Beistand bis zum letzten Atemzug

Als Pfarrerin gilt für Astrid Maschel das Geh-Prinzip. Die Seniorenseelsorgerin kann nicht warten, bis die betagten, häufig auch kranken Christen zu ihr kommen. Sie betet mit ihnen in Pforzheimer Altenheimen.

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"Der weiße Talar sieht viel besser aus als der schwarze", stellt Frau Friedrich erfreut fest. Der lebhaften Dame aus dem Caritas-Altenheim in Pforzheim gefällt nicht nur das Outfit von Pfarrerin Astrid Maschel (53), sie freut sich auch über den Gottesdienst im vierten Stock des Martinsbaus. Viel Holz an der Decke, ein Bild Mariens mit einem recht groß geratenen Jesuskind an der Wand, Raffaels berühmte Engel lächeln hinter Glas, am Kruzifix steckt ein buntes Blumensträußchen. Astrid Maschel zündet eine Kerze an.

Die speziell ausgebildete Seniorenseelsorgerin hat jeden der 14 Besucher des Gottesdienstes mit Handschlag und persönlichen, herzlichen Worten begrüßt. Eine Reaktion ist nicht immer zu erwarten, wenn die fortschreitende Demenz bei solchen Begegnungen sehr enge Grenzen setzt. Im Rollstuhl sind die Alten hereingefahren, andere brauchen den Rollator, nur wenige sind ohne Hilfe mobil. In großen Lettern ist der Text von "Macht hoch die Tür" abgedruckt. Niemand soll sich und andere durch Blättern im Gesangbuch ablenken.

"Wir warten auf Jesus, unseren Retter und Erlöser", sagt Astrid Maschel. Sie spricht langsam und laut. Einfache Sätze, keine dogmatischen Erläuterungen. Die Pfarrerin zeigt einen bunten Adventskalender, "den Sie vielleicht noch aus Kindheitstagen kennen". Alle bekommen auch etwas ab von der mitgebrachten Schokolade, wahlweise Nougat oder Haselnuss.

"Die Seele kriegt wieder Nahrung", beschreibt die Betreuerin Gabriele Drescher (57) den Effekt des "Gottesdienstes für alle Sinne". Nach Gebet und Segen seien die Alten "viel ruhiger, gerade so als hätten sie ihre Seele aufgetankt - sie können wieder loslassen", hat Drescher beobachtet. Selbst bei stark eingeschränkten Heimbewohnern seien Veränderungen spürbar: "Die Atmosphäre bekommen sie mit."

Besonders geschätzt werden Zeugnisse der Vergangenheit. Bei Ebay hat die leutselige Pfarrerin einen Schulranzen samt Schiefertafel und Schwämmchen ersteigert: "Da fangen Demente an zu erzählen wie es früher war, obwohl sie wochenlang kein Wort gesprochen haben."

Astrid Maschel ist eine mobile Verkünderin der frohen Botschaft. Sie hat keine eigene Kirchengemeinde, muss sich nicht mit Papierkram plagen und kein Ratsgremium überzeugen. Sie sucht in Pforzheim regelmäßig vier Heime auf, zwei davon gehören der katholischen Caritas. "Die Konfession spielt für mich keine Rolle", sagt sie. Freilich hat sie gemerkt, dass zu ihren Gottesdiensten immer mehr Katholiken kommen, weil es bei ihr "nicht so steif" sei, wurde ihr bedeutet.

Auf ihrer beruflichen Laufbahn, als Pfarrerin in Annaberg-Buchholz etwa, wollte sie nicht akzeptieren, dass Alter oft mit Einsamkeit gleichzusetzen ist. In Sachsen gründete sie den Seniorenkreis "Frohe Runde". Ihre jetzige Stelle in Pforzheim sei "wie für mich geschaffen".

Die Seniorenpfarrerin hält Vorträge über Leben und Tod, über Urnenbestattung und Wiederauferstehung. Sie bringt die Gitarre mit und stimmt Volkslieder an. Sie kümmert sich ebenso um das seelische Heil der Pflegekräfte, die oft überfordert seien und gar nicht so selten den Tränen nah. Astrid Maschel schiebt einen Rollstuhl über das Weinfest, mischt sich unter Feiernde, geht bei ihrem Feldzug gegen die Einsamkeit von Etage zu Etage. Ein fertiges Programm hat sie nicht, "ich gehe auf Wünsche ein".

Zu ihrer Klientel gehören ein 39-Jähriger nach einem Schlaganfall und eine 103-Jährige, die Musik so liebt. Astrid Maschel begleitet einen Todkranken, "der nicht weiß, wie er vor den Thron Gottes treten kann". Eine 90-Jährige komme über eine Abtreibung vor 70 Jahren nicht hinweg. Eine Frau sei nach vier Gesprächen "wie ausgewechselt", obwohl sie nach Missbrauch durch einen Pfarrer und Schlägen vom Ehemann schwer traumatisiert gewesen sei. Ganz gleich wie viele Jahre die Leute hinter sich und wie wenige Wochen sie noch vor sich haben, sie wollen "alles ins Reine bringen", sagt die Gerontotheologin.

Oft sitzt die Pfarrerin an einem Sterbebett. Es gibt bereits mehrere Senioren, die sie als Begleiterin bis zum letzten Atemzug gleichsam verpflichtet haben. Sie fragt die Wünsche ab für die letzten Stunden auf Erden. Manche wollen ihr Plüschtier im Arm halten, andere hätten gern die ganze Familie am Bett, wenige setzten ihre Hoffnung auf die Hilfe der Medizin und der Apparate.

Zwar gebe nicht der Tod den Ton an in den Alten- und Pflegeheimen, "es geht auch lustig und fröhlich zu". Aber Astrid Maschel ist manchmal "ausgepumpt" nach der intensiven Begegnung mit Sterbenden. Dann braucht sie "die richtige Mischung zwischen Nähe und Distanz". Wenn sie heimkommt, bittet sie Gott, "sorg" du jetzt weiter für jeden Einzelnen". Sie dürfe das Erlebte "nicht so nah an mich heranlassen, dass ich davon kaputt gehe". Dann setzt sie sich ans Klavier, stellt sich auf den Crosstrainer oder malt: "Das ist meine Selbstfürsorge."

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