Anzeige nach Gas-Tod durch Deo
Überlingen/Stuttgart. Der 15-jährige Fabian Nachtigall suchte den Kick. Er schnüffelte Deospray und erstickte an den Gasen. Sein Vater verklagt Hersteller und Vertriebsfirma.
"Ich lass das nicht auf mir sitzen", sagt Burkhard Nachtigall immer wieder. Eine Aussage, die in diesem Zusammenhang nicht so recht passen will. Denn der 41-Jährige aus Überlingen (Bodenseekreis) steht nicht am Pranger. Viel mehr trauert der Mann um seinen einzigen Sohn. Der 15-jährige Fabian ist gestorben, weil er mit einer Plastiktüte überm Kopf die giftigen Dämpfe eines Deosprays inhalierte und daran qualvoll erstickte. Der Vater fand ihn auf dem Boden liegend vor seinem Bett.
Fassungslos muss sich Nachtigall nun eingestehen, dass ihm nicht klar war, dass ein handelsübliches Achselspray zur berauschenden Droge werden kann. Eines, das er auch noch selbst gekauft hatte. Erst im Nachhinein fiel ihm auf, dass es irgendwann "ein paar Dosen mehr als sonst" waren. "Aber wer denkt denn schon an so etwas?" - vor allem, wenn das Kind so behütet aufwächst wie Fabian.
Laut Vater eine Patchworkfamilie wie aus dem Bilderbuch - mit zweiter Frau und deren Sohn. "Fabian war ein liebenswürdiger Junge, er hatte viele Freunde, war gut in der Schule, ich habe viel mit ihm gemacht." Er sei ein "Supervater" gewesen, urteilt Nachtigall über sich. Es will einfach nicht in seinen Kopf, dass sein Kind der Versuchung und der Neugier erlag, den Kick auch schon des öfteren gesucht hatte, ohne sichtbare Folgen.
Bis zu diesem ganz normalen Freitag Ende Januar. "Was für ein sinnloser Tod", sagt Nachtigall. Damit anderen Eltern nicht das gleiche Unglück passiert, "und für meinen Sohn" kämpft er jetzt "einen unerbittlichen Kampf" gegen den Spray-Hersteller, die "Your own brand"-GmbH in Neutraubling. Und gegen die Firma, in deren Geschäften das Deo in den Regalen steht: die Aldi Süd GmbH. Der 41-Jährige hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.
Diese beiden Firmen hätten es versäumt, den Verbraucher mit einem Hinweis auf der Dose der Marke "Prince" davor zu warnen, dass etwa das Inhalieren der Gase lebensgefährlich sein kann. "Nicht einmal eine Hotline-Nummer für Fragen ist angegeben", sagt Nachtigall. Bei Herstellern anderer bekannter Marken sei dies Usus. Die beiden Firmen hätten ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt.
Neben diesem Kampf gegen "gleichgültige und verantwortungslose Firmen und Politiker" - keiner schere sich drum, "dass es bei uns im Supermarktregal Drogen zu kaufen gibt" - trägt der Mann sein dringendes Anliegen auch in die Öffentlichkeit. "Man muss die Menschen aufklären", es gebe Dunkelziffern, viel mehr Jugendliche als gemeinhin angenommen, stürben beim Inhalieren dieser Gase. Eine europäische Schülerstudie (ESPAD) aus dem Jahr 2007 belege das.
"Aber die werden in den Drogenstatistiken nicht aufgeführt", fielen unter Unfalltod. Nachtigall reist von Talkshow zu Talkshow, gibt Interviews - ein Getriebener, der seine selbst auferlegte Mission erfüllt: "Wir dürfen keine Zeit verlieren." Und scheint bei all dem unglaublich distanziert. Nur einmal zeigt der Vater Gefühl, wird leiser: "Der Tod an sich hat meinen Sohn nicht verändert. Er hatte das gleiche verschmitzte Lächeln." Aber nach Fabians Obduktion war Nachtigall schockiert: "Das war nicht mehr mein Junge. Er sah aus, als hätten sie ihm alles genommen."
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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 17.02.2010
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Kommentare (2)
Amerikanische Verhältnisse?
Der Fall ist für die Familie sicher bedauerlich, noch bedauerlicher ist leider der seelische Schaden en der Vater erhalten hat. Es ist die typisch deutsche Mentalität immer andere für Fehler verantwortlich zu machen, der Täter ist immer das Opfer...Ist es bald soweit dass man auch in Deutschland davor warnen muß, keine Tiere in der Mikrowelle zu trocknen?
Vorsicht Kaffee wird heiß serviert und kann zu Verbrühungen führen?
Eine Therapie wär sicher angebracht...
Absoluter Schwachsinn
Es ist natürlich traurig was passiert ist es ist ein bedauerlicher Unfall. Aber deswegen muss man nicht den Laden in dem man das gekauft hat verklagen.Als Kind im Kindergarten habe ich schon gelernt das man nicht Plastiktüten über den Kopf ziehen kann.
Warum hat den der Vater nicht auch noch der Plastiktütenhersteller verklagt. Weil diese Tüte war auch maßgeblich an dem Unglück beteiligt.
Ich hoffe das die Klagen fallen gelassen werden. Wenn nicht dann muss ich bald die ganzen Messerlieferanten verklagen. Den mit Messern kann man auch Finger abschneiden oder sogar noch viel schlimmere Sachen gemacht werden.