Ausgespülte Müllkippen: Das kann überall im Land pasieren

Starkregen hat in Forchtenberg zwei ehemalige Müllkippen ausgespült. Mit Millionenaufwand werden Geröll und Abfall beseitigt. Landauf, landab kann so etwas passieren.

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  • Weggespült: Bei dem heftigen Unwetter Ende Mai 2016 haben die Wassermassen Geröll, Boden und Abfall aus der ehemalige Müllkippe Flatterberg mitgerissen. 1/2
    Weggespült: Bei dem heftigen Unwetter Ende Mai 2016 haben die Wassermassen Geröll, Boden und Abfall aus der ehemalige Müllkippe Flatterberg mitgerissen. Foto: 
  • Gefährliche Mischung: Das im Boden verborgene Material aus der ehemaligen Müllkippe wurde ausgespült.  2/2
    Gefährliche Mischung: Das im Boden verborgene Material aus der ehemaligen Müllkippe wurde ausgespült. Foto: 
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Vier Tote und Millionenschäden an Gebäuden und Straßen gab es bei der Unwetterkatastrophe Ende Mai 2016: Gewitter und Starkregen machten sonst harmlose Bäche zu reißenden Gewässern, die vor allem in der Region Heilbronn-Franken viele Orte fluteten. Regelrecht zerstört wurden Häuser und Straßen in Braunsbach. Schwer getroffen hat es auch Forchtenberg, eine Stadt mit 5000 Einwohnern im Hohenlohekreis.

In Forchtenberg spülten die Wassermassen auch längst nicht mehr benutzte Müllkippen aus: Flatterberg und Engelbach. Boden, Geröll und Abfall wurden mitgerissen und landeten auf landwirtschaftlichen Flächen und in bebauten Bereichen.

Die Stadt hat das gefährliche Gemisch längst beseitigt und zwischengelagert. Aber abgehakt ist der Schlamassel nicht. „Das kann so ähnlich überall passieren“, sagt Bürgermeister Michael Foss.

Nicht nur in Forchtenberg gibt es noch andere aufgefüllte Müllkippen. Landauf, landab hatten die Kommunen bis in die 70er Jahre ihre kleinen Abfalldeponien. Hier landete alles, was nicht mehr gebraucht wurde. Waren sie verfüllt, wuchs Gras drüber.

Weil mit dem Klimawandel Wetterextreme öfter vorkommen, Unwetter häufiger sind und Stark­regen heftiger ausfällt, drohen Gefahren durch die mögliche Ausspülung der Altablagerungen. Abfall und möglicherweise belastete Böden könnten über weite Flächen verteilt werden.

Beim Starkregen im Mai 2016 hat es nach Angaben des Stuttgarter Regierungspräsidiums zwei weitere Altablagerungen in Mulfingen und Künzelsau getroffen. Die notwendig gewordenen Sanierungen werden vom Land gefördert.

Insgesamt sind 28 000 Altablagerungen im Bodenschutz- und Altlastenkataster des Landes registriert, alte Müllkippen oder Erd­aushubdeponien. Altlastverdächtig sind davon rund 2600. „Im Einzelfall“ sei nicht auszuschließen, dass auch anderweitig im Land Hangrutschungen vorkommen könnten, sagt Peter Dreher, Referatsleiter Boden und Altlasten in der LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg. 158 Altablagerungen sind inzwischen saniert, bei 124 läuft die Sanierung.

„30 Altablagerungen landesweit sind erfasst, bei denen hauptsächlich mit Gefahren durch Rutschungen oder Einstürzen von Verdolungen gerechnet werden muss“, sagt Dreher. Drei davon seien saniert, elf in der Sanierung. Die restlichen 16 müssen noch untersucht oder saniert werden. „Einige davon sind gesichert oder werden überwacht.“

Für die Kommunen bietet die LUBW einen Leitfaden zum Stark­regenrisikomanagement, sagt Drehers Kollegin Iris Vetter. Starkniederschläge von kurzer Dauer und hoher Intensität verursachen inzwischen 50 Prozent  aller Hochwasserschäden, keine Region sei von diesen Naturgefahren ausgenommen.

In Forchtenberg mussten rund 1200 Tonnen weggeschwemmtes Geröll und Abfall weggeräumt werden. Das kostet. Rund 1,4 Millionen Euro hat das Land kürzlich zugesagt, 50 Prozent beträgt die Förderung. Die Stadt lässt geologisch untersuchen, ob die alten Abfallhalden standsicher gemacht werden müssen – für den nächsten Starkregen.

Entsorgung wird teuer

Geklärt werden müsse auch noch, was mit dem zwischengelagerten Gemisch aus Boden und Müll passiert, sagt Foss. Eine Entsorgung würde 1,2 Millionen Euro kosten – 1000 Euro pro Tonne.

Der restliche Inhalt der Müllkippen ist nicht gefährlich, immerhin. Eine Starkregenanalyse soll aufzeigen: Wo muss, wo kann etwas gemacht werden für den Hochwasserschutz in Forchtenberg. „Wir haben eine lange Kocherstrecke in unserem Gebiet mit neun kritischen Bereichen“, sagt Foss. Ende Mai 2016 hat es nur den Bereich nördlich des Flusses getroffen. „Wir haben aber auch Klingen südlich.“ Was helfen kann, wird untersucht, vielleicht Rückhaltebecken. „Aber klar ist, einen 100-prozentigen Schutz wird es nie geben, auch wenn wir alles machen, was an Vorsorge geht“, sagt Bürgermeister Foss.

1 Noch in den 1960er Jahren wurde ziemlich sorglos mit Abfall und Chemikalien hantiert. In Müllkippen landete alles. Wie manche Firma die Böden verpestete, interessierte auch wenig. Langfristige Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt wurden lange nicht ernstgenommen.

2 Baden-Württemberg begann 1988 mit dem systematischen Aufarbeiten der Altlasten – als erstes Bundesland. Mehr als 100.000 Flächen wurden seither erfasst, 18.000 Flächen als „altlastenverdächtig“ oder als Altlasten eingestuft, mehr als 3600 Flächen saniert. Bei 41 Prozent besteht akut kein Handlungsbedarf, bei 41 Prozent gab es Entwarnung.

3 Altstandorte sind stillgelegte Industrieanlagen, Altablagerungen sind alte Mülldeponien, wilde Müllkippen oder auch Schuttabladestellen. Mineralölkohlenwasserstoffe, aromatische Kohlenwasserstoffe, Schwermetalle, Chlorkohlenwasserstoffe und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sind die häufigsten Schadstoffe.

4 Das Land unterstützte bisher mit rund 800 Millionen Euro die kommunale Altlastenbehandlung. Mindestens 20 Jahre wird es noch dauern, bis die altlastverdächtigen Flächen erkundet und weitgehend beseitigt sind. aw

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