Asylbewerber im Fürstenschloss

Wo einst die Fürsten zu Hohenlohe-Kirchberg über einen Staat von elf Ortschaften regierten, residieren demnächst Bauern - und Platz für 150 Flüchtlinge ist in dem Schloss über der Jagst auch noch.

|
Neue Besitzer, neue Nutzung: Bis 1861 lebten die Kirchberger Fürsten im Schloss, dann erlosch die Linie. Nun ziehen Bauern und Flüchtlinge ein.  Foto: 

Einen gewissen Triumph kann sich Rudolf Bühler nicht verkneifen. Der Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), die einst das Schwäbisch-Hällische Landschwein vor dem Aussterben bewahrt hat und heute 1450 Bauernfamilien eine Existenzgrundlage bietet, greift weit zurück in die Geschichte: Das Schloss Kirchberg im Kreis Schwäbisch Hall sei von leibeigenen Bauern in Frondiensten erbaut worden. "Nun geben wir es zurück an die rechtmäßigen Eigentümer - an die freien Bauern der Region Hohenlohe", sagte Bühler kürzlich.

Kurz zuvor hatte die Stiftung "Haus der Bauern", die als Sozialwerk der BESH gilt und deren Vorsitzender Rudolf Bühler ist, das Renaissance-Schloss gekauft. Bis dahin war die Evangelische Heimstiftung die Eigentümerin gewesen; sie betrieb darin bis 2012 ein Alten- und Pflegeheim, hat sich dann jedoch damit in einen Anbau zurückgezogen.

Die Stiftung "Haus der Bauern" will in dem Gebäude, das Ende des 16. Jahrhunderts errichtet und im 18. Jahrhundert ausgebaut worden war, eine "Akademie für ökologische Land- und Ernährungswirtschaft" einrichten. Deren Träger wird außer der BESH unter anderem der Demeter-Bundesverband sein. Rudolf Bühler will auf diese Weise das Schloss zum "Symbol der Agrarwende" machen und eine "nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft" fördern.

Zwei Flügel auf der Westseite des Schlosses, die für den Aufbau der Akademie zunächst nicht benötigt werden, vermietet die Stiftung als Unterkunft für Flüchtlinge an den Landkreis Schwäbisch Hall. Damit hilft Rudolf Bühler dem Kreis ganz erheblich bei der Unterbringung dieser Menschen - Landrat Gerhard Bauer muss derzeit jeden Monat 360 Asylbewerbern ein Dach über dem Kopf verschaffen. 150 von ihnen finden in Kürze Platz im Kirchberger Schloss.

Für die Stadt Kirchberg erreicht das Thema Flüchtlinge damit völlig neue Dimensionen. Denn mit dem Adelheidstift, einem ehemaligen Mutter-Kind-Kurheim, das der Landkreis dem Roten Kreuz abgekauft hat, gibt es in der Kommune bereits eine Flüchtlingsunterkunft für 158 Menschen. Weitere 30 Asylbewerber leben schon seit einigen Monaten im Teilort Gaggstatt. In der Summe sind das bis zu 338 Flüchtlinge, die in der rund 4000 Einwohner zählenden Stadt leben werden, wenn Schloss und Adelheidstift voll belegt sind.

Kirchberg gehört damit zu den fünf von dreißig Kommunen im Kreis Schwäbisch Hall, in denen 75 Prozent der Flüchtlinge untergebracht sind. In der Stadt gibt es einen Freundeskreis mit rund 50 ehrenamtlichen Helfern, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Ob sie mit weit über 300 Asylbewerbern nicht überfordert sein werden, ist eine naheliegende Frage.

Der Kirchberger Gemeinderat kritisiert die ungleiche Verteilung der Flüchtlinge und hat sich jetzt mit einem Appell an das Landratsamt und die übrigen Gemeinden im Kreis Hall gewandt. Darin bemängelt er, dass es immer noch Gemeinden gebe, die sich der "Verantwortung für Menschen in Not noch nicht oder nur in geringem Umfang stellen", und fordert sie auf, mehr Unterkünfte zur Verfügung zu stellen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Strom von Schutzsuchenden

Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab. Auf der Flucht von Krieg und Gewalt suchen immer mehr Menschen Schutz in sicheren Ländern.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gutes Wahlergebnis für die AfD in Wiblingen

In Wiblingen hat die AfD bis zu 25 Prozent bekommen. Ein Großteil vermutlich von den Russlanddeutschen wie die Partei selbst sagt. Warum? weiter lesen