Anschlag auf Flüchtlingsheim: Verbindung zu rechtem Demo-Bündnis

Im Januar brannte ein Flüchtlingsheim in Neuenstein, jetzt stehen zwei Männer vor Gericht. Beide waren in dem Bündnis „Hohenlohe wacht auf“ aktiv.

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Ermittler der Polizei die Baustelle des Neubaus einer Asylbewerberunterkunft in Neuenstein.  Foto: 

Die Brandstiftung an einem unbewohnten Komplex für Flüchtlinge gaben die beiden Angeklagten unumwunden zu. Beim Prozessauftakt vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Heilbronn betonten sie gestern nur, was ihnen bei dem Anschlag auf die Häuser in Neuenstein (Hohenlohekreis) wichtig gewesen sei: „Wir wollten keine Verletzten.“ Aber das Ausmaß des Feuers hat sie offenbar erschreckt. Er sei „in einen panikartigen Zustand“ geraten, sagte einer.

Steve D., an Heiligabend 1992 geboren, hat seine Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik mit einer Auszeichnung bestanden. Er hat einen sicheren Job, verdient 2400 Euro brutto, kümmert sich um die Großeltern, bei denen er günstig wohnt. Er hat kein Problem mit Alkohol, von Drogen hält er nichts. Beim Umzug nach Neuenstein gerät der junge Hohenloher  in einen Freundeskreis mit „etwas rechten Ansichten“.

Fortan engagiert sich D. in der Initiative „Hohenlohe wacht auf“, organisiert Demos in Öhringen „gegen die Politik in Deutschland“ und erlebt, wie sich die Gruppierung „immer mehr nach rechts bewegt“. „Kriminelle Flüchtlinge“ bestimmen die Themen der Redner, zu denen „ältere Herren aus der Reichsbürgerszene“ gehörten. Der Staat habe versagt, weil so viele Migranten ins Land gelassen worden seien, erklärt D. seine Einstellung. Mit Protest allein wollte er sich nicht mehr begnügen.

Ein (bis heute ungeklärter) Brandanschlag am 17. November in der Nachbargemeinde Pfedelbach hatte die Anregung geliefert. Dort sollte ein umgebautes Bauernhaus von rund 50 Personen bezogen werden – doch wenige Wochen zuvor wurde es bei dem Feuer vernichtet.

„Das können wir auch“, sagte sich D. und fand in seinem Freund Wolfgang K., geboren an Silvester 1983, einen Gleichgesinnten. Seine Meisterprüfung als Feinwerkmechaniker hatte er mit einer Auszeichnung bestanden, im Betrieb der Großeltern fand er eine Anstellung. Für D. entspricht er dem „deutschen Ideal eines Mannes“ – „verheiratet, drei Kinder, stark, stolz, nie gekuscht“. Auch der Handwerker engagierte sich bei der Gruppierung „Hohenlohe wacht auf“. Als D. eine Aktion andeutete, „um ein Zeichen zu setzen“, ist der Familienvater „sofort dabei“.

Der Logistiker bastelte vier Brandsätze, nachdem der Mitarbeiter eines Baumarktes ihm erklärt hatte, welches Material am besten brennt. Der Meister schlug eine Befestigung mit Draht vor, um die Zünder für eine intensivere Wirkung an die Wände schrauben zu können. Drei der vier gefährlichen Pakete gingen in Flammen auf, beschädigten Fassaden, Fenster, Dächer. Der Staatsanwalt geht von einem Schaden in Höhe von 105.000 Euro aus, das Landratsamt als Eigentümer der Immobilie kam auf 120.000 Euro. Bei einer Verurteilung werden die Täter für diese Kosten wohl aufkommen müssen.

Die Polizei hat den Fall rasch aufgeklärt, bereits am Tag danach erfolgte die Festnahme des Duos. Die Ermittler kamen ihm auf die Spur, weil K. sein Handy verloren hatte. Er war wohl zu aufgeregt, sagte er vor Gericht, „ich bin ja kein Berufsverbrecher“.

Im Prozess zeigen sich die Angeklagten reumütig. „Ich hatte Scheuklappen auf“, sagte D. Sein Kumpel bedauert das Verbrechen gleichfalls: „Ich beiße mir seit neun Monaten in den Arsch. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich es sofort tun.“

Waffen-Arsenal im Keller

Die Freunde sind nicht nur wegen gemeinschaftlicher Brandstiftung angeklagt. Ihnen werden auch Waffendelikte vorgeworfen. Beim Jüngeren war ein alter Vorderlader gefunden worden, für den er keine Berechtigung besitzt. Beim Älteren entdeckte die Polizei zwei Maschinenpistolen, die zwar als  Dekoration gedacht waren, jedoch wieder schießfähig gemacht wurden. Damit hätten sie „die Eigenschaft als Kriegswaffen“ erhalten, heißt es in der Anklage. Im Heizraum stieß die Kripo auf zwei Kisten, deren Inhalt für ein privates Arsenal reichte: Revolver, Gewehre, Selbstladepistole, Eigenbau-Waffen mit Laser-Zielgerät, Schalldämpfer, mehr als 2000 Schuss Munition in acht Arten.

Der Vorsitzende Richter Thomas Berkner vermutet, einige Leute aus dem Hohenloher Freundeskreis hätte  sich „für den Fall der Fälle ausgerüstet – was immer das auch sein mag“.

Die Initiative „Hohenlohe wacht auf“ protestiert seit Herbst 2015 in Öhringen gegen Flüchtlinge, „Volksverräter“ und die Kanzlerin. Anfangs kamen über 100 Sympathisanten. Zuletzt nahmen sieben Personen teil, wieder war „Merkel muss weg“ zu hören. Demos sind bis Jahresende beantragt.

Für den Prozess hat das Landgericht Heilbronn vier Verhandlungstage festgesetzt. Das Urteil wird voraussichtlich am 9. November verkündet. hgf

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