Amoklauf von Winnenden: Keine Einigung mit den Eltern in Sicht

Im Rechtsstreit um Schadenersatz nach dem Amoklauf von Winnenden ist kein Ende erkennbar. Zivilkammern der Landgerichte in Stuttgart und Heilbronn befassen sich mit dem außergewöhnlichen Fall.

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Mit einem Vergleich der 15. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart sollte "endlich einmal Ruhe einkehren". Auch der Vater des Amokläufers von Winnenden hätte sich "einer großen Schuld entledigen" können. Der klagenden Unfallkasse Baden-Württemberg sollten 200.000 Euro für deren Kosten nach der Katastrophe bezahlt werden. Die Eltern des Täters könnten sogar 70.000 Euro sparen, wenn sie innerhalb eines Jahrzehnts 130.000 Euro überweisen würden. Ob sie dazu bereit sind, können sie bis 11. März überlegen - dem sechsten Jahrestag des Amoklaufs.

In dem Prozess geht es auch um die Mitschuld der Mutter. Sollte sie gewusst haben, dass die Tatwaffe nicht in einem Tresor, sondern in einem Kleiderschrank deponiert gewesen sei, dann, deutet das Gericht an, könnte sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Knackpunkt bei dem Rechtsstreit ist, dass die Eheleute ihre Vermögensverhältnisse nicht offenlegen. Zur Verhandlung waren sie nicht erschienen, weil es zuvor angeblich ernst zu nehmende Drohungen gegeben hatte.

Die Unfallkasse will 720.000 Euro für Behandlung und Betreuung der Opfer ersetzt haben. Deren Anwalt geht davon aus, dass Jörg K. und seine Frau Ute ungleich wohlhabender sind, als deren Anwalt glauben machen wollte. Zum Besitz gehörten offenbar mehrere Mietwohnungen, will er erst kürzlich herausgefunden haben.

Die Stadt Winnenden hat einem Vergleich mit der Allianz-Versicherung im Dezember 2014 zugestimmt. Statt mit ursprünglich 5,3 Millionen Euro begnügt sie sich mit 400 000 Euro. Winnenden wollte zunächst alle Ausgaben ersetzt haben, die wegen des Amoklaufs angefallen waren. Dazu gehörten Container für den Unterricht und der Umbau der Schule, in der acht Mädchen, ein Junge und drei Lehrerinnen getötet worden waren.

Vor dem Landgericht Heilbronn ist eine Klage von Jörg K. (56) gegen die Psychiatrische Klinik am Weißenhof in Weinsberg anhängig. K. will freigestellt werden von allen Ansprüchen auf Schadenersatz und Schmerzensgeld, die Opfer des Amoklaufs seines Sohnes gegen ihn geltend machen können. Der Vater geht davon aus, dass Mitarbeiter der Klinik eine Mitschuld tragen, weil sie die Gefährlichkeit Tims nicht erkannt hätten.

Der Jugendliche war 2008 auf eigene Initiative zu fünf ambulanten Terminen in Weinsberg wegen einer eventuellen manisch-depressiven Störung gewesen. Dabei soll er auch von seinem "Hass auf die Welt" und von "Tötungsphantasien" gesprochen haben. Eine Gefahr für die Allgemeinheit war jedoch nicht festgestellt worden - zumal in der Klinik nicht bekannt war, wie leicht der Junge an Waffen und Munition kommen konnte.

In Prozessen gegen Jörg K., der zu einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren verurteilt wurde, hatten Klinikmitarbeiter die Aussage verweigert. Ungeklärt blieb daher, ob die Eltern über Tims heimliche Gedanken informiert wurden. Den Abschlussbericht hatte die Klinik erst nach dem Amoklauf verschickt.

Die 1. Zivilkammer des Heilbronner Gerichts hat einen Gutachter beauftragt, der herausfinden soll, ob in Weinsberg Behandlungsfehler begangen worden sind. Wann das Ergebnis vorliegt, lässt sich derzeit nicht sagen.

Hohe Kosten für die Unfallkasse Baden-Württemberg

Großeinsatz 580 Schüler wurden nach dem Amoklauf in Winnenden am 11. März 2009 auf Kosten der Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW) behandelt und betreut. Mit Experten fanden 650 "strukturelle traumapsychologische Vorgespräche" statt. Anfangs war ein Dutzend Fachleute an sieben Tagen in der Woche im Einsatz. Bereits ausgeben wurden 657 000 Euro. Die 15. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart schließt nicht aus, dass sich die Folgekosten auf mehr als eine Million Euro summieren können.

Unternehmen Mit fast vier Millionen Versicherten, darunter über 2,3 Millionen Schüler und Kinder in Kindergärten, Grippen und Horten, ist die UKBW einer der größten deutschen Unfallversicherungsträger im kommunalen und staatlichen Bereich.

 

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