Aus dem Gleis gesprungen

Drei Schwerverletzte, Sachschaden in Millionenhöhe: Das ist die Bilanz eines Zugunglücks, das sich gestern auf der Strecke Ulm-Memmingen ereignet hat. Eine Regionalbahn hatte ein Auto erfasst und war entgleist.

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  • Aufräumarbeiten nach dem Crash: Die Illertalbahn wird nach dem Crash einer Regionalbahn bei Kellmünz (Kreis Neu-Ulm) noch tagelang gesperrt bleiben. Auf der Strecke müssen laut Bahn-Angaben nicht alle Übergänge beschrankt sein. Fotos: dpa, Ralf Zwiebler (2) 2/3
    Aufräumarbeiten nach dem Crash: Die Illertalbahn wird nach dem Crash einer Regionalbahn bei Kellmünz (Kreis Neu-Ulm) noch tagelang gesperrt bleiben. Auf der Strecke müssen laut Bahn-Angaben nicht alle Übergänge beschrankt sein. Fotos: dpa, Ralf Zwiebler (2)
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Ein schweres Zugunglück hat gestern auf der Illertalbahn zwischen Ulm und Memmingen zu einem Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften geführt. Drei Menschen wurden schwer verletzt, zehn weitere leicht, darunter der Lokführer. Der Unfall ereignete sich kurz vor 7 Uhr an einem Bahnübergang in Kellmünz im Landkreis Neu-Ulm (Bayern). Wie die Polizei berichtete, hatte ein Regionalzug am nördlichen Ortseingang ein Auto erfasst und etwa 100 Meter mitgeschleift. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass der Triebwagen des zweiteiligen Zugs aus den Gleisen sprang, sich um 180 Grad drehte und in einen Vorgarten stürzte. Der hintere Teil des Zugs sprang ebenfalls aus den Gleisen. Er rutschte einige Meter weiter, blieb dann auf dem Gleisbett stehen.

Die 46 Jahre alte Fahrerin des Unfallautos wurde in ihrem völlig demolierten Golf eingeklemmt und musste von der Feuerwehr befreit werden. Ein 21 Jahre alter Mann wurde aus dem Zug geschleudert, ein 52 Jahre alter Fahrgast ebenfalls schwer verletzt. Die Schwerverletzten wurden in Kliniken geflogen, die Autofahrerin laut Polizei in lebensbedrohlichem Zustand.

Rettungsdienst, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Polizei waren mit 150 Einsatzkräften, darunter sechs Notärzte und einige Notfallseelsorger, 40 Fahrzeugen und vier Rettungshubschraubern vor Ort. Den Einsatzkräften bot sich ein Bild der Verwüstung: Das Gleisbett war zerstört, Schienen waren verschoben, Betonschwellen herausgerissen, die darunter verlegten Signalleitungen in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Unfallursache ist nicht bekannt. Der Übergang, an dem sich das Unglück ereignete, hat keine Schranken, er ist mit einer Signalanlage und Andreaskreuzen gesichert. Warum die ortskundige Autofahrerin die Bahnstrecke querte, obwohl sich der aus Ulm kommenden Zug mit hoher Geschwindigkeit näherte, ist unklar. "Nach ersten Erkenntnissen haben die Blinklichtzeiten am Bahnübergang ordnungsgemäß funktioniert", heißt es in einer Mitteilung der Bahn.

Die 46-Jährige querte den Übergang in Richtung Osten. Möglicherweise sei die Frau von der zu dieser Tageszeit noch verhältnismäßig tiefstehenden Sonne geblendet gewesen, heißt es bei der Polizei. Die Polizei im benachbarten Illertissen hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, die Staatsanwaltschaft einen Gutachter beauftragt. Er soll den genauen Unfallhergang klären.

In dem Regionalzug befanden sich zum Zeitpunkt des Unglücks 50 Fahrgäste. Jene unter ihnen, die mit dem Schrecken davongekommen waren, wurden in ein nahe gelegenes Feuerwehrhaus gebracht und dort betreut.

Bahn und Polizei schätzen den Schaden auf rund 3,5 Millionen Euro. Die Aufräumarbeiten gestalten sich schwierig: Ein Reparaturzug hat gestern Abend den auf dem Gleisbett verbliebenen Teil der Unglücksbahn wieder auf die Gleise gehoben und dann abgeschleppt. Die Bergung des umgestürzten Triebwagens hingegen ist heikel: Zwei 400 und 500 Tonnen schwere Kräne privater Unternehmen aus München und dem Allgäu wurden angefordert. Die 440 und 500 Tonnen schweren Spezialfahrzeuge werden heute am frühen Morgen am Unglücksort erwartet. Gestern Nacht hat die Bundespolizei den Unfallort weiträumig abgesperrt und überwacht.

Die Illertalbahn über Memmingen weiter nach Kempten ist die Hauptachse von Ulm ins Allgäu. Auf der gut 80 Kilometer langen Illertalbahn gibt es 50 Bahnübergänge. 43 sind nach Angaben eines Bahnsprechers aus München mit Schranken- und Signalanlagen gesichert, sechs schrankenlos, aber mit Signalanlagen und Andreaskreuzen ausgestattet. Ein Bahnübergang auf der Trasse muss ohne moderne Technik auskommen. Dieser ist lediglich mit Andreaskreuzen gesichert.

Für die Menschen entlang von Donau und Iller ist die Trasse Ulm-Memmingen-Kempten eine zentrale Achse, für die Bahn offiziell eine "eingleisige Nebenstrecke". Auf solchen Strecken müssen nicht alle Übergänge beschrankt sein, heißt es bei der Bahn.

Auf der Illertalbahn dürfen Züge bis zu 140 Stundenkilometer schnell fahren. Wie schnell der Unglückszug unterwegs war, soll die Auswertung des elektronischen Fahrtschreibers zeigen.

Aufräumarbeiten dauern mehrere Tage
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