Am Schmerz wachsen

Gewalt gegen Frauen ist allgegenwärtig. Das belegen Statistiken und Frauenhäuser. Gewalt prägt die Frauen - aber nicht jede zerbricht daran. Das zeigt eine Ausstellung, die das Konstanzer Frauenhaus präsentiert.

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  • Bilder einer Ausstellung: Annette Schiffmann, Fachfrau für Öffentlichkeitsarbeit aus Heidelberg, hat 99 Frauen zum Thema Gewalt interviewt und sie fotografiert. Bilder und Geschichten sind in Konstanz ausgestellt. Fotos: Annette Schiffmann 1/4
    Bilder einer Ausstellung: Annette Schiffmann, Fachfrau für Öffentlichkeitsarbeit aus Heidelberg, hat 99 Frauen zum Thema Gewalt interviewt und sie fotografiert. Bilder und Geschichten sind in Konstanz ausgestellt. Fotos: Annette Schiffmann
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Der Fall von Aylin Korkmaz ging durch alle Medien. Die Türkin ist im November 2007 in der Autobahn-Raststätte Baden-Baden von ihrem Ex-Mann mit 26 Messerstichen fast getötet worden. Sie hat überlebt - und so viel Selbstbewusstsein und Stärke gewonnen, dass sie ihr mehrfach operiertes Gesicht in der Wanderausstellung "Die Hälfte des Himmels - 99 Frauen & Du" zeigt. Die macht bis 30. Juli Station in Konstanz. Es ist eine Ausstellung, die aus 99 Frauen-Porträts, den Geschichten dazu und einem Spiegel besteht. "Wer in den Spiegel schaut, ist das 100. Porträt", sagt Annette Schiffmann, die die Idee für die Ausstellung hatte und sie auch weitgehend selbst umgesetzt hat.

80 der 99 porträtierten Frauen im Alter von 15 bis 92 Jahren haben Gewalt erfahren und sprechen in den Interviews, die Annette Schiffmann mit ihnen geführt hat, darüber. Trotzdem betont die Kuratorin: "Das ist keine Ausstellung von Opfern. Die Besucher begegnen hier nicht Opfern, sondern Menschen."

Tatsächlich zeigen die Porträts Frauen, die selbstbewusst, klar und offen in die Kamera blicken, nicht verhärmt und verbittert darüber, was ihnen zugestoßen ist. "Deshalb heißt die Ausstellung ,Die Hälfte des Himmels und nicht ,Die Hälfte der Hölle", sagt die Kuratorin.

Die Frauen beweisen, dass aus der Gewalt, die sie erfahren haben, auch etwas Gutes wachsen kann, dass die Gewalt sie stärker gemacht hat. "Ich wollte aus einem zutiefst hässlichen Thema etwas Schönes machen", sagt Annette Schiffmann. Sie wünscht sich, dass die Besucher aus der Ausstellung Mut schöpfen.

Präsentiert wird die Schau vom Frauen- und Kinderschutzhaus in Konstanz, das von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) getragen wird. Das feiert sein 20-jähriges Bestehen und möchte damit auf das meist wenig beachtete Thema aufmerksam machen.

"Uns ist wichtig, dabei den Fokus nicht darauf zu legen, wie schwer es die Frauen haben", sagt Ute Klasen, die als Sozialarbeiterin im Konstanzer Frauenhaus tätig ist. Ihre Hauptarbeit ist, mit den misshandelten und gedemütigten Frauen Lösungen und Wege zu finden, wie sie ihr Leben neu gestalten können. Dass das möglich ist, zeigen die 99 Beispiele der Ausstellung. Das Amt für Schulen, Bildung und Wissenschaft in Konstanz hat dafür den Bildungs-Turm zur Verfügung gestellt. "Das Thema muss immer wieder in das Bewusstsein gerückt werden", sagt Amtsleiterin Waltraut Liebl-Kopitzki. Die Gewalt gegen Frauen sei etwa in Indien massiv. "Es gibt sie aber auch vor unserer Haustür."

