Ab Freitagabend wird in den meisten Kommunen geklebt

Von diesem Wochenende an können die allermeisten Bürger nicht mehr übersehen, dass Wahlkampf herrscht: Im Großteil der Kommunen beginnt die Plakatierung. Dabei variieren die Vorgaben.

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  • Gute Plakate, schlechte Plakate? Am Wochenende wird die Landtagswahl in den meisten Städten optisch Einzug halten. Der Kampf um die besten Plätze folgt strengen Regeln. Fotos: dpa 1/3
    Gute Plakate, schlechte Plakate? Am Wochenende wird die Landtagswahl in den meisten Städten optisch Einzug halten. Der Kampf um die besten Plätze folgt strengen Regeln. Fotos: dpa Foto: 
  • Kommunikationsforscher Frank Brettschneider. 2/3
    Kommunikationsforscher Frank Brettschneider. Foto: 
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Die 40 000-Einwohner-Stadt Ettlingen gehört zu den absoluten Frühstartern: In der nordbadischen Kommune hängen bereits seit dem 4. Januar Plakate der Landtagskandidaten für die Wahl am 13. März. Die Richtlinien der Stadt dürften damit zu den wahlkampffreundlichsten im Land gehören - sie erlauben die Plakatierung bereits ab zehn Wochen vor dem Urnengang.

Am 20. Januar ist Karlsruhe nachgezogen, wo sich prompt ein ernster Zwischenfall ereignet hat: Ein Unbekannter soll auf einen Mann, der AfD-Plakate aufstellte, geschossen haben. Die Regel sind aber zum Glück nur kleinere Reibereien um die besten Plätze und Flächen.

In der Fläche des Landes werden die Konterfeis von Winfried Kretschmann, Guido Wolf, Nils Schmid, Hans-Ulrich Rülke und Co. erst an diesem Wochenende großflächig ausgestellt. Eine landesweite Vorgabe gibt es zwar nicht, jede Kommune kann eigene Fristen und Regeln aufstellen - im Rahmen der Rechtsprechung. Danach haben die Parteien spätestens vier Wochen vor der Wahl einen Anspruch. Die meisten Kommunen haben sich auf eine Sechs-Wochen-Frist für alle Wahlwerbeplakate verständigt - dem Zeitpunkt, der allgemein auch für die Großflächen gilt. In einigen Faschingshochburgen müssen sich die Parteien indes bis nach Aschermittwoch gedulden. Vielerorts fällt aber an diesem Freitag, 18 Uhr, der Startschuss. Erfahrungsgemäß ziehen die Ersten etwas früher los.

Zentral für die optischen Botschaften sind die teuren Großflächenplakate im Format von 3,56 mal 2,52 Metern an Ausfallstraßen und zentralen Plätzen. Dafür gibt es mehrere Anbieter, in Baden-Württemberg setzen aber alle im Landtag vertretenen Parteien auf die Wattenscheider Firma Wesselmann. Der Anbieter selbst gibt sich zugeknöpft. Insider berichten, dass ein Großflächenplakat - inklusive zweimaligen Motivtauschs während des Wahlkampfs - rund 350 Euro koste. Dazu kommt der Druck, der mit etwa fünf bis zehn Euro pro Großplakat veranschlagt wird.

Mit knapp 500 "Wesselmännern" geht die FDP nach eigenen Angaben in den Wahlkampf, die Grünen kommen auf 1000 - gut doppelt so viele wie bei der Wahl 2011. Die SPD platziert ihre Botschaften ebenfalls auf 1000 Großplakaten, dazu kommen weitere 200, die einzelne Kandidaten geordert haben. Traditionell stellt die CDU die meisten XXL-Formate auf, eine Zahl nennt der Landesverband aber nicht.

Im Kleinen setzt sich die Materialschlacht in den Innenstädten fort. Damit es die Parteien nicht zu bunt treiben, weisen viele Kommunen Standorte für die erlaubnispflichtige Plakatierung genau aus. Fast jede Stadt hat ihre eigenen Regeln, manche formulieren die Bedingungen vor jeder Wahl neu. Oft wird eine - mal mehr, mal weniger kontrollierte - Obergrenze für die Gesamtzahl der Plakate festgelegt, verbreitet ist auch ein Werbeverbot in historischen Stadtkernen, immer im Blick ist der Faktor Verkehrssicherheit. Ganz ausschließen aber könnten Kommunen diese Form der Werbung nicht - sie gilt als wesentliches Element, um auf die Wahl aufmerksam zu machen und über die Absichten der Parteien zu informieren. Die Kommunen sind zudem höchstrichterlich gehalten, die zur Plakatierung freigegebenen Standorte nach dem Prinzip der "gestaffelten Chancengleichheit" auf alle Parteien zu verteilen.

Experten-Kritik: Von klasse bis überfrachtet

Forscher Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider, Professor an der Uni Hohenheim hat Plakate der Parteien unter die Lupe genommen:

Grüne "Durchgängig richtig klasse" seien die Plakate der Grünen, sagt Brettschneider. Sympathische Bilder, Grün als wesentliches Gestaltungselement. Viele Landesthemen würden abgedeckt, aktuell kritische Themen wie die Migration nicht ausgelassen. Mit dem Slogan "Grün wählen für Kretschmann" versuche die Partei von der Beliebtheit ihres Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann zu profitieren.

CDU "Am 13. März - Guido Wolf", wissend, dass selbst CDU-Anhänger Kretschmann besser bewerten als CDU-Spitzenkandidat Wolf, sei der Slogan nicht gut gewählt, sagt Brettschneider. "Hier wäre es besser gewesen, die CDU stärker hervorzuheben, nicht den Kandidaten." Sonst mache auch die CDU vieles richtig: Vom Aufbau seien die Plakate gut, das Orange garantiere Wiedererkennung.

SPD Die Partei verschenke die Chancen, die Plakate böten, sagt der Experte, die SPD-Plakate seien "überwiegend wirkungslos". Zwar bringe man mit Arbeit, Familie und Bildung die Themen, die mit der SPD verbunden würden. Sie hätten aber stärker visualisiert werden müssen - und verständlicher: Da reicht eine alte Hand einer jungen einen Apfelschnitz. Dort lasse sich nur schwer die Botschaft der Solidarität unter den Generationen herauslesen.

FDP "Der nächste Schritt für unser Land", lautet der Slogan der FDP. "Aber wohin soll der führen?", fragt Brettschneider. Überzeugend sei das nicht. "Der nächste Schritt kann ja auch in den Abgrund führen." Mit den schrillen Neonfarben erzeuge die Partei Aufmerksamkeit, ob die Plakate aber immer der FDP zugeordnet werden, bleibt fraglich", so der Kommunikationswissenschaftler.

AfD "Nicht schlecht gemacht" findet der Kommunikationsexperte die AfD-Plakate. Blau, mit immer gleichem Aufbau, das bringe eine gute Wiedererkennung. "Die Plakate sind klar auf Protestwähler ausgerichtet", sagt Brettschneider.

Linke Zu viele Botschaften, urteilt Brettschneider, die Plakate seien überfrachtet: "Zu unruhige Bilder, zu viel Text." Der Spruch "Bden-Wrttmberg - Hier fehlt doch was?" sei zwar witzig, aber die fehlenden Buchstaben a, ü, e und e - "welche Botschaft soll das sein?" dpa

SWP

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