"Wir sind die Mutter"

Homosexuelle Paare dürfen in Deutschland Kinder nicht gemeinsam adoptieren. Schwule und Lesben erfüllen sich trotzdem ihren Kinderwunsch - wie Jessica und Meret Fluhr aus Stuttgart.

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Hochzeit, Kinder, und das alles möglichst schnell - als sich Jessica Siebert und Meret Fluhr mit Anfang 20 verliebten, wussten sie schon früh: "Wir wollten eine klassische Familie", wie Jessica Fluhr sagt. Nur wenige Jahre später sind die beiden Stuttgarterinnen verheiratet und Mütter von zwei Söhnen, Janusz Sol, zwei Jahre acht Monate, und Seth Paris, acht Monate.

2013 gab es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 78.000 gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Davon lebten 7000 Paare mit insgesamt 11.000 Kindern. Wie diese Paare ihre Kinder bekommen haben, ist allerdings nicht erfasst.

Nach dem Votum der Iren für die eheliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren hat auch in Deutschland die Debatte um die Öffnung der Ehe und ein uneingeschränktes Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare an Fahrt aufgenommen. Aktuell dürfen gleichgeschlechtliche Paare ein Kind nicht gemeinsam adoptieren. Viele wünschen sich aber Nachwuchs. Ein Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland sagt: "Es gibt ganz viele Wege, wie der Kinderwunsch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen realisiert werden kann." Schon vor ihrer Heirat - so bezeichnen sie ihre eingetragene Partnerschaft - im September 2011 überlegten sich die damals 24-jährige Jessica Siebert und ihre ein Jahr jüngere Freundin, wie sie ihren Kinderwunsch verwirklichen könnten. Adoption? Keine Unterstützung durch das Stuttgarter Jugendamt. Auslandsadoption? Zu teuer. Männliche Freunde fragen? Die Frauen wollten keinen "Onkel" für das Kind, sondern schlicht zwei Elternteile.

So suchten sie sich im Internet einen Samenspender: Blond und blauäugig sollte er sein, damit Sohn oder Tochter auch wie die Mütter aussehen würde. Außerdem musste er damit einverstanden sein, dass nur das Kind später den Kontakt zu ihm suchen kann - und nicht umgekehrt. In einem Café kamen die Frauen und der Mann zusammen. "Man trifft sich, bekommt das Sperma, geht nach Hause und führt es ein", sagt Jessica Fluhr. "Das ist biologisch ziemlich einfach." Geld wollte der Mann nicht. Warum er sein Sperma gespendet hat, können die beiden nicht sagen. Es gebe Männer, für die sei das wie "Blut zu spenden, die Motivation ist einfach zu helfen", sagt Jessica Fluhr.

Gleich im ersten Versuch wurde eine der beiden Frauen schwanger. Welche, sagen sie nicht. "Das geht nur die Kinder was an", sagt Jessica Fluhr. Die Partnerin adoptierte Janusz Sol. In der Geburtsurkunde stehen beide Frauen als "Elternteile". Beim zweiten Sohn dauerte es länger, bis es klappte. Jessica Fluhr übernahm den großen Teil der Elternzeiten und setzt bis heute mit ihrer Erzieherinnenausbildung aus. Meret Fluhr erstellt beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Landkarten.

Ihre Familienkonstellation bringt die Frauen immer wieder in seltsame Situationen. "Wir werden als Familie nicht wahrgenommen", sagt Meret Fluhr. Auf der Straße hielten die Menschen sie für Schwestern oder eine der Frauen für die Nanny. Auf die Frage der Kinderärztin, wer denn jetzt die Mutter sei, heißt es dann: "Wir." Ein uneingeschränktes Adoptionsrecht für Homosexuelle hält Meret Fluhr "für die Gleichberechtigung für wichtig und für Schwule für essenziell". Schwule Freunde hätten sich Leihmütter in den USA suchen müssen oder Auslandsadoptionen in Vietnam unternommen. Aber egal wie sich die Gesetzeslage weiterentwickelt: Die Familienplanung ist bei Fluhrs noch nicht abgeschlossen.

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