Attraktion oder Winterruhe

Die höchsten Verwaltungsrichter des Landes befassen sich mit einem winzigen Tierchen. Sie müssen entscheiden, ob Mopsfledermäuse während ihres Winterschlafs eine Museumsbahn stoppen dürfen.

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Wird im Winter von Fledermäusen ausgebremst: Die Sauschwänzlebahn zwischen Blumberg und Weizen.  Foto: 

Auch ein Eilverfahren wird nicht im ICE-Tempo erledigt, wenn es sich um eine Eisenbahn dreht. Deshalb wird der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim voraussichtlich erst im April über eine Beschwerde gegen ein Urteil vom 26. August 2015 entscheiden. Es geht um den Zwangsstopp der Sauschwänzlebahn im Südschwarzwald. Weil in Tunnels zwischen den Bahnhöfen Zollhaus und Weizen in Blumberg (Schwarzwald-Baar-Kreis) Fledermäuse, hauptsächlich 200 winzige Mopsfledermäuse, überwintern, hat die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes die geplanten "Nikolausfahrten" während der Adventszeit untersagt. Seit 2013 gilt von 1. November bis 31. März also auch eine Winterruhe für den Zug.

Die Bahnbetriebe Blumberg GmbH & Co KG, eine hundertprozentige Tochter der Kommune, will sich nicht fünf Monate lang aufs Abstellgleis bugsieren lassen. Doch das Verwaltungsgericht Freiburg hat am 26. August 2015 den Antrag auf eine aufschiebende Wirkung der naturschutzrechtlichen Anordnung abgelehnt. Deshalb folgt der Gang vor die nächste Instanz in Mannheim. Die Kläger erklären, dass mit der Planfeststellung für die Bahn noch vor der ersten Fahrt eine "zeitlich unbeschränkte Betriebsgenehmigung" erteilt worden sei. Trotz des Naturschutzes müsse "die bestimmungsgemäße Nutzung einer öffentlichen Eisenbahninfrastruktur" garantiert bleiben. Deshalb hätte das Landratsamt zunächst eine Umsiedlung der Fledermausbestände erwägen müssen, falls diese tatsächlich gefährdet sein sollten. Für die Bahner gibt es deshalb keinen Grund für den Vorrang des Naturschutzes.

Für den 5. Senat des Verwaltungsgerichtshofs spiele keine Rolle, ob es sich um einen regulären Zugverkehr oder eine zeitweise eingesetzte Museumsbahn handle, sagte VGH-Sprecher Karsten Harms auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Vor der Entscheidung über Aktenzeichen 5 S 1984/15 sei keine mündliche Verhandlung vorgesehen.

Bei dem Zügle handelt es sich um ein Attraktion besonderer Art. In einer guten Saison werden 120.000 Ausflügler befördert. "Die Sauschwänzlebahn ist nicht nur ein herausragendes touristisches Ziel, sondern zudem ein technisch einzigartiges Gesamtbauwerk", sagte Winfried Hermann, als er am 8. September 2014 am Bahnhof Zollhaus eine Plakette enthüllte. Seither ist die Bahn ein "historisches Wahrzeichen der Ingenieurskunst". Einst aufwendig geplant und gebaut vornehmlich für Militärzwecke, diene sie heute dem Frieden und der Verständigung über Grenzen hinweg. Die Sauschwänzlebahn sei "exemplarisch für die herausragenden Ingenieurleistungen im Eisenbahnbau am Ende des 19. Jahrhunderts", sagte der Präsident der Ingenieurkammer, Hans-Ullrich Kammeyer. Gleisführung und Bauwerke bildeten ein "in Europa einmaliges Ensemble". Die Zugstrecke stellen die Ingenieure auf eine Stufe mit dem Stuttgarter Fernsehturm, der 2009 ausgezeichnet worden ist.

Ihren Namen verdankt die 1887 erbaute Strecke den vielen Kurven, die an das gekringelte Schwänzchen einer Sau erinnern. Die Bahn ist der Mittelteil der Verbindung zwischen badischer Schwarzwaldbahn und Hochrheinbahn. Weil der historische Zug auf dem Weg in das eigentlich nur zehn Kilometer Luftlinie entfernte Weizen 230 Höhenmeter passieren muss, wurde die Strecke beim Bau künstlich mit zahlreichen Kurven, vier Brücken und sechs Tunneln verlängert. Darunter ist der einzige Tunnel außerhalb der Alpen, der auf dem Weg nach oben nahezu einmal im Kreis verläuft. So senkten die Ingenieure vor fast 125 Jahren die Steigung von bis zu 2,4 Prozent auf im Schnitt etwa 0,9 Prozent. Schweres Kriegsgerät sollte auf den Steigungen von den Dampflokomotiven nach dem deutsch-französischen Krieg möglichst rasch ins Elsass transportiert werden können.

Am 9. April beginnt die neue Saison. Dann, versprechen die Betreiber, gebe es wieder "einzigartige Dampf- und Dieselzugfahrten". Der Fahrplan endet am 31. Oktober mit einer "Halloween-Fahrt" - falls die Richter in Mannheim die Signale weiter auf Halt stehen lassen.

Die Mopsfledermaus muss geschützt werden

Aussehen Die platte Nase hat der Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) den Namen eingebracht. Der flatternde Säuger ist um die fünf Zentimeter klein, wiegt etwa zehn Gramm und kann seine Flügel fast 30 Zentimeter weit aufspannen. In den Tunneln der Sauschwänzlebahn ist das zweitgrößte Vorkommen Deutschlands.

Schutz Die mittelgroße Fledermaus mit der seidigen Behaarung ist vom Aussterben bedroht. In weiten Teilen Deutschlands wurden keine Bestände mehr registriert. Aus diesem Grund wird bei jedem Auftauchen bzw. Abhängen besondere Vor- und Rücksicht verlangt. Deshalb musste auch bei der Sicherung der Wittlinger Steige bei Bad Urach 2014 auf die sonst üblichen und bereits eingeplanten Sprengungen verzichtet werden. Selbst schweres Gerät durfte an der Kreisstraße 6706 für die sogenannte Felsberäumung nicht eingesetzt werden. Stattdessen entfernten die angeseilten Spezialisten aus Österreich das lose Gestein von Hand mit Spaltwerkzeugen.

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