Alle Flüchtlinge haben das Provisorium in Neuenstadt verlassen

Das Camp für Flüchtlinge in Neuenstadt am Kocher ist geräumt. Die Zelte werden nun abgebaut. Die befürchteten Konflikte hat es nicht gegeben.

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    Nun ist das Tor zu, die Zelte sind leer, das Camp ist geschlossen. Foto: 
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    Seit Sommer lebten Flüchtlinge in der Ex-Straßenmeisterei bei Neuenstadt. Foto: 
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Beim Blick zurück spricht Norbert Heuser mehrfach von Stolz. Der Bürgermeister von Neuenstadt am Kocher (Kreis Heilbronn) zieht eine positive Bilanz nach der Räumung eines Zeltlagers der besonderen Art. Das Gelände einer seit 2012 leeren Autobahnmeisterei hatte das Land Ende Juli 2015 kurzfristig für ein provisorisches Flüchtlingscamp ausgesucht. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk stellten Zelte auf, wo die Gemeinde ihren Bauhof ansiedeln wollte. Heuser und seine fast 10.000 Mitbürger fühlten sich damals "überrumpelt". Der Bürgermeister rechnete mit "Angst, Sorgen, Unruhe".

Am ersten Augustwochenende waren die ersten 92 Flüchtlinge aus der völlig überfüllten Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Ellwangen in die Außenstelle gebracht wurden. Zwar hatte der Stuttgarter Regierungsvizepräsident Christian Schneider von einer "Maximalunterbringung" für 200 Personen gesprochen. Doch bis zu 500 Männer harrten in den Zelten aus, bis über ihr Schicksal entschieden wurde.

Aus der "absoluten Notzwischenlösung" wurde ein solch dauerhaftes Provisorium, dass eine amtliche Umnutzung der früheren Garagen für die Fahrzeuge der Straßenmeisterei notwendig war. Denn "vorübergehend" bedeutet im Amtsdeutsch höchstens sechs Monate. Die einfachen Zelte mussten gegen winterfeste Leichtbauhallen mit Heizung ausgetauscht werden.

Nach neun Monaten ist jetzt Schluss mit "Krisenmodus": Weil immer weniger Flüchtlinge, Asylsuchende und Heimatvertriebene kommen, ist das Camp nicht mehr nötig. Die angemieteten Zelte werden jetzt abgebaut. Bis Ende Mai soll das Gelände geräumt sein. "Wir hoffen, dass wir nicht wieder in die Situation kommen, solche Unterkünfte zu brauchen", sagte Katja Lumpp vom Regierungspräsidium der SÜDWEST PRESSE. Doch, so räumte sie ein: "Der Flüchtlingszustrom ist nicht planbar."

Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP) hat den Neuenstädtern für die Unterstützung in der Not gedankt: "Ihr Engagement und ihre Bereitschaft, dem Land zu helfen, haben maßgeblich dazu beigetragen, die Flüchtlingssituation im vergangenen Jahr zu meistern." Tatsächlich habe sich schon bei der ersten Versammlung "eine große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung" gezeigt, erklärte der Bürgermeister.

Einem Arbeitskreis schlossen sich gut 75 Frauen und Männer an. Sie bauten eine Kleiderkammer auf, erteilten Deutschunterricht, boten allerlei Aktivitäten gegen die Langeweile an. Ziel: eine Erleichterung der Integration. Dabei war dieser ehrenamtliche Einsatz nicht einfach, weil die Verweildauer im Zeltdorf keine langfristigen Kontakte ermöglichte. Gleichwohl sei alles "großartig" geraten, berichtete Heuser: "Darauf kann man stolz sein."

Diese Fürsorge soll nun auch jenen voraussichtlich 60 Menschen zuteil werden, die in Neuenstadt zur so genannten Anschlussunterbringung bleiben. Sie sollen "positiv begleitet" werden. "Ab dem ersten Tag hat man sich der Aufgabe mit großem Verantwortungsbewusstsein und vorbildlicher Hilfsbereitschaft gestellt", sagte Heuser, "das hat bis heute getragen."

Siegfried Knab (64) war der nächste Nachbar des Flüchtlingslagers. "Es war friedlich", erzählt der Rentner, "ich bin froh, dass es so reibungslos gegangen ist." Nur einmal habe es so etwas wie Krawall gegeben, "weil sich die Männer nicht einigen konnte, wer zuerst sein Handy aufladen darf". Die Polizei rückte mit großem Aufgebot an, Sanitäter waren nötig. Doch Knab hat mit Schlimmerem gerechnet. Dabei weiß er aus Erfahrung, dass die Straßenmeisterei für ein provisorisches Lager "bestens geeignet" ist - er hat dort 43 Jahre lang gearbeitet. Gestört habe nur das pausenlose lärmende Stromaggregat.

Bürgermeister Heuser will das Areal nun rasch übernehmen, um dort Bauhof und Stadtwerke einrichten zu können. Er hofft, dass sich das Land als Besitzer mit einer zügigen Abwicklung des Erwerbs für die Flüchtlingshilfe bedankt.

Kein Bedarf

Entspannung In Giengen/Brenz (Kreis Heidenheim) wird die Außenstelle der LEA Ellwangen "zunächst" nicht in Betrieb genommen, teilte das Regierungspräsidium Stuttgart mit. Wegen sinkender Flüchtlingszahlen werde die Unterkunft "momentan" nicht benötigt. Giengen war inoffiziell als Ersatz für das Zeltlager in Neuenstadt gedacht. Landesweit wird die Zahl der Erstaufnahmeplätze auf 19.000 halbiert.

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