AfD-Kandidat holt Direktmandat in Pforzheim

Bernd Grimmer war einst ein Grüner, dann ein Gelber – und nun wird er ein AfD-Parlamentarier. Und das mit Paukenschlag: In Pforzheim holte er das Direktmandat - nur einem Kollegen im Mannheim gelang dasselbe. Am Wahlabend gab er sich trotzdem betont moderat.

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Bernd Grimmer von der AfD holte In Pforzheim das Direktmandat  Foto: 
Auf einmal stand er auf der Bühne in der Stuttgarter Reithalle – und man war beim ersten flüchtigen Blick auf das Podium irritiert: Warum flimmerte da AfD-Spitzenmann Jörg Meuthen auf der Leinwand – zu sehen war die TV-Übertragung aus dem Stuttgarter Neuen Schloss – und zugleich stand derselbe auf der Bühne der Wahlparty? Des Rätsels Lösung: Der, der da vorne das Mikro übernahm, war nicht Meuthen, sondern Bernd Grimmer. Der Kandidat für den Wahlkreis 42 (Pforzheim) hat nicht nur optisch gewisse Ähnlichkeiten mit seinem Partei-Chef, sondern auch in seiner moderaten, ruhigen, beherrschten Art. Und auch er stand an diesem Tag im medialen Interesse: Er hatte das Direktmandat für seinen Wahlkreis erobert.

Es ist nicht irgendein Wahlkreis, sondern der, in dem Stefan Mappus 2011 noch mit 44,5 Prozent klar das Direktmandat holte. Seine Nachfolgerin Marianne Engeser schaffte es an diesem Sonntag allerdings gerade mal auf 22 Prozent – und Grimmer hat gut drei Zähler mehr. Ein Paukenschlag, der von den Parteikollegen im Saal heftig beklatscht wurde. Nur noch AfD-Kandidat Rüdiger Klos gelang im Wahlkreis Mannheim I Gleiches. Gemessen daran fiel sein erster Jubel noch recht verhalten aus: „Das freut mich natürlich schon“, sagte er Minuten später gegenüber dieser Zeitung. Und fügte hinzu, was ihn eigentlich befriedigte: Er hatte auch die Konkurrentin der Grünen, Katrin Lechler, knapp geschlagen – sie kam auf 23,2 Prozent, er auf 24,2.

Eine alte Rechnung? Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, der auch mal Landeschef der Freien Wähler war, hatte seine politische Karriere Anfang der 80er-Jahre bei den Grünen begonnen – und kennt aus der Zeit noch Ministerpräsident Winfried Kretschmann persönlich. Der habe schon damals etwas „altväterliches“ gehabt. „Jetzt hat er es geschafft, sich als Landes-Opa zu etablieren“, kommentierte er dessen aktuellen Wahlsieg. Und nein, eine alte Rechnung, die habe er nicht zu begleichen – aber er freue sich, die „ideologischen Inkonsequenzen“ der Öko-Partei nun aufzeigen zu können. Grimmer kritisiert, wie der „gläubige Katholik“ Kretschmann es mit Abschiebungen und Bildungsplan, mit Windrädern („Vögelschredderanlagen“) und der Zustimmung zu Kampfeinsätzen der Bundeswehr hält.

Er selber wolle trotz Direktmandat aber auf dem Teppich bleiben – schon am Wahlabend stellte er sich demonstrativ hinter einen künftigen Fraktionschef Meuthen. Auf das Direktmandat habe er ohnehin nicht spekuliert, er hatte mit dem Landesergebnis „plus vier Prozent“ gerechnet. Den Erfolg in Pforzheim, wo er auch Stadtrat ist, führt er auch auf die Schwäche der CDU zurück. Infolge der Asylpolitik von Angela Merkel seien in manchen Ortsverbänden ringsum große Teile der Mitglieder zur AfD „übergelaufen“. Grimmer setzt – und auch da gleicht er Meuthen – auf eine moderate Linie im Stuttgarter Landtag. Zwar stellt er fest: „Keiner spricht mit uns – und wir hatten auch nicht die Absicht, uns einbinden zu lassen.“ Aber man werde neben dem „Oppositionsarbeit-Leisten“ auch politische Initiativen unterstützen, „die sinnvoll sind“.

Also keine Fundamentalopposition – und kein Überschwang. Am Mittwoch werde man sich zum ersten Mal als AfD-Fraktion treffen. „Dann versuchen wir, arbeitsfähig zu werden.“
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