Ahmadyyia-Gemeinde feiert in Karlsruhe ihr Jahrestreffen

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Tausende Männer sind bei der Ahmadiyya-Jahresversammlung in der Messehalle von Karlsruhe im Gebet verbunden. Die Frauen beten von ihnen getrennt.  Foto: 

Kein Plakat deutet in Karls­ruhe auf das Treffen, das nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt in den Messehallen stattfindet. Bis zu 40 000 Ahmadiyya-Muslime aus vielen Ländern sind dort zu ihrer Jahresversammlung zusammengekommen. Hohe Sicherheitsvorkehrungen prägen das Geschehen.  Dabei lehnen die Ahmadis Gewalt strikt ab. „Unsere Loyalität gilt dem Land, in dem wir leben“, sagt Kamal Ahmad, Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde Stuttgart. Das sei kein Lippenbekenntnis. „Wir sind von unserer Religion her aufgefordert, mit all unseren Fähigkeiten und unserer Kraft diesem Land zu dienen.“

Und so setzt die Gemeinschaft gleich zum Auftakt ihres Treffens ein Zeichen. In einer fast andächtigen Stille durchschreitet das Oberhaupt der Gemeinschaft, der in London lebende Kalif Mirza Masroor Ahmad, die Messe in Richtung Innenhof. Flankiert von Blumenrabatten hisst er dort mit dem deutschen Oberhaupt der Gemeinschaft, Abdullah Uwe Wagishauser, die deutsche und die Ahmadiyya-Fahne.

Die muslimische Gemeinschaft wirbt um Wahrnehmung. Mit Wohltätigkeitsläufen und Putzaktionen am Neujahrsmorgen präsentiert sie sich der deutschen Gesellschaft. In Hamburg und Hessen 2013 wurde sie als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ anerkannt, einem Status, der anderen Muslim-Gemeinschaften verwehrt ist.

Wer sind diese Ahmadiyya?  Der Gründer der Gemeinschaft wird von den Ahmadis als der von Muslimen erwartete letzte Rechtsgelehrte verehrt, der gekommen sei, um die Lehre Mohammeds neu zu beleben.  „Nach unserem Propheten wird es keinen weiteren Propheten mehr geben, nach seiner Offenbarung keine weitere“, sagt Kalif Mirza in seiner auf Urdu gehaltenen Ansprache vor zehntausend Männern. Für Sunniten und Schiiten ist die Ansage eine ungeheuerliche Provokation. Sie führt in muslimischen Ländern zu Verfolgung.

Es ist dieser Anspruch, der trennt; nicht das wörtliche Verständnis des Korans, also des Glaubenskerns, schon gar nicht sind es konservative moralische und ethische Wertvorstellungen. „Der Islam steckt in einer Phase von Dekadenz“, beschreibt Kamal Ahmad. Worthülsen würden anstelle des wahren Glaubens verbreitet. Das zu ändern sei Aufgabe seiner Gemeinschaft.

Die Ahmadis fordern eine strenge Trennung von Religion und Politik. Weder wird Einfluss aus den Ursprungsländern geduldet, noch will man sich über öffentliche Zuschüsse in Abhängigkeit zum deutschen Staat bringen. Von ihrer Ausrichtung verstehen sie sich als wertkonservativ und in hohem Maße bildungsaffin.  „Wir sind nicht liberal, sondern orthodox“, betont der Kalif. Die Welt der Männer und der Frauen ist getrennt. Auch in Karls­ruhe.

Hinter Mauern aus Absperrwänden und schwarz gekleideten Ordnerinnen beginnt ein zweiter Kosmos:  Frauen mit bunten Tüchern oder offenem Haar ziehen lachend über die Flure. Ein Farbenmeer aus Schleiern und Gewändern offenbart sich dem Blick. Überall sind Gruppen im Gespräch vertieft. Man tauscht sich aus, spielt mit Kindern, holt Informationen an Ständen ein.

An den Seiteneingängen zu den Hallen sind ausgewiesene Parkplätze für Kinderwagen markiert. Sie sind gut gefüllt an allen Tagen. In den mit Teppichböden ausgeschlagenen Messehallen lauschen tausende Frauen auf dem Boden sitzend den Vorträgen – über Schamhaftigkeit, die Rolle der Frau und den Chancen, die ihnen Mohammed eröffnet hat. Vor allem das Recht auf Bildung für Frauen leiten die Ahmadis vom Propheten ab.  Mariam Ahmed, eine 32-jährige Islamwissenschaftlerin aus Stuttgart, gehört zu ihnen. „Wir Frauen sind aufgefordert, unseren Verstand zu nutzen“, sagt die junge Frau, die Projektmanagerin bei der Robert-Bosch-Stiftung ist und nebenbei an ihrer Promotion arbeitet. Mit der strikten Geschlechtertrennung hat die junge Frau keine Probleme. Die Arbeit mit Männern sei meist „sehr, sehr anstrengend“, sagt sie und lacht. Besserwisserei und Machtspiele stünden einem offenen Austausch oft im Wege.

Mariam Ahmed genießt den ungezwungenen Umgang unter Frauen. Mit sieben Jahren wurde sie in deren Welt eingeführt, zu erst mit Mädchenkursen, ab 15 Jahren mit Programmen für Erwachsene. Vieles wird in diesen Zirkeln besprochen und gelehrt, was der Gemeinschaft den Vorwurf der Abschottung  einträgt. Die älteren Ahmadis blieben oft unter sich, bestätigt Mariam Ahmed. Das ändere sich mit den Jüngeren. „Wir werden offener werden“, sagt sie. „Hoffentlich bald.“ An der inhaltlichen Ausrichtung ändern wird das nichts.

Die Ahmadiyya sind eine islamische Abspaltung, die weder von Sunniten noch Schiiten anerkannt wird. Im 19. Jahrhundert im pakistanisch-indischen Raum von Mirza Ghulam Ahmad gegründet, wanderte diese Religion nach Verfolgungswellen vor rund 100 Jahren nach Deutschland ein. Hierzulande gibt es rund 45 000 Mitglieder. Sie organisieren sich in 225 Gemeinden, wo sie inzwischen verstärkt repräsentative Moscheen bauen. Weltweit zählt diese muslimische Minderheit zu den besonders stark wachsenden Religionen. Sie lehnt den bewaffneten Dschihad strikt ab. eth

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