Deshalb gibt es 40 Frauen- und Kinderschutzhäuser im Land, die allesamt gut gefüllt sind. Im Kreis Konstanz gibt es sogar drei: in Konstanz, Singen und Radolfzell. Das Haus in Konstanz hat zehn Plätze. Aufgenommen werden Frauen, die sich meist nach langer Zeit des Leidens dazu durchgerungen haben, sich von ihrem Partner zu trennen. Einem Partner, der sie geschlagen, vergewaltigt, unterdrückt, gedemütigt, massiv kontrolliert hat. "Die Frauen, die zu uns kommen, haben in erster Linie körperliche Gewalt in jeglicher Form erfahren", sagt Ute Klasen aus Konstanz. Andere Frauen erleben sexuelle Übergriffe oder psychische Gewalt. Dazu gehört, dass Männer ihre Frauen einsperren, sie isolieren, verbal attackieren und ihnen so lange einreden, sie seien verrückt, bis sie es glauben. "Durch die Isolation haben die Frauen kein Regulativ mehr", sagt Ute Klasen. Sie bräuchten eine Freundin, die ihnen sagt, dass nicht in Ordnung ist, was ihnen angetan wird.

Die Sozialarbeiterin hat beobachtet, dass nicht mehr so viele Frauen mit ihren Kindern ins Frauenhaus kommen. "Der Trend geht dahin, dass die Frauen erst nach der Familienphase kommen, wenn die Kinder aus dem Haus sind." Die seien 55 und älter. Sie können bis zu zwölf Wochen in der Unterkunft bleiben. In Konstanz seien die Frauen in der Regel 25 bis 35 Tage im Schutzhaus.

"Die Frauen entscheiden selbst, wann sie gehen", sagt eine Mitarbeiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses im Schwarzwald-Baar-Kreis. Dessen Träger ist der Verein "Frauen helfen Frauen". Bis dahin können sie unbehelligt von ihrem Partner neuen Mut und Kraft schöpfen. Die Mitarbeiterinnen beraten und helfen zum Beispiel bei der Suche nach einer Wohnung, nach Arbeit, nach einer Schule für die Kinder. Sie helfen bei Anträgen für Sozialhilfe und bei Gerichtsterminen. "Das wichtigste ist, die Frauen und Kinder psychisch zu stabilisieren, damit sie ihren Alltag wieder in den Griff bekommen."

Sobald das gelungen ist, verlassen die Frauen das Schutzhaus. Nicht wenige kehren zurück zu ihren gewalttätigen Partnern. "Dabei wird die Gewalt bei der Rückkehr meist massiver, weil der Mann die Achtung vor der zurückgekehrten Frau ganz verloren hat", sagt Ute Klasen. Ihre Erfahrung ist, dass viele Frauen nach einem Jahr wieder ins Frauenhaus kommen und erst dann den Absprung in ein eigenständiges Leben wagen.

Die Ausstellung in Konstanz kann dazu Mut machen. Egal, was den 99 Frauen angetan worden ist, sie haben es geschafft, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollen - und sie sind stolz darauf. Das häufigste Wort, das Annette Schiffmann in den Interviews begegnet ist, ist "Respekt". Der schönste Tag für Aylin Korkmaz nach der Attacke ihres Mannes war, als ihre Kinder wieder mit ihr gestritten haben. "Endlich war wieder irgendwas normal."

Finanzierung über Spenden und Zuschüsse

Zuschüsse Einige Frauenhäuser im Land werden von Vereinen getragen, andere von Wohlfahrtsverbänden wie der Arbeiterwohlfahrt oder Diakonie. Sie finanzieren sich unter anderem über die Tagessätze für die Frauen, die im Haus wohnen. Die werden vom Sozialamt bezahlt. Außerdem durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und kommunale Mittel. Das Regierungspräsidium Freiburg fördert die neun Häuser im Regierungsbezirk im laufenden Jahr mit knapp 70 000 Euro für die laufenden Kosten und knapp 163 000 Euro für Investitionen und Beschaffungen, dazu gehört Kleidung.

Öffnungszeiten Die Wanderausstellung "Die Hälfte des Himmels - 99 Frauen & Du" ist bis 30. Juli im Bildungs-Turm in Konstanz zu sehen: Di.- Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. ,So. 10 bis 17 Uhr.

SWP

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