Britischer Deutscher möchte Europäer bleiben

|
Vorherige Inhalte
  • Clyde O’Brien hat jetzt beide Pässe. 1/2
    Clyde O’Brien hat jetzt beide Pässe. Foto: 
  • 
Clyde O’Brien ist Brite und nun auch Deutscher. 2/2
    Clyde O’Brien ist Brite und nun auch Deutscher. Foto: 
Nächste Inhalte

Er ticke wie ein Brite, aber auch wie ein Deutscher, sagt Clyde O’Brien von sich selbst. Typisch britisch seien die Offenheit, die Höflichkeit, der Respekt, die Geduld, die Gelassenheit und die Disziplin. „Aber ich bin auch schaffig wie ein Deutscher“, sagt er in akzentfreiem Deutsch. Der 38-Jährige, der im Ortsteil Wangen der Gemeinde Öhningen auf der Höri am Bodensee  lebt, ist seit wenigen Wochen deutscher Staatsbürger. Ende Januar hat er im Landratsamt in Konstanz seine Einbürgerungsurkunde überreicht bekommen. Davor habe er auf die deutsche Verfassung einen Eid leisten müssen. Für ihn kein Problem. „Ich freue mich und bin stolz darauf, auch Deutscher zu sein.“ O’Brien hat nun zwei Pässe.

Schon seit 30 Jahren lebt er in Deutschland. Die meiste Zeit war es für ihn kein Thema, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. „Ich bin gerne Brite und stolz darauf. Für mich war es keine Option, Deutscher zu werden.“ Schon gar nicht, wenn er dafür die britische Staatsbürgerschaft hätte aufgeben müssen. Deutscher wollte er nicht werden, weil er weder Wehr- noch Zivildienst ableisten wollte.

Ein Ordner voller Formulare

Als die Bundesregierung 2014 die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft schuf, war für ihn die Einbürgerung zum ersten Mal eine Überlegung wert. Zunächst ging er das Vorhaben aber nicht wirklich ernsthaft an. „Ich habe zu meinen Kumpels gesagt, wenn Deutschland Weltmeister wird, lasse ich mich einbürgern.“ Das Wunder geschah. Doch die Einbürgerung dauerte. Immer wieder habe er Mitarbeiterinnen seines Unternehmens im Landschafts- und Gartenbau gebeten, sich um die Unterlagen dafür zu kümmern. Ohne Erfolg.

„Inzwischen weiß ich warum“, sagt O’Brien. Als endlich seine Mitarbeiterin Gabriele Linzmeier begonnen habe, die Papiere zusammenzutragen, habe sich herausgestellt, dass das „ein riesiger Apparat“ ist. Formulare und Urkunden zur Einbürgerung füllen einen ganzen Ordner.

Der Brexit war dann die Motivation, den Papierkrieg anzugehen. Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten für den EU-Austritt. „Als ich am Morgen das Ergebnis erfahren habe, war das ein Schock“, sagt O’Brien. Keine Sekunde habe er damit gerechnet. Von da an war für ihn klar, dass er den deutschen Pass beantragen wird. „Ich fühle mich als Europäer und möchte das auch bleiben.“

Das war der Hauptantrieb. Ein bisschen auch die Befürchtung, dass er nach dem EU-Austritt als Brite in Deutschland Nachteile haben könnte. Dass er wie ein Ausländer behandelt wird, mit seinem Unternehmen Schwierigkeiten bekommt.

Geboren wurde O’Brien in der Mitte Großbritanniens, in der Stadt Kettering. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Cornwall. „Dort sind bis heute meine Wurzeln. Das ist meine Heimat“, sagt er. Vier bis fünf Mal pro Jahr ist er mit seiner Familie dort. Er war noch ein kleiner Junge, als sich seine Eltern trennten. Seine Mutter lernte in England bald einen Mann aus Karlsruhe kennen, der zwar in England lebte, aber mit Öhningen am Bodensee eng verbunden war. 1983 haben die beiden geheiratet. Ihre Flitterwochen haben sie in Öhningen verbracht. „Da war ich das erste Mal am Bodensee“, sagt O’Brien. 1986 siedelte die Familie nach Eppingen im Kraichgau um. „Da konnte ich kein Wort Deutsch.“ Deshalb musste er, obwohl schon acht Jahre alt, nochmal in die erste Klasse der Grundschule, um Deutsch zu lernen. 1989 zog die Familie nach Öhningen.

