Zeugenschutz: Abtauchen als letzter Ausweg

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Ein geordnetes Leben. Schule, Freunde treffen, Hausaufgaben machen, im Haushalt helfen – und den Eltern gehorchen, um jeden Preis. Nesrin wächst in einem patriarchalischen Milieu auf, in dem sie gegen strenge Regeln nicht verstoßen darf. Die Familienehre steht an erster Stelle, Nesrin ist ihr von Geburt an untergeordnet. Der kleinste Fehler, ein Lächeln für den falschen Mann, und schon ist diese Ehre beschmutzt.

Sie ist ein Gegenstand, der verkauft wird. Die Zwangsheirat mit 16 heißt für sie, den Eigentümer zu wechseln. Beschweren darf sie sich nicht, sonst drohen Schläge, psychischer Druck und im schlimmsten Fall der Tod. Nesrin existiert nicht wirklich, es ist ein Beispielfall, konstruiert aus Schilderungen von Polizisten und Opferschutzorganisationen. Konkrete Angaben zu echten Opfern sind aus Schutzgründen tabu.

Es gibt Fälle, die so extrem sind, dass nur ein neues Leben einen Ausweg bieten kann. Seit diesem Jahr gibt es bei der Polizei in Baden-Württemberg ein Programm zum „operativen Opferschutz“. Es soll Menschen wie Nesrin helfen. Das Prinzip gleicht dem des Zeugenschutzes. Das heißt, das Landeskriminalamt (LKA) verhilft Opfern zu einer neuen Identität – mit dem Ziel, ein normales Leben zu führen. Ein neuer Name, ein neuer Wohnort, Hilfe und Betreuung durch Fachleute sollen dabei helfen. Gedacht ist das Konzept vor allem für Menschen, die zwangsverheiratet werden sollen,  die Angst vor einem Ehrenmord haben müssen oder Stalkingopfer sind.

Für zwei Jahre angelegt

Das Pilotprogramm läuft zunächst zwei Jahre. Die Zuständigkeit liegt beim LKA, wobei die Behörde mit der Landespolizei kooperiert. „Es ist naheliegend, dass der operative Opferschutz beim Zeugenschutz angegliedert ist“, sagt Horst Haug, Pressesprecher beim LKA. Man müsse nicht das Rad neu erfinden, sondern könne sich auf erfahrene und qualifizierte Mitarbeiter verlassen.

Vorreiter dieses Konzepts war laut Haug die Hamburger Polizei, die bereits 2005 den operativen Opferschutz einführte. Jetzt haben sich neun Bundesländer angeschlossen, sie stehen untereinander in Kontakt. „Ein schwerwiegender Stalkingfall, bei dem massivste Drohungen ausgesprochen wurden“,  oder auch die „Gefahr eines Ehrenmordes“ wären ganz klar ein Fall für den Opferschutz, erklärt Haug. Über viele Details des Programms können die LKA-Beamten aber nicht sprechen, um die Opfer nicht zu gefährden.

Es ist ein schwieriger Job mit vielen Fallstricken. Denn auch Jahre nach der Flucht vor der Familie oder einem Stalker kann ein kleiner Fehler oder ein Zufall alles zunichte machen. Verschiedene Organisationen, darunter auch der Weiße Ring Baden-Württemberg, helfen Gewaltopfern bei ihrem Weg zurück in einen neuen Alltag. Der Verein arbeitet eng mit der Polizei zusammen und bewertet die Einführung des operativen Opferschutzes aus Sicht der Betroffenen positiv. „Wir sind der Polizei dankbar“, sagt Landesvorsitzender Erwin Hetger.

Es handle sich um ein sensibles Thema, das nun in den „besten Händen ist“. Hetger merkt an, dass die bisherigen Maßnahmen wie Annäherungsverbote oder Aufenthalte in Frauenhäusern oft nur kurzfristig Wirkung zeigen, daher brauche es für manche Fälle ein noch drastischeres Vorgehen. Wenn alle klassischen Mittel keine Wirkung zeigten, Gewalt im Spiel ist und das Leben gefährdet ist, bleibt der operative Opferschutz die letzte Möglichkeit, der letzte Ausweg.

In ein neues Leben und eine neue Identität zu schlüpfen, belastet die Betroffen stark. Dennoch nehmen sie all das auf sich, um wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Opfer erhalten zudem eine psychologische Begleitbetreuung.  Schätzungen des ehemaligen Landespolizeipräsidenten Hetger zufolge wird sich die Zahl derer, die für das Pilotprojekt in Frage kommen, allerdings jährlich im einstelligen Bereich bewegen.

Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes sind in Deutschland zwischen 1996 und 2005 etwa 125 Menschen Opfer eines so genannten Ehrenmordes geworden. Das geht aus einer Veröffentlichung des Freiburger Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht hervor. Demnach gibt es jedes Jahr rund zwölf dieser Morde.

Stalker quälen andere Menschen mit ständigem Anrufen, beharrlichem Auflauern oder Nachspionieren. In Deutschland ist Stalking seit 2007 strafbar. Das Strafgesetzbuch sieht bis zu drei Jahre Haft vor. Etwa 12 Prozent aller Menschen in Deutschland werden laut Studien mindestens einmal im Leben gestalkt. Meist sind Frauen betroffen. 2015 wurden in Deutschland 19 704 Fälle registriert – die Zahlen sind aber seit Jahren stark rückläufig.

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