AG Ethik als Alternative zum Religionsunterricht

Nicht alle Schüler nehmen am konfessionellen Religionsunterricht teil. Sie haben entweder frei, können die Zeit zum Lernen nutzen - oder die AG Ethik besuchen. Zumindest an drei Schulen im Südwesten.

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"Jeder ist nicht wie der andere", findet Tom. Und auf Nachfrage von Annalena Biallas, wieso er das finde, sagt Tom, dass Menschen ja unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken hätten. Nach kurzem Überlegen formuliert er seinen ersten Satz um: "Jeder Mensch ist verschieden." Annalena Biallas stimmt zu. Toms Klassenkameraden auch.

Ob ihm die Bedeutung seines Satzes in Gänze klar ist: Schwer zu sagen. Vielleicht nicht. Vermutlich nicht. Zumindest nicht in seiner gesamten Differenziertheit. Das ist aber auch nicht so wichtig, denn Tom hat eine, vielleicht die grundlegende Tatsache unseres Zusammenlebens formuliert: Dass jeder Mensch verschieden ist. Und implizit: Dass das so gut ist. Tom geht in die fünfte Klasse des Eduard-Spranger-Gymnasiums (ESG) in Filderstadt - und Annalena Biallas, die in dieser Stufe die AG Ethik leitet, ist zufrieden mit ihren Schützlingen.

Zufrieden ist auch Ursula Bauer, Schulleiterin am ESG und große Befürworterin der AG Ethik. Das Projekt gibt es seit vergangenem Schuljahr, das ESG ist Pilotschule. Die Idee: Schülern der Klassenstufen 5 und 6, die nicht in den konfessionellen Religionsunterricht gehen, ein alternatives Angebot machen, bevor Ethik als Wahlpflichtfach in den baden-württembergischen Schulen in Klasse 7 und 8 eingeführt wird. Geleitet von zwei Lehramtsstudentinnen der Uni Stuttgart: Biallas und Niloufar Shabanpour.

Möglich ist das, weil die Karl-Schlecht-Stiftung es finanziert. Die Stiftung des Gründers des Betonpumpenherstellers Putzmeister möchte "wertebasiertes Handeln" an Schulen fördern. Durch "gemeinsame Werteerziehung aller Kinder" ließen sich "die Gemeinsamkeiten aller Religionen betonen".

Flüchtlinge. Hautfarbe. Behinderung. Drei Begriffe, drei Themen. Themen, die in unserer Gesellschaft präsent sind. Auch im Klassenraum der AG Ethik. Das aktuelle Thema heißt: "Was ist Gerechtigkeit?" Über ein Spiel führt Annalena Biallas in die Stunde ein. Geld soll aufgesammelt werden. Die Schüler aber haben unterschiedliche Voraussetzungen: Einem sind die Augen verbunden, der Nächste kann seine Hände nicht nutzen wie gewohnt, der Dritte hat keine Einschränkungen.

Im Anschluss sollen die Schüler aufschreiben, was für sie ungerecht ist. Teilweise sind das nur Wörter: Krieg zum Beispiel. Oder eben Behinderung. Doch aus den Wörtern entstehen Sätze. Am Ende schreibt Pauline: "Gleiche Situation, unterschiedliche Bewertung." Das mag zunächst kindlich ungelenk klingen, aber Pauline verdeutlicht, was sie meint: Dass Menschen mit gleicher Qualifikation unterschiedlich entlohnt werden. Ihr Beispiel: Frauen bekämen weniger Geld als Männer. Das findet sie ungerecht.

In der AG Ethik werden auch Betrachtungen zum Umgang mit Medien angestellt: "Ich und die Medien." Oder über die Natur: "Ich und die Natur". Es geht natürlich auch um Liebe, Beziehungen, Freundschaften - als Irland im Mai für die Homo-Ehe gestimmt hatte, wollten die Schüler darüber diskutieren.

"Die Themen bleiben letztlich ja ähnlich", sagt Schulleiterin Bauer. Nur die Komplexität nimmt zu. Pauline liefert eine der Begründungen, weshalb Bauer die AG Ethik im Speziellen und Ethikunterricht an sich für so wertvoll erachtet: eine frühzeitige und durchgehende Auseinandersetzung mit Werten, sich selbst und dem eigenen Handeln.

Da liegt sie ganz auf der Linie der Stiftung, die einen Ethikunterricht von der 1. Klasse an fordert. Frank Henssler, der das Projekt stiftungsseitig betreut, sagt unumwunden: "Mit dem Projekt möchten wir auf den dringenden Handlungsbedarf in der Bildungspolitik aufmerksam machen." Die grün-rote Landesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag die schrittweise Einführung von Ethik als Alternative zum Religionsunterricht ab der 1. Klasse festgeschrieben. Passiert ist aus Sicht der Stiftung zu wenig. Deshalb verstehe sie sich "als Themenanwalt" und möchte ",Ethikunterricht in allgemeinbildenden Schulen von Anfang an' in der öffentlichen Debatte bewusst machen".

Um das Bewusstmachen geht es auch in der AG Ethik; darum, das eigene Tun und Denken zu reflektieren, nicht einfach Meinungen ungeprüft zu übernehmen. Das sei eine der wichtigsten Herausforderungen, sagt Niloufar Shabanpour, die die AG Ethik am Filderstädter Gymnasium in Klassenstufe 6 leitet.

Biallas legt den Schülern eine Karikatur vor. Darauf stellt ein Mann eine einfache Aufgabe: Auf einen Baum klettern. Sie ist gerichtet an: einen Affen, einen Vogel, eine Robbe, einen Elefanten und einen Goldfisch im Glas. Es ist der Moment, an dem Tom am Ende die Ableitung trifft, dass Menschen verschieden sind, sie unterschiedliche Voraussetzungen haben. Eines von zwei Prinzipien von Gerechtigkeit, auf die Biallas die Schüler stößt: Jedem das Seine. Zuvor ging es anhand eines Donut-Bildes um gerechtes Verteilen: Jedem das Gleiche.

Die AG Ethik ist freiwillig. Die Schüler könnten in der Zeit lernen - oder zwei Stunden weniger Schule haben. Aber alle, die das am ESG betrifft, nehmen teil. Man habe darum gebeten, dass die Schüler kommen, sagt Bauer. Das Engagement der Kinder im Unterricht, Rückmeldungen von Schülern und Eltern zeigten, dass die AG angenommen werde. So gut, dass es sie mittlerweile an zwei weiteren Schulen in Filderstadt gibt: der Realschule Bernhausen und der Realschule Seefälle Bonlanden. Insgesamt 150 Kinder.

Die Fünftklässler am ESG stehen in Gruppen im Klassenraum: einige an der Wand, manche am Fenster, andere in der Mitte. Annalena Biallas hat eine Geschichte vorgelesen: Sollen Schüler, die mit der Schulsportmannschaft unterwegs waren, später eine Klassenarbeit schreiben dürfen? Entsprechend ihrer Meinung stellen sich die Schüler auf. Sie positionieren sich - im Raum und im wahrsten Sinne des Wortes. Denn darum geht es: Position beziehen. Und diese zu begründen. Auch oder gerade dann, wenn andere anderer Meinung sind. Das ist angesichts der Zuwanderung, die das Land gerade erfährt, aktueller denn je. Mit Tom gesprochen: Jeder ist nicht wie der andere, sollte aber gleich behandelt werden.

Ethik an den Schulen

Start Das erste Bundesland, das Ethikunterricht an Schulen eingeführt hat, war Bayern 1972. Baden-Württemberg folgte erst zum Schuljahr 1984/1985. Festgeschrieben wurde das im Schulgesetz 1983 - und hat mit kleinen Modifikationen bis heute Bestand.

Plan Grün-Rot hat 2011 im Regierungsprogramm die schrittweise Einführung von Ethikunterricht ab Klasse 1 festgeschrieben. Die FDP im Land unterstützt dieses Vorhaben. Aus Sicht der Karl-Schlecht-Stiftung hat sich in diesem Bereich bisher aber zu wenig getan.

Stiftung Die Karl-Schlecht-Stiftung will die Gemeinsamkeiten der Religionen betonen (Weltethos). In dem Modellprojekt "Islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache" sieht sie hingegen ein tendenziell Unterschiede betonendes Projekt. tk

SWP

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