„Ich fühlte mich als Deutscher“, sagt O’Brien. Als er zwölf war, sei sein Englisch am schlechtesten gewesen. „Ich hatte es verlernt.“ Doch durch seine Aufenthalte auf der Insel fließt das Englisch wieder. Er hat dort ein Bankkonto und eine Adresse. Langfristig möchte er einen Wohnsitz auf der Insel haben. „Von den Wurzeln her bin ich Engländer, im Denken und Fühlen Deutscher.“ Das „schaffe, schaffe, Häusle bauen“ habe er schon auch in sich.  Allerdings: Müsste er sich entscheiden, würde er doch lieber Brite bleiben.

Brexit schockiert

Die Entscheidung der Mehrheit der Briten vom Juni 2016, aus der EU auszutreten, war für viele der 106 000 in Deutschland lebenden Briten ein Schock. Immer mehr wollen deshalb einen deutschen Pass haben.

Einbürgerung boomt

Sowohl bundes- als auch landesweit steigt die Zahl der Briten, die einen Einbürgerungsantrag stellen. Bundesweite Zahlen für 2016 gibt es noch nicht, aber der Trend ist deutlich. 2014 und 2015 wurde zum Beispiel in Ulm je ein Brite eingebürgert. 2016 waren es elf. Das Landratsamt Bodenseekreis hat 2016 zehn Briten eingebürgert, davor gab es kaum Anträge. Ähnlich ist es im Kreis Konstanz. Dort wurden 2016 24 Anträge gestellt. dpa

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

02.03.2017 21:34 Uhr

" Deutscher wollte er nicht werden, weil er weder Wehr- noch Zivildienst ableisten wollte"

Es ehrt ihn, die Rosinenpickerei der doppelten Staatsbürgerschaft zu benennen.
Wer es sich leisten kann, besorgt sich neben der deutschen Staatsbürgerschaft eine zweite ( vorzugsweise USA), damit man im Falle des Zerfalls der EU schneller "raus" kommt.

Die doppelte Staatsbürgerschaft sollte abgeschafft werden, außer der doppelte Staatsbürger zahlt in beiden Ländern die volle Steuerlast.

Antworten Kommentar melden

02.03.2017 14:55 Uhr

Nur das Beste

Wieso wird so einer eingebürgert?

„Schon gar nicht, wenn er dafür die britische Staatsbürgerschaft hätte aufgeben müssen. Deutscher wollte er nicht werden, weil er weder Wehr- noch Zivildienst ableisten wollte.“

„Ein bisschen auch die Befürchtung, dass er nach dem EU-Austritt als Brite in Deutschland Nachteile haben könnte.“

„Aufgewachsen ist er in der Nähe von Cornwall. „Dort sind bis heute meine Wurzeln. Das ist meine Heimat“, sagt er.“

„Er hat dort ein Bankkonto und eine Adresse. Langfristig möchte er einen Wohnsitz auf der Insel haben.“

„Müsste er sich entscheiden, würde er doch lieber Brite bleiben.“

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Votum gegen die EU - Briten stimmen für Brexit

Großbritannien kehrt Europa den Rücken: Eine knappe Mehrheit der Briten hat bei dem historischen Brexit-Referendum für einen Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Oberbürgermeister Gunter Czisch: „Wir müssen mit klarer Kante antworten!“

Oberbürgermeister Gunter Czisch im Interview über die Sicherheitslage in der Bahnhofstraße, überzogene Reaktionen des Handels und neue Ideen für eine attraktive City. weiter lesen