Auf der Suche nach neuen Märkten für den Alkohol

|

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Kleinbrenner, die auch noch in einem Jahr ihre Destillate brennen und vermarkten möchten, müssen sich etwas einfallen lassen. Denn am Ende dieses Jahres fällt das Branntwein-Monopol – und mit ihm die Sicherheit, Alkohol zu gesetzlich garantierten Preisen an die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein  abgeben zu können. Für die Kleinbrenner versiegt damit eine sichere und kalkulierbare Einnahmequelle. Da es in anderen EU-Ländern eine derartige staatliche Beihilfe nicht gibt, hat die EU bestimmt, dass das Monopol fallen muss. Damit wird der Wettbewerb gerechter, aber auch schärfer. Viele Brenner werden auf der Strecke bleiben. In diesem Wettbewerb können nur die bestehen, die hochwertige Brände produzieren und sie erfolgreich vermarkten. Die Frage ist wie? Die Suche nach Marktnischen hat bereits begonnen.

In eine ist der Bäckerinnungsverband Baden gestoßen. Verbandsmitglieder haben den Schwarzwälder Kirschstollen kreiert, in dem nur Schwarzwälder Kirschwasser von bester Qualität verarbeitet werden darf. Da der Stollen das ganze Jahr über angeboten wird, brauchen die Bäcker ständig Nachschub. Die Brenner sind gefordert.

Nachschub fordern auch viele Stammkunden von Hofläden. Die Direktvermarktung der Destillate setzt jedoch höchste Qualität voraus. Darauf haben sich Ralf Löhle und sein Vater Hermann vom Winzerhof Löhle in Meersburg am Bodensee spezialisiert. Sie verwerten das Obst von ihren Streuobstwiesen mit alten Sorten, um daraus qualitativ hochwertige Brände herzustellen. Der Wegfall des Branntwein-Monopols bereitet ihnen keine Sorgen. „Wir haben für den Wegfall des Brannwein-Monopols gut vorgesorgt. Wir sind gut aufgestellt“, sagt Ralf Löhle. Er ist Winzermeister und absolviert gerade die Ausbildung zur staatlich geprüften Fachkraft für Brennereiwesen. Zusätzlich macht er sich im Marketing fit. Sein Können, zum Beispiel aus Äpfeln, Birnen und Mirabellen aromatische Schnäpse herzustellen, hat er immer weiter verfeinert. Inzwischen räumt er mit seinen Produkten regelmäßig Preise ab.

Er hat damit bereits umgesetzt, was die CDU-Bundestagsabgeordnete Kordula Kovac aus dem Ortenaukreis den Brennern empfiehlt. Sie vertritt in Berlin die Region Südbaden und ist Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und Ernährung. Darin kämpft sie auch für die 8000 Klein- und Obstbrennereien, die es allein im Ortenaukreis gibt. Dort herrscht die größte Dichte an Kleinbrennern, gefolgt vom Bodenseekreis. In Baden-Württemberg gibt es 18 000 Kleinbrennereien, davon  sind 11 000 in Baden. Ein Grund dafür sind die Streuobstwiesen mit alten Obstsorten, die es in diesen Regionen häufig noch gibt.

Um auch ohne Branntwein-Monopol überleben zu können, rät Kordula Kovac den Brennern unter anderem zur Selbstvermarktung. Dafür müsse „ein auf ihren Betrieb individuell zugeschnittenes Marketingkonzept“ erstellt werden. Unabdingbar seien ein Hofladen und Hoffeste, wie sie zum Beispiel in Nesselried bei Appenweier seit 2006 unter dem Motto „Nesselried brennt“ stattfinden und überregional bekannt sind. Auch die Internet-Präsenz sei wichtig, ebenso wie Fortbildungen und die ansprechende Präsentation der Produkte.

Ralf Löhle bietet für Gruppen zusätzlich das Schau-Brennen an. Dafür hat er 2010 im Winzerhof eine Schaubrennerei eröffnet, die nach seiner Auskunft von 25 Gruppen pro Jahr besucht wird. „Das ist genial, den Leuten die Herstellung des Produkts zu zeigen“, sagte Landwirtschaftsminister Peter Hauk im Oktober bei der Eröffnung der Brennsaison.

Die Vermarktung von minderwertigerem Alkohol, der beim Brennvorgang ebenfalls entsteht und der bisher als Agraralkohol an die Bundesmonopolverwaltung abgegeben werden konnte, kann aus Sicht von Kordula Kovac nur gelingen, wenn sich Kleinbrenner „zu einer Erzeugerorganisation für Agraralkohol oder einer Genossenschaft zusammenschließen“. Als Beispiel dafür nennt sie die „Alde Gott Edelbrand Schwarzwald e.G“, eine Genossenschaft, die die Obstbrände ihrer 350 Mitglieder bundesweit unter einer Marke vermarktet. Nach ihrem Wissen ist das bundesweit die einzige Edelbrand-Genossenschaft.

Trotz vieler möglicher Strategien ist zu befürchten, dass viele Kleinbrenner aufgeben, weil sich das Brennen für sie nicht mehr lohnt. Das allerdings wird ein Problem weiter verschärfen, auf das Naturschützer seit Jahren hinweisen: das Aussterben der Streuobstwiesen. Wenn die Landwirte für das Obst der Streuobstwiesen keine Verwendung mehr haben, werden sie die Bäume mit den alten Sorten fällen.

Seit 1951 können Klein- und Obstbrenner minderwertigen Alkohol an die Bundesmonopol-Verwaltung abgeben und werden dafür gut bezahlt. Freilich wird das Geschäft vom Bundesfinanzministerium subventioniert. Aus dem minderwertigen Agraralkohol wird Alkohol für die Industrie hergestellt. Die garantierte Abnahme des Alkohols entfällt auf Druck der EU Ende 2017.

Mit dem Wegfall des Branntwein-Monopols gibt es auch keine Brennrechte mehr. Die wurden oft über Jahrhunderte an die nächsten Generationen weitergegeben und wie ein Schatz gehütet. Künftig kann jeder brennen, der die Voraussetzungen dafür erfüllt. wal

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ulmerin berichtet aus Barcelona: „Es ist so schrecklich“

Die Ulmer Künstlerin Cecilia Espejo hält sich derzeit in der Nähe von Barcelona auf. Nach dem schrecklichen Terroranschlag berichtet sie von ihren Eindrücken. weiter lesen