Automatische Parkhäuser: Parken, Pech und Pannen

Automatik-Parkhäuser galten als modern. In Tübingen wurden sie zur millionenschweren Fehlinvestition. Sogar Streusalz und Sonnenlicht stören die Technik.

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    Wenn’s mal wieder länger dauert: Zu Stoßzeiten mussten Kunden 20?Minuten auf ihr Auto warten. Foto: 
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    Vollautomatisch in die Miesen: In Tübingen hat das Konzept für die „Parkregale“ nicht funktioniert. Die aufwendige Technik der beweglichen Plattformen erwies sich als zu fehleranfällig. Foto: 
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Viele Parkplätze auf kleinem Raum, weniger Abgase und mehr Sicherheit: Von den Vorteilen automatischer Parkhäuser war auch die Tübinger Stadtverwaltung um die Jahrtausendwende fasziniert. Für zwölf Millionen Euro ließ sie zwei solcher Parkhäuser bauen. In den damals neu gestalteten  Stadtteilen Loretto und Französisches Viertel entstanden zwei Gebäude mit jeweils konventionellen und vollautomatischen Parkbereichen. Letztere sollten 480 Stellplätze bieten. Doch was als Schritt in die Moderne gedacht war, offenbarte rasch technische Tücken: Schon bei der feierlichen Eröffnung des Loretto-Parkhauses im Frühjahr 2003 stürzte das Computersystem ab: Das erste Auto konnte nicht eingeparkt werden. Im Herbst 2005 eröffnete das Parkhaus im Französischen Viertel – zwei Jahre später als geplant. In beiden Parkhäusern folgte eine über Jahre andauernde Pannenserie.

„Das Ausmaß dessen, was auf uns zukam, war nicht abzusehen“, sagt heute Wilfried Kannenberg, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen, die beide Parkhäuser betreiben.  Bei automatischen Parkhäusern, auch Parkregale genannt, wird das Auto vom Besitzer auf einer beweglichen Plattform abgestellt – und dann platzsparend wie in einem Hochregallager platziert. Die komplexe Mechanik aber sei „sehr reparaturanfällig“ – insbesondere durch das Streusalz, das die Autos im Winter hineinbringen. Die Lagerungstechnik habe besonders empfindliche Bauteile. Bereits  Sonnenstrahlen hätten für Störungen gesorgt, sodass die Fenster nachträglich verdunkelt werden mussten.

In der Anfangsphase des Parkhaus-Betriebes habe es die meisten Störungen gegeben. Der Übergang in eine weitere problematische Phase war jedoch fließend: Mittlerweile altern die Bauteile, sodass der Reparatur- und Wartungsaufwand in immense Höhe steigt. Hinzu kommen Personalkosten. Denn das Parkhaus sollte zwar vollautomatisch funktionieren, dennoch kommt es immer wieder zu Störungen, zudem  ist Hilfe bei der Bedienung nötig. Mit alldem sorgen die Parkhäuser für 200 000 Euro Verlust im Jahr.

Eine weitere Schwierigkeit: Die Zahl der fahrstuhlähnlichen Kabinen, die jeweils ein Auto  ins Parkhaus transportieren und schließlich wieder ausspucken, ist zu knapp kalkuliert: Bei besonders starkem Andrang – etwa morgens zum Berufsverkehr – müssen die Dauerparker bis zu 20 Minuten auf  ihr Auto warten. „Das ist nicht zumutbar“, sagt Kannenberg.

Das automatische Park-Angebot sei dennoch gut angenommen worden, momentan liegt die Auslastung bei 60 Prozent. „Dabei werden wir es belassen“, sagt Kannenberg. Bei größerer Auslastung steigen sowohl die Wartezeiten als auch die Fehleranfälligkeit überproportional stark.Das größte Problem sei, dass die Lagerungssoftware speziell für die beiden Tübinger Parkhäuser programmiert wurde. Die zuständige Firma jedoch existiert nicht mehr. „Wenn diese Software ausfällt – das wäre der Supergau“, sagt Kannenberg. Deshalb müssten so schnell wie möglich neue Parkplätze geschaffen werden.

Die automatischen Parkhäuser können nur mit enormem Aufwand zu konventionellen umgebaut werden. Schließlich gibt es keine Auffahrten in die Etagen, die Decken sind äußerst niedrig. Im Französischen Viertel werden die Geschosse, die zum automatischen Parken genutzt werden, wohl abgerissen. Die unteren beiden konventionellen Parkdecks bleiben bestehen. Im Loretto soll eine neue Tiefgage mit über 300 Plätzen gebaut werden.

Trotz aller Pannen sagt Kannenberg: „Automatische Parkhäuser haben schon viele Vorteile.“ Die Autos seien dort beispielsweise besser vor Diebstahl geschützt. Die Entscheidung für die Parksysteme hatte vor allem auch stadtplanerische Gründe: Als die Französische Armee in den 1990er Jahren ihre Standorte in der Tübinger Südstadt aufgab, entschloss sich die Stadt, die Flächen zu kaufen. Es sollten Stadtviertel mit möglichst wenig Autoverkehr entstehen. Kannenbergs heutiges Fazit: „In sehr großen Millionenstädten mit sehr großer Platznot kann man sich mit automatischen Parkhäusern durchaus auseinandersetzen.“

Probleme auch in anderen Städten

Geschichte Tübingen ist nicht die einzige Stadt,  die Pannen mit der Technik erlebt hat. In Zürich eröffnete 2001 ein vollautomatisches Parkhaus – und schloss nach sechs Wochen, weil die Technik nicht funktionierte. In Basel startete im Mai 1958 „das erste vollautomatische Autosilo der Welt“. Nur ein Mensch sollte zur Bedienung notwendig sein. Das funktionierte genau eine Stunde lang. Die Geschichte automatischen Parkens reicht jedoch noch weiter zurück: 1905 wurde in Paris die „Garage du Rue Ponthieu“ gebaut – die erste mechanische Großgarage. In Chicago bot ab 1937 ein Park-Paternoster Platz für 22 Automobile. Überall, wo es besonders beengt zugeht, ist das Konzept weiter im Einsatz – etwa in Japan.del

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Kommentare

30.08.2016 09:32 Uhr

Deutsche Ingenieurskunst ;-)

Vielleicht sollte man bei den Chinesen anfragen...

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