Acht-Seelen-Nest Oberneustetten wartet auf die ersten Flüchtlinge

Heute Vormittag ist es soweit: Die ersten 40 Flüchtlinge kommen in das kleine Oberneustetten. Die geplante Vollbelegung eines früheren Pflegeheimes mit 200 Personen konnte abgewehrt werden - zunächst.

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  • Das ehemalige Pflegeheim in Oberneustetten wird zum Asylheim (oben). Die Nachbarn heißen die Flüchtlinge willkommen. Sie haben aber Angst, was passiert, wenn noch mehr einquartiert werden, sagt Nachbar Ulrich Ebert (rechts). Fotos: Hans Georg Frank 1/3
    Das ehemalige Pflegeheim in Oberneustetten wird zum Asylheim (oben). Die Nachbarn heißen die Flüchtlinge willkommen. Sie haben aber Angst, was passiert, wenn noch mehr einquartiert werden, sagt Nachbar Ulrich Ebert (rechts). Fotos: Hans Georg Frank Foto: 
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"Erst einmal freundlich" möchte Ulrich Ebert (56) seine neuen Nachbarn empfangen. Der Altenpfleger wohnt neben jenem Heim im Murrhardter Stadtteil Oberneustetten, das vom Landratsamt für zehn Jahre zur Unterbringung von Flüchtlingen angemietet worden ist. Das beschauliche Nest im Rems-Murr-Kreis wurde national bekannt, weil die acht Einheimischen sehr kurzfristig erfahren haben, dass bei ihnen 200 Asylsuchende einquartiert werden sollten.

Ein Pflegeheim erwies sich als unwirtschaftlich, weshalb dessen Besitzer seine Immobilie als Massenunterkunft anbot. Der Landkreis griff gerne zu und vergaß dabei die rasche Information. Jetzt muss die Transparenz nachgeholt werden.

Die Oberneustettener haben sich zusammengetan mit den Unterneustettenern und den Einwohnern vom Gärtnershof, Gänshof, Mutzenhof und Göckelhof. Als Bürgerkomitee wollten sie eine angebliche Katastrophe verhindern - zu viele Flüchtlinge auf zu kleinem Raum. Tatsächlich können sie einen Erfolg verbuchen. Landrat Richard Sigel (parteilos) hat versprochen, "zunächst" maximal 65 Personen zu schicken. Diese Zahl entspricht jener der Patienten, die zuletzt im Pflegeheim betreut worden sind.

Doch für das Bürgerkomitee ist dies nur ein Etappensieg. "Bei Bedarf wird der Kreis die Belegung auf 100 Personen erhöhen", erklärt eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Die "vorläufige Obergrenze" von 65 Personen solle "aus Rücksicht gegenüber den Bedenken der Anwohner" eingehalten werden. Aber: Das Landratsamt könne dies nicht auf Dauer versprechen. Im Rems-Murr-Kreis lebten über 500 Flüchtlinge in Turn- und Festhallen, jede Woche benötigten weitere 211 Personen ein Obdach.

Wen man auch fragt in Ober- und Unterneustetten, alle sind sich einig: "Wir sind nicht generell gegen Flüchtlinge." Spruchbänder mit "Refugees welcome" beweisen, dass hier nicht die Fremdenfeindlichkeit zuhause ist. Doch es geht die Angst um, dass doch 200 Schutzsuchende hergekarrt werden oder gar 300, wie mancher befürchtet. "Da sind soziale Spannungen programmiert", sagt Ulrich Ebert und meint damit die Bewohner des Heimes wie das gesamte Dorf.

Ebert hat als Altenpfleger vier Jahre in dem jetzt vermieteten Heim gearbeitet. "Mehr als 60, höchstens 70 passen da nicht rein", glaubt er, "mehr als zwei Personen in einem Zimmer, das wäre unmenschlich." Ihm ist schleierhaft, wo sich die Fremden aufhalten sollen. Hinter dem Haus ist ein kleiner Garten, eingezäunt wie ein Gefängnis, vorne braust der Verkehr vorüber. "Die Leute können hier nur die schöne Landschaft bewundern."

"Die Flüchtlinge würden jedes andere Fleckchen in Deutschland bevorzugen", meint Daniel Sanwald (23). Denn es fehle an allem, an leistungsfähigem Internet, an Gehwegen, an Beleuchtung, an Einkaufsmöglichkeiten. Damit müssen die Mitbürger auf Zeit selber für sich sorgen, selber einkaufen im sechs Kilometer entfernten Murrhardt, wohin nur selten jetzt schon gut besetzte Busse fahren. Weil der Kreis keine Verpflegung geplant hat, wie in den anderen Gemeinschaftsunterkünften, muss selber gekocht werden. "Dann ist der letzte nach 25 Stunden fertig", scherzt Michael Hartdegen (58). Vor zwei Jahren ist der Aachener in das alte Schulhaus gezogen. Ihm gefällt es in der neuen Heimat, im früheren Klassenzimmer ist Platz für zwei Orgeln und den Billardtisch. Wie freilich die Flüchtlinge den lieben langen Tag rumbringen, kann er sich nicht vorstellen: "Außer Schneemann bauen ist hier nicht viel möglich."

Hartdegen gehört zum Bürgerkomitee, das beim Start in einem freien Land behilflich sein möchte. Konkrete Pläne gebe es noch nicht, auf jeden Fall sei an Besuche gedacht, bei denen sich die Einheimischen abwechseln wollten. "Zuerst ist wichtig", betont der Kraftfahrer, "dass die Leute in Sicherheit sind und hier zur Ruhe kommen."

Fraglich ist nur, ob die Ruhe nicht von außen gestört wird. Zwei von vier "Refugees welcome"-Bannern wurden gestohlen. Hartdegen verdächtigt unbekannte Zeitgenossen, denen die Willkommensbereitschaft nicht passe.

Keine alleinreisenden Männer

Belegung Die ersten Bewohner der Unterkunft in Oberneustetten sind 40 Personen aus mehreren Erstaufnahmeeinrichtungen. Dabei handelt es sich nach Angaben des Landratsamtes um mehrere Familien. Sie stammen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea. Morgen sollen weitere 20 Personen folgen. Alleinreisende Männer sind für Oberneustetten nicht vorgesehen, teilte die Behörde mit. Die Betreuung übernehme die Caritas. Bei einer Ausweitung der Belegung müssten zusätzliche Betten aufgestellt werden.

Widerstand Das Bürgerkomitee möchte verhindern, dass mehr als 65 Personen einziehen. Björn Kirsten, einer der Wortführer, geht davon aus, dass dafür eine Genehmigung wegen der Nutzungsänderung notwendig ist. Dagegen soll notfalls geklagt werden. hgf

SWP

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