Streckensperrung der Bahn bei Rastatt: „Und wie komme ich jetzt nach Hause?“

Nach der Streckensperrung bei Rastatt herrscht am Wochenende am Karlsruher Hauptbahnhof Chaos. Viele Reisende übernachten in einem ICE.

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„Jetzt haben sie die Qual der Wahl“, sagt der Mitarbeiter der Deutschen Bahn lächelnd zu einem Mann, der sich auf dem Karlsruher Bahnhofsvorplatz auf seinen großen Rollkoffer stützt. „Sie können gleich hier vorne mit der S7 oder der S8 bis Rastatt fahren, sie können aber auch zurück in den Bahnhof gehen und den Regionalexpress nach Rastatt nehmen.“ Andere Reisende müssen deutlich länger für eine Auskunft anstehen. Vor dem Infoschalter der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof will die Schlange einfach nicht enden. Und wenn sie mal kürzer wird oder sich gar für eine kurze Zeit auflöst, kommt schon der nächste ICE in den Bahnhof gefahren, der eine Menge Reisender ausspuckt. Und dann geht das Frage-Antwort-Spiel von vorne los: „Wie komme ich jetzt heim?“, „Wo fährt der Ersatzbus?“, „Bekomme ich noch meinen Anschlusszug?“

Endstation Karlsruhe

Seit Samstagmittag herrscht am Karlsruher Hauptbahnhof Ausnahmezustand. Zwischen Karlsruhe und Offenburg geht nichts mehr. Der Zugverkehr auf der Rheintalstrecke ist lahmgelegt. Grund für die Probleme ist nach Angaben der Bahn eine technische Störung, die mit Tunnel-Bauarbeiten bei Rastatt zu tun hat. In der Folge sind Gleise abgesackt. Ein automatisches Warnsystem hatte am Samstag gegen 11.30 Uhr Verwerfungen an den Gleisen im Bereich Rastatt-Niederbühl festgestellt und Alarm ausgelöst. Sofort wurde die Strecke  für den gesamten Verkehr gesperrt. Es werde zwar intensiv an der Behebung der Störung gearbeitet, sagte ein Bahnsprecher, dennoch müsse man damit rechnen, dass die Sperrung zwischen Rastatt und Baden-Baden ein bis zwei Wochen andauere.

Für  viele Reisende bedeutet das: In Karlsruhe ist erst mal Endstation. „Wir wurden vom Zugbegleiter kurz vor Frankfurt informiert, dass wir in Karlsruhe aussteigen müssen und nicht wie geplant nach Zürich weiter fahren können“, berichtet ein Ehepaar, das am Samstagmorgen in Hannover in den ICE gestiegen ist. Andere hatten weniger Glück – da hieß es in Karlsruhe einfach, „der Zug fährt nicht weiter“, sagen andere Reisende. Das Ehepaar aus Hannover steht mit mehreren Hundert anderen Reisenden am Busbahnhof und harrt aus.  „Ich staune über die Menschenmasse. