Aus für Pilotprojekte: Jugendverbände sauer auf Minister Lucha

Jugendverbände im Land sind sauer, weil der neue „Masterplan Jugend“ des Sozialministeriums auf sich warten lässt. Vielen hoch gelobten Pilotprojekten geht derweil das Geld aus.

|
Minister Manfred Lucha  Foto: 

Das ist sehr bedauerlich“, kommentiert Martin Bachhofer von der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten die Situation. Ähnlich sehen das Vertreter des Landesjugendrings oder der Landjugend. Schon im September hatten sie ein Eckpunkte-Papier ans Ministerium geschickt, um wenigstens die wichtigsten von rund 40 Pilotprojekten aus dem bisherigen „Zukunftsplan Jugend“ fortzuführen. Bisher ohne Reaktion. Dabei stünde weiteres Geld für einen neuen „Masterplan für die Jugend“ laut Koalitionsvertrag bereit, berichtet Bachhofer.

Doch das Ministerium von Manne Lucha (Grüne) lässt sich Zeit – dadurch würden ein Teil der investierten zehn Millionen Euro und des aufgebauten Wissens verschenkt: „Das ist, als würde das Ministerium nur die Hälfte der Ernte einfahren“, urteilt Bachhofer. Viele Projekt-Beteiligte überall im Land und in den mühsam aufgebauten Bildungs-Netzen spüren die Auswirkungen: Angestellte Mitarbeiter haben sich zum Teil schon andere Jobs gesucht, sind in neue Projekte gewechselt, weil die Finanzierung Ende Dezember auslief. Projekt-Träger in Rottenburg (Kreis Tübingen) oder Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis) streckten zumindest die Gelder bis Ende Februar, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Wir hatten gehofft, auch die neue Regierung von der Qualität der Projekte überzeugen zu können“, sagt Micha Schradi, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Landjugendverbände.

Ein Beispiel für eines der erfolgreichen Projekte lässt sich in Blaubeuren besichtigen: Michel Hermann, der dort ein „Lokales Bildungsnetz“ (Lobin) aufbaute, hat durch seine Aktionen viel in Bewegung gebracht für Jugendliche in der Stadt. Es entstanden engere Kontakte zwischen Vereinen und Schulen und neues Leben im städtischen Jugendhaus. Jugendliche ließen sich mit Hilfe von Mentoren-Programmen aktivieren, zahlreiche Migranten fanden eine neue Heimat in Sportvereinen.

Hermann hofft, dass sich trotz des absehbaren Projektendes etwas erhalten lässt. Der Draht zwischen Vereinen und anderen Projektbeteiligten soll nicht ganz abreißen. „Ich will nicht sang- und klanglos aufhören.“ Das gegenseitige Vertrauen sei bei dieser Arbeit enorm wichtig. Nur so könne eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Vereinen beispielsweise im Rahmen der Ganztagsschule entstehen.

Erste Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung der Pilotprojekte loben den Effekt der Bildungsnetzwerke. „In allen neun Standorten war klar zu sehen, dass neue Gruppen von Jugendlichen erreicht wurden“, benennt Karl Gschwind von der Forschungsstelle Mabev der Uni Tübingen einen wichtigen Vorteil. Gschwind war beeindruckt, wie viele ehrenamtliche Akteure aus Verbänden und Vereinen sich einbinden ließen. „Interessant wäre nun, genauer zu beobachten, wie  stabil und nachhaltig sich ein solches lokales Bildungs-Netzwerk über mehrere Jahre hinweg erweist – und weshalb.“

Karl Wagner, Projekt-Koordinator von der Diakonie Württemberg, stellte fest, wie Jugendliche unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund Angebote auswählen, die ihnen liegen. Ein Hip-Hop-Workshop oder ein Fußball-Turnier zog im Blaubeurer Projekt beispielsweise viele an, die sich sonst kaum auf gemeinsame Aktionen einlassen. „Bildung ist nicht nur das, was wir in der Schule lernen, sondern dazu trägt viel mehr bei“, sagt Wagner. Das Engagement in Vereinen, in Sozial- oder Umweltschutz-Verbänden oder in den Kirchen gebe Jugendlichen Selbstbewusstsein und mache es ihnen möglich, Verantwortung zu übernehmen, ergänzt Wagner.

Das Sozialministerium teilte auf Nachfrage mit, dass es „an einer Weiterentwicklung des Zukunftsplans Jugend arbeitet“. Das Kabinett müsse am Ende aber noch zustimmen, und so könnten keine genaueren Zeitangaben gegeben werden, ob und wann innovative Jugend-Projekte fortgesetzt werden könnten. „Ein halbes Jahr wurde mindestens vertan“, meint Jürgen Dorn, Geschäftsführer des Landesjugendrings Baden-Württemberg. Jetzt wünsche er sich vom Ministerium, dass schnell am angekündigten „Masterplan Jugend“ gearbeitet werde, um doch noch auf  einigen Erkenntnissen und Strukturen, die geschaffen wurden, aufbauen zu können.

Der „Zukunftsplan Jugend“ wurde von der grün-roten Landesregierung entwickelt und lief Ende 2016 aus. Das ist üblich, um der neuen Regierung Spielraum zu geben. Im grün-schwarzen Koalitionsvertrag wurde ein neuer „Masterplan Jugend“ vorgesehen, der aber noch nicht vorliegt.

Ein wichtiges Thema ist die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Ganztagsschule. In neun Pilotprojekten wurde der Aufbau lokaler Bildungsnetze erprobt. Ziel: Jungen Menschen ein attraktives, nicht kommerzielles Bildungsangebot aufzubauen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kuhberg: Was den Anwohner Sorge macht

30 Ulmer gehen mit dem Oberbürgermeister über den Unteren Kuhberg und sagen, was ihnen Sorgen macht. weiter lesen