Baden-Württembergs Beamte waren unter dem NS-Regime willfährig

Historiker räumen in einer Studie auf mit der Legende von den angeblich in der NS-Zeit widerständigen Behörden in Baden und Württemberg.

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Die Landesverwaltungen im Südwesten waren im Dritten Reich weder Horte des Widerstands noch von Berlins Nationalsozialisten marginalisiert: Die Bürokraten in Baden und Württemberg trugen ein beträchtliches Maß an Eigenverantwortung. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsprojekt des Wissenschaftsministeriums, dessen Zusammenfassung am Montag in Stuttgart vorgestellt wurde.

Gab es von 1933 bis 1945 nicht doch eine besondere badische Widerständigkeit, eine spezielle württembergische Opposition? Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck urteilte in der Landespressekonferenz bündig: „Reine Folklore“, sagte er nach dreijähriger Forschung. „Da ist eben leider nicht viel.“

Auch die These, den Landesbehörden sei die nationalsozialistische Agenda allenfalls übergestülpt worden, wurde als Mythos enttarnt: Es sei in hohem Maß zu einer „ideologischen Selbstmobilisierung“ und zu vorauseilendem Handeln gekommen, erklärte Scholtysecks Stuttgarter Kollege Wolfram Pyta.

Beim 2014 von Wissenschaftsministerium initiierten Projekt „Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“ wurde erstmals systematisch die Rolle der Landesverwaltungen untersucht. Die vollständigen Ergebnisse sollen 2018 in zwei Sammelbänden veröffentlicht werden. Doch schon die 80-seitige Zusammenfassung, die nun als Broschüre vorliegt, räumt mit manch populärer Entschuldigung auf.

Bisher wenig untersucht

„Unsere Recherchen haben ergeben, dass es die Nationalsozialisten bei der Machtübernahme insgesamt bei punktuellen Eingriffen in den Personalbestand der Ministerialbürokratie beließen“, sagte etwa der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum. Die Behörden im damaligen Baden und Württemberg seien auch ohne personelle Rochaden „verlässliche Instrumente der nationalsozialistischen Repressionspolitik“ gewesen – und sogar „quasi unentbehrlich“ dafür.

Zur Kommission gehören neben den genannten Universitätsprofessoren ihre Kollegen Sylvia Paletschek (Freiburg), Christiane Kuller (Erfurt) und Frank Engehausen (Heidelberg). Die Öffentlichkeit konnte die Fortschritte schon früh über eine spezielle Website begleiten und sich dabei auch einbringen.

Die Rolle der Länderregierungen im Nationalsozialismus ist bisher generell wenig untersucht. Die Kommissionsmitglieder betonten, dass es entgegen verbreiteter Annahmen damals durchaus Handlungsspielräume gab, zum Teil sogar sehr weit reichende, etwa im Baden unterstellten Elsass. Der südwestdeutsche Beamtenapparat habe sich den neuen Machthabern willig zur Verfügung gestellt, durchaus aber auch in Eigeninitiative gehandelt.

Demokratie sei verletzlich, folgerte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Sie leitete aus den Erkenntnissen die Verpflichtung ab, „nicht zu glauben, dass es irgendwann einen bestimmten Punkt gibt, eine rote Linie, die überschritten wird, ab der man dann intervenieren muss, sondern sich seiner Verantwortung immer bewusst zu sein“. Das gelte insbesondere in einer Zeit, in der Systemgegner verstärkt versuchten, Oberwasser zu gewinnen.

Die Studie thematisiert auch, dass viele Beamte ihre Karriere nach 1945 fortsetzen konnten. Der Aspekt steht aber nicht im Zentrum. Statt Einzelbiografien zu untersuchen, wollte die Kommission nach den Leitvorstellungen der Verwaltung fragen: Der Blick auf Routineabläufe und administrative Selbstbilder soll helfen zu klären, weshalb der Apparat im Kaiserreich und der ersten deutschen Demokratie genauso „funktionieren“ konnte wie im NS-Staat.

Das Wissenschaftsministerium hat das Projekt mit insgesamt 200 000 Euro unterstützt, doch den Löwenanteil der Kosten hat mit 1,45 Millionen Euro die Baden-Württemberg Stiftung getragen. „Das ist nicht unsere Kernaufgabe, aber es ist eine wichtige Aufgabe gewesen“, sagte Geschäftsführer Christoph Dahl bei der Präsentation. Im Forschungsbereich liegt der Schwerpunkt der Stiftung eigentlich auf Naturwissenschaften und Technik.

Info Mehr Informationen zu dem ­Forschungsprojekt finden sich unter: http://ns-ministerien-bw.de

1,45 Millionen Euro hat die Baden-Württemberg-Stiftung für das dreijährige Forschungsprojekt zur „Geschichte der Landesministerien in der Zeit des Nationalsozialismus“ ausgegeben.

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