Anonymisierte Bewerbungen

Alter oder Name können Hürden sein, die den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Ein Pilotprojekt mit anonymisierten Bewerbungen im Südwesten soll vermeintliche Nachteile ausgleichen.

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"Der Weg ist das Ziel": Integrationsministerin Bilkay Öney setzt auf den Vorbildcharakter des Projekts. Foto: dpa

Anonymisierte Bewerbungen sollen verhindern, dass Firmen Arbeitssuchende wegen Herkunft, Alter, Geschlecht oder Familienstand aussortieren. Das Sozial- und das Integrationsministerium, mehrere Unternehmen, darunter auch die Stadtverwaltung Mannheim nehmen an dem Vorhaben teil, bei dem lediglich die Qualifikation der Interessenten zählen soll. "Arbeitgeber und Bewerber können von der anonymisierten Bewerbung profitieren", betonte Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) am Donnerstag in Stuttgart. Eine Studie der Uni Konstanz zeige, dass Firmen Menschen mit ausländisch klingendem Namen seltener zu einem Gespräch einladen. Die Türkische Gemeinde im Land begrüßte das Pilotprojekt.

Neben Baden-Württemberg planen nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes auch Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein Pilotprojekte mit Bewerbungen ohne persönliche Angaben. Wenn ein Bewerber erstmal in ein Vorstellungsgespräch gelange, verflüchtigte sich so manches Klischee, sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. In Großbritannien, den USA und Kanada sind Bewerbungen ohne persönliche Daten bereits üblich.

Öney unterstrich, dass den Unternehmen nicht unterstellt werde, vorsätzlich zu diskriminieren. Es handele sich vielmehr um "unbewusste Pauschalurteile und Selektionsprozesse, die nicht hinterfragt werden". Dies gelte nicht nur für Migranten, sondern auch für Frauen und ältere Menschen. Zur Zukunftsperspektive des Vorhabens sagte Öney: "Der Weg ist das Ziel." Sie hoffe, dass das über ein Jahr laufende Projekt Vorbildcharakter entwickle. Allerdings seien anonymisierte Verfahren nicht immer das geeignete Instrument, etwa wenn Unternehmen bewusst nach Frauen oder Mitarbeitern mit Migrationshintergrund suchten. So nehme das Verkehrsministerium nicht an dem Projekt teil, weil es explizit mehr Frauen für freiwerdende Stellen gewinnen will.

Auch Lüders setzt auf Freiwilligkeit: "Die Unternehmen wissen schon selbst, was für sie gut ist." Der Landeschef der Türkischen Gemeinde, Gökay Sofuoglu, bedauerte, dass kulturelle und ethnische Vielfalt der Gesellschaft weder in der Wirtschaft noch in den öffentlichen Verwaltung abgebildet sei. Etwa 30 Prozent der jungen, türkischstämmigen Akademiker wollten nach ihrem Abschluss Deutschland verlassen, weil sie sich diskriminiert fühlten.

Kadir Koyutürk vom Verein "Begegnungen" verspricht sich von anonymisierten Bewerbungen "eine objektive und gerechte Entscheidungsfindung, die sich an der Leistungsfähigkeit, Kompetenz und dem Potenzial orientiert".

Nach Auffassung der Chefin der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit, Eva Strobel, kann das neue Verfahren zur Vielfalt und Chancengleichheit am Arbeitsplatz beitragen.

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