Atomfracht: Werbung für umstrittenen Schiffstransport

Die ENBW wirbt auf einer Info-Tour bei Gemeinderäten für einen umstrittenen Atommüll-Transport. Erste Station war das Heilbronner Rathaus.

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Das Energieunternehmen ENBW will aus dem seit 2005 stillgelegten Atomkraftwerk in Obrigheim 342 hochradioaktive Brennelemente nach Neckarwestheim schaffen.  Foto: 

Harry Mergel, SPD-Oberbürgermeister von Heilbronn, möchte, „dass die Bevölkerung umfassend informiert sein muss, um Risiken und Begleiterscheinungen richtig einzuschätzen“. Dabei geht es um eine ebenso spektakuläre wie umstrittene Fracht auf dem Neckar. Das Energieunternehmen ENBW will, wie mehrfach berichtet, aus dem seit 2005 stillgelegten Atomkraftwerk in Obrigheim 342 hochradioaktive Brennelemente nach Neckarwestheim schaffen, weil im dortigen Zwischenlager dafür genügend Platz wäre. Der Transport soll auf dem Neckar vollzogen werden, weil sich der Wasserweg nach Einschätzung der ENBW dafür am besten eignet. Alternativen auf Schiene und Straße wurden verworfen.

Der Transport auf dem Neckar sei „sicher und verantwortlich machbar“, erklärte Manfred Möller von der ENBW den Heilbronner Stadträten. Zwar liegt die Genehmigung für die geänderte Nutzung des Neckarwestheimer Depots – es war ursprünglich nur für Abfall aus den beiden örtlichen Reaktoren gedacht – seit vergangenen August vor. Auch die verkehrsrechtliche Zulassung der Behälter des Typs Castor 440/84 mvK ist seit November 2013 erteilt. Sie seien „unter extremen Bedingungen getestet“ worden. Aber die im März 2014 beantragte Erlaubnis für den Schiffstransport von nuklearem Material steht noch aus.

Um die 342 Brennelemente aus einem Nasslager in Obrigheim ins 50 Kilometer entfernte Neckarwestheim zu schaffen, müssen sie in 15 Castor-Container umgepackt werden. Jeweils drei  Behälter werden auf ein Spezialfahrzeug geladen, das auf einen Schubleichter rollt. Dieser Frachtkahn habe „einen eigenen Antrieb und kann nicht untergehen“, erklärte Möller. Der Schiffsverband erfülle „hohe sicherheitstechnische Anforderungen“. Im 2,80 Meter tiefen Fluss könne das Doppelwandschiff „nicht versinken, nur auf Grund laufen“.

Für die Verlagerung des brisanten Atommülls sind fünf Fahrten nötig. Eine Tour dauert nach Angaben Möllers „zehn bis zwölf Stunden“. Heilbronns OB Mergel rechnet mit Verkehrsbeeinträchtigungen, wenn die strahlende Fuhre das Stadtgebiet durchquert.

Auch wenn Möller „ein Höchstmaß an Sicherheit“ verspricht, gibt es große Bedenken bei Kritikern, weil solche Transporte auf Binnengewässern noch nicht erprobt seien. Anti-Atom-Gruppen befürchten bei einem Unfall auf dem Fluss eine radioaktive Verseuchung der Region.

Früher wurden Castoren aus Neckarwestheim zur Wiederaufarbeitung oder Zwischenlagerung auf der Straße zum Bahnhof ins 5,6 Kilometer entfernte Walheim (Kreis Ludwigsburg) gekarrt. Selten verlief dies störungsfrei. Im April 2001 mussten 2500 Polizisten aufgeboten werden für das sichere Geleit des Konvois. Dennoch gelang 150 Aktivisten eine einstündige Sitzblockade. Im März 1998 standen 400 Demonstranten 4000 Polizisten und tausend Grenzschützern gegenüber. Weil sich trotzdem zwei Männer unter die Bundesstraße gewühlt hatten, mussten die Lastwagen eine sechsstündige Zwangspause einlegen.

Lange Zeit rollte der Schwertransport über ein Gefälle, das für Gefahrgut wie Heizöl, Benzin und Chemikalien gesperrt war. Die „Lauffener Steige“ durfte nur mit Sondergenehmigung des Bundesverkehrsministeriums befahren werden. Eine Brücke über den Neckar bei Kirchheim musste 1996 auf Kosten der ENBW für fünf Millionen Euro verstärkt werden, um die 227 Tonnen schwere Fracht zu verkraften.

Trotz akkurater Prüfungen waren die Fahrzeuge des Spediteurs nicht immer zuverlässig. Bremsen wurden so stark strapaziert, dass sie qualmten. Ein fabrikneuer Reifen platzte, ein Austauschmotor blieb mit einem Kolbenfresser liegen. Auf einer Zugmaschine geriet ein Sack mit Pylonen in Brand.

Auf dem Neckar sind zwischen Obrigheim und Neckarwestheim sechs Schleusen zu überwinden. Diese Eng- und Stoppstellen müssen besonders geschützt werden, sowohl gegen Unfälle als auch gegen Angriffe von außen. Der Neckarwestheimer Bürgermeister Jochen Winkler möchte den Castor-Umzug am liebsten verhindern. Bei einer eventuellen Klage gegen die noch ausstehende Transportgenehmigung will er sich die Sicherheitsvorkehrungen „sehr genau anschauen“.

18 Gemeinden betroffen

Aufklärung Die Energie Baden-Württemberg hat allen 19 Neckaranliegern zwischen Obrigheim und Neckarwestheim eine Information über den Atom-Transport in einer Gemeinderatssitzung angeboten. Elf Kommunen haben Termine vereinbart, nach Heilbronn folgt am Montag Haßmersheim. Mit den anderen acht Rathäusern gibt es Kontakte, aber noch keine Entscheidung über einen persönlichen Besuch. hgf

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