Abitur und dann? Kollegs erleben großen Andrang

Weltreise, Studium, Sozialprojekt? Nach dem Abi suchen viele Jugendliche Orientierung. Fächerübergreifende Kollegs helfen dabei – für einen Preis.

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Julia wollte nach dem Abi erst einmal eines: Reisen. Sie hat in einem sozialen Projekt in Nepal gearbeitet, sie war als Au-Pair in Australien, hat Neuseeland und Asien besucht: Eineinhalb Jahre lang war sie unterwegs. Doch was sie beruflich machen will, wusste sie bei ihrer Rückkehr in Deutschland auch nach den vielen Eindrücken und Erfahrungen noch nicht. Wie für viele junge Menschen stand die große Frage im Raum: Was soll ich studieren? Die gebürtige Bambergerin bewarb sich am Tübinger Leibniz-Kolleg – um die eigenen Interessen auszuloten und um sich im Fächer-Dschungel zu orientieren. Seit Oktober vergangenen Jahres hat sie zusammen mit 52 anderen jungen Menschen am traditionsreichen Kolleg gelesen, gelernt, gelebt, diskutiert und Gedanken sortiert. Nun endet ihr letztes Trimester am Kolleg.

1948 wurde das Leibniz-Kolleg auf Initiative der französischen Militärregierung gegründet, die damit der Nachkriegsgeneration ein neues demokratisches und geschichtliches Verständnis vermitteln wollte. Unter anderen wirkten Theodor Heuss, Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker und Eduard Spranger an der Konzeption mit. Heute bietet das Kolleg im Sinne eines Studium Generale eine Bandbreite an Seminaren im eigenen Haus, die zudem Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln – von Architektur über Informatik, Jura, Medizin und Rhetorik bis hin zu Sprachkursen. In Zeiten schier unbegrenzter Möglichkeiten für junge Leute hat das Kolleg einen neuen Zweck gefunden. Wer hierher kommt, hat Lust zu lernen, sich selbstständig in verschiedene Themen einzuarbeiten und zu diskutieren. Die Seminare verlangen den Kollegiaten einiges ab.  Protokolle, Referate, Thesenpapiere: „Es ist schon viel Arbeit“, sagt Julia. Doch dafür bekomme man einen Einblick in viele unterschiedliche Fächer.

Die Wahl eines Studiums fällt den wenigsten Abiturienten leicht, mancher steht nach dem Prüfungsstress erstmal vor dem großen Nichts. wer sich über eine Studienberatung an der Uni oder über die Berufsberatung beim Arbeitsamt hinaus Unterstützung wünscht, muss dafür unter Umständen tief in den Geldbeutel greifen. So gibt es Coaches, die sich auf die Beratung von Abiturienten bei der Berufs- und Studienwahl spezialisiert haben.

„Career Counseling“, „Leadership Training“, Assessment-Workshops und Entscheidungstraining für die Berufs- und Studienwahl gehören auch zum Angebot des Salem-Kollegs am Bodensee. Auch dieses Kolleg, das zum örtlichen Elite-Internat gehört, will Abiturienten auf die richtige Studienwahl vorbereiten. Ein liquides Elternhaus kann dabei nicht schaden: Das   Orientierungsstudium und Studium Generale samt Outdoor-Training kostet 24 000 Euro inklusive Vollverpflegung.

In Ulm gibt es das Aicher-Scholl-Kolleg im Gebäude der ehemaligen Hochschule für Gestaltung. Die Kollegiaten besuchen tagsüber die Kurse, leben dort jedoch nicht unter einem Dach. Ein Studienjahr am Kolleg kostet 2750 Euro. Am Leibniz-Kolleg kosten die drei Trimester von Oktober bis Juli 4900 Euro, darin enthalten sind aber auch Miete, Nebenkosten und eine Hörgeldpauschale. Verpflegen müssen sich die Kollegiaten selbst. Sowohl das Leibniz-Kolleg als auch das Aicher-Scholl-Kolleg bieten bei besonderer Bedürftigkeit Stipendien.

Der Andrang ist groß – es gibt deutlich mehr Bewerber als Plätze. Nach Salem kommen maximal 40 Kollegiaten pro Studienjahr. Das Leibniz-Kolleg wählt jährlich aus 150 bis 200 Bewerbungen in einem aufwendigen Verfahren 53 junge Menschen  aus.

„Was man immer raushört: Es ist den Leuten zu früh, sich zu entscheiden. Sie haben Angst davor, sich festzulegen und etwas anderes dafür aufzugeben“, sagt Michael Behal. Er ist seit 1975 am Leibniz-Kolleg, zunächst ehrenamtlich, seit über 20 Jahren leitet er die Institution. Über die Jahrzehnte habe sich vor allem eines geändert: Die Stipendiaten seien immer jünger. Waren es früher vor allem 18- und 19-Jährige, sind sie heute überwiegend ein oder zwei Jahre jünger, manche sogar erst 16 Jahre alt. Allen gemeinsam sei: „Die jungen Leute sind sehr talentiert und haben viele verschiedene Interessen“, sagt Behal.

„Von hundert Fächern könnte ich zwölf studieren“, sagt auch Julia. Gerade diese Vielseitigkeit und die nötige Eigeninitiative schätzt die 18-jährige Lara aus Köln. Für sie ist klar: Egal, welches Studium sie im Herbst aufnehmen wird, „ich werde auf jeden Fall Sprachen und andere Kurse zusätzlich belegen“. Carolina aus Hamburg wollte zunächst Psychologie oder Jura studieren. Am Kolleg hat sie unter anderem Biochemie-Kurse belegt und eine medizinische Vortragsreihe besucht. Nun hat sie sich für ein Medizin-Studium entschieden –  wahrscheinlich, denn so ganz ausgeschlossen sei  Psychologie für sie noch nicht.

Run aufs Studium

Anstieg 176.898 Studierende waren laut Statistischem Landesamt im Wintersemester 2014/15 an Universitäten (einschließlich Private Wissenschaftliche Hochschulen sowie Theologische Hochschulen) in Baden-Württemberg eingeschrieben. Hinzu kommen 114.329 Studierende an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (früher Fachhochschulen). Dem Bildungsbericht 2016 des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zufolge sind die Neuzugänge zu einer voll qualifizierenden Berufsausbildung bundesweit weiter rückläufig. Dem gegenüber steht eine anhaltend hohe Zahl an Studienanfängern. Dazu hätten die  steigende Zahl an Studienberechtigten, die leicht zunehmende Übergangsquote an die Hochschule sowie mehr internationale Studierende beigetragen.del

Beratung: "Der Druck ist gestiegen"

Turbo-Abi, Stress, Erwartungsdruck: In der Schule kommt die Orientierung oft zu kurz. Auch deshalb haben Studienberater alle Hände voll zu tun.„Der Druck, das richtige Fach zu finden, ist gewachsen“, sagt Birgit Grunschel. Sie leitet die Zentrale Studienberatung an der Uni Tübingen. In den vergangenen Monaten seien die Schüler stark mit Vorbereitungen aufs Abitur beschäftigt gewesen – nach der Zeugnisübergabe seien viele unsicher, was zu tun ist: „Die wenigsten Abiturienten, die zu uns kommen, sind sich darüber im Klaren, was sie studieren sollen“, sagt Grunschel. Viele planen deshalb zunächst einen Freiwilligendienst oder eine Reise.

Die meisten der über 3800 Ratsuchenden pro Jahr studieren bereits. Zusätzlich zur persönlichen Beratung in der Sprechstunde bieten Grunschel und ihr Team Schülerveranstaltungen an der Uni, Veranstaltungen zu Studienwahl und Bewerbung sowie Workshops und Vorträge direkt an den Schulen. „Eigentlich sollte die Studienwahl ein Thema an der Oberstufe sein – doch häufig ist an den Schulen nicht viel Zeit dafür“, sagt Grunschel.

Wie bereite ich mich aufs Studium vor? Welche Berufsperspektiven eröffnen die Fächer? Wie recherchiere ich deutschlandweit und gründlich nach Studienangeboten? Und vor allem: Was soll ich studieren? In der Beratung klären Grunschel und ihre Kollegen mit den Abiturienten, wo Interessen und Fähigkeiten liegen, aber auch, wo es Konflikte gibt – etwa durch Erwartungen der Eltern. Viele hätten Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen oder das Studium nicht schnell genug zu schaffen. „Mit diesem Leistungsdruck nimmt sich ein Abiturient den Freiraum, in die Welt zu schauen, rauszugehen und Erfahrungen zu machen“, sagt Grunschel.

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