Wochenende betonte Louis Raphael I. Sako, Patriarch von Babylon, "dass es die Mission der arabischen Christen ist, im Nahen Osten zu bleiben". Die Chaldäer könnten vermittelnde und moderate Kraft sein und auch Brücke nach Europa. "Wer den Menschen helfen will, soll vor Ort Frieden und Stabilität schaffen", sagte der Geistliche. Vehement forderte er, die Lieferung von Waffen einzustellen. Der Konflikt könne nicht durch Krieg gelöst werden. Entschieden appellierte er, "Freiheit für alle zu schaffen, ohne Menschen zu töten und Städte zu vernichten".

Sako ist überzeugt davon, dass der Irak in drei autonome Regionen geteilt werden muss. "Wir Christen haben die Hoffnung, dass wir unseren Platz finden." Während er der Bundesregierung und der Kirche für die Aufnahme der Flüchtlinge dankte, beurteilte er die deutsche Flüchtlingspolitik der offenen Grenzen skeptisch. Unter den Ankommenden könnten Radikale sein.

Um die Krise zu lösen, forderte der Patriarch die Europäer zur Zusammenarbeit auf. Der Theologe und Islamwissenschaftler ist überzeugt davon, dass die Terrorgruppe IS besiegt wird. Sako betonte, dass die Mehrheit der Muslime friedliebende Menschen seien, zugleich jedoch anfällig für radikale Parolen.

Moderate Religionsführer müssten seiner Meinung nach im Irak ausgebildet sowie Staat und Religion strikt getrennt werden, um auch Minderheiten angemessen zu beteiligen. "Die Amerikaner kamen nach dem Sturz von Diktator Saddam Husseins mit Slogans, taten aber nichts für die Erziehung der Menschen", sagte er. "Unter Saddam hatten wir Sicherheit ohne Freiheit, jetzt haben wir Freiheit ohne Sicherheit."

Der Geistliche aus dem Irak wirbt für die gegenseitige Anerkennung der Religionen. Im interreligiösen Dialog habe er positive Erfahrungen gemacht. Er bezeichnete den obersten schiitischen Geistlichen im Irak als "weisen Mann". Die Anerkennung der christlichen Minderheit wachse. Wenn selbst der Premierminister Christen als "gute Bürger" bezeichne, helfe das sehr. Vor kurzem hätten die Chaldäer in Bagdad einen Protestmarsch organisiert, der auch von Muslimen unterstützt wurde. "Wir haben keine Angst", betonte Sako.

Zwar seien tausende Christen im Irak vor dem IS geflüchtet. Im Gegensatz zu Jesiden würden Christen jedoch nicht systematisch vom IS ermordet. Der 67-Jährige räumte jedoch ein, dass der Aderlass gewaltig war. Von knapp 1,3 Millionen Christen 1987 sind im Irak nach Sakos Angaben 400.000 übrig, fast alle Chaldäer. 200.000 leben in Bagdad, die übrigen zumeist im Nordirak. Der 2013 gewählte Patriarch sagte, dass es nach den Angriffen zwischen 2005 und 2011 wieder sanierte Kirchen und es ein aktives Gemeindeleben gebe. Überleben werde die mit Rom unierte chaldäische Kirche, die vor allem im Irak verbreitet ist, nur in ihrer Heimat und kulturellen Umgebung. Die Ausgewanderten würden nicht mehr zurückkehren.

Am Samstag feierte Sako mit mehreren hundert Gläubigen in Stuttgart-Rohracker Gottesdienst. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat den Chaldäern hier die Paulus-Kirche zur Verfügung gestellt. Allein in Stuttgart leben mehr als 1500 der 4000 chaldäischen Christen im Südwesten. In Deutschland gibt es rund 17.000 Chaldäer.

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