Bildungsvergleich: Der Mythos vom Büffeln für den Test

Warum rutscht der Südwesten in Vergleichsstudien ab? Unter Lehrern heißt es, in anderen Ländern werde extra dafür gebüffelt. Doch das ist ein Mythos.

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Auf die Südschiene in Sachen Bildung war in Deutschland über Jahrzehnte Verlass. Wann immer Schüler-Leistungen verglichen wurden, grüßten die konservativen Klassenbesten Bayern und Baden-Württemberg von der Spitze – und blickten auf traditionelle „rote Schulversager“ in Bremen oder NRW herab.

Dass der Südwesten nun in Vergleichsstudien wie dem „IQB-Bildungstrend“ drastisch abrutscht, ist fürs Selbstverständnis ein herber Schlag – zumal Bayern weiter stabil vorn steht. Entsprechend hat Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) Konsequenzen angekündigt: Die Qualität des Unterrichts müsse besser werden.

Nicht alle Lehrer glauben indes, dass es wirklich daran liegt. Hartnäckig hält sich die These, die Zahlen wären „frisiert“. In Bayern sei es zum Beispiel üblich, dass die Kinder wochenlang auf Länder-Vergleichstests büffeln, damit sie besser abschneiden, erzählt man sich gerade in Grenzgebieten wie der Ulmer Region.

Verlage bieten Material an

Auf den ersten Blick gibt es durchaus Indizien, dass da etwas dran sein könnte. Das Phänomen ist in der Bildungswissenschaft bekannt. „Teaching to the Test“ lautet der Fachbegriff. Und in Merkblättern der Ministerien wird auffällig oft gemahnt, die Finger davon zu lassen: „Gezieltes Üben“ führe möglicherweise zu verfälschten Informationen und sei „weder nötig noch sinnvoll“. Ein weiteres Indiz: Für die flächendeckenden Vergleichsarbeiten „Vera“ bieten Schulbuchverlage wie Cornelsen sogar „Vorbereitungsmaterialien“ und Übungshefte mit Aufgaben an.

Dennoch hält der Tübinger Bildungsforscher Benjamin Nagengast einen Einfluss auf die Ländervergleiche für einen „Mythos“. „Die Aufgaben für den IQB-Bildungstrend kann man so spezifisch gar nicht üben“, sagt der Professor am Hector-Institut für empirische Bildungsforschung. „Sie fragen kein Wissen ab, sondern prüfen Kompetenzen.“ Es gehe darum, erlernte Regeln in den Aufgaben anzuwenden. „Teaching to the Test“ könne zudem die „komplexen Ergebnismuster“ und Entwicklungen der Bundesländer in den vergangenen zehn Jahren kaum erklären. „Das greift viel zu kurz“, sagt Nagengast.

Auch beim Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) selbst ist man über die Theorie eher amüsiert. „Das spezifische Üben auf Testaufgaben ist unmöglich“, sagt Camilla Rjosk, Mitherausgeberin des im Oktober erschienenen IQB-Bildungstrends. Einerseits gebe es außer wenigen Beispielaufgaben „nicht viel Material“ zum Üben – andererseits seien die Aufgaben ohnehin nicht so außergewöhnlich: Sie ähnelten stark jenen, „die die Schüler aus dem normalen Unterricht sowieso schon kennen“.

Im baden-württembergischen Kultusministerium glaubt man auch nicht an die Büffel-Theorie. „Wir haben keine Hinweise darauf, dass andere Länder bei der Durchführung anders mit den Tests umgehen als wir“, sagt Sprecherin Christine Sattler.

Doch was ist dann mit den Test-Materialien, die mehrere Schulbuchverlage im Angebot haben? Hier wird wohl manches verwechselt: Die Bücher beziehen sich nicht auf die IQB-Vergleichsstudie, sondern auf die Vergleichsarbeiten „Vera“, die flächendeckend in Klasse drei und acht durchgeführt werden. „Vera“ stammt zwar auch vom IQB – die Ergebnisse sind aber eben nicht zum Bundesländervergleich gedacht und werden auch nicht so ausgewertet.

Keine Blöße vor dem Kollegium

„Die Vera-Tests dienen allein der Verbesserung des Unterrichts“, sagt Sattler. „Jeder Lehrer und jede Schule soll damit eine authentische Rückmeldung darüber bekommen, wo ihre Schüler stehen, wo Stärken und Schwächen liegen.“ Extra darauf zu üben, würde „den Sinn torpedieren.“ Dass mancher Lehrer oder manche Schule dennoch eigensinnig hier Test-Büffeln betreibt, um sich gegenüber dem Kollegium oder dem Schulamt keine Blöße zu geben, mag aber kein Experte ausschließen. „Damit würde man sich zwar in die eigene Tasche lügen, aber gewisse Anreize kann es da schon geben“, sagt Nagengast. Offenbar finden die Schulbuchverlage hier einen lukrativen Markt. Begeistert darüber ist man weder in Stuttgart noch beim IQB in Berlin.

Für die Bildungsgewerkschaft GEW kommt es darauf an, dass aus den Testergebnissen richtige Schlüsse gezogen werden. „An den empirischen Ergebnissen der Studien haben wir keine Zweifel – aber daran, was jetzt im Südwesten passiert“, sagt Geschäftsführer Matthias Schneider. Gerade am Fortbildungsangebot mangele es. So habe Ministerin Eisenmann per Erlass die umstrittene Methode „Schreiben nach Gehör“ verboten. „Gleichzeitig sehen wir aber, dass alle Lehrer-Fortbildungen zum Thema Spracherwerb und Rechtschreibung hoffnungslos überbucht sind, weil das Angebot nicht reicht.“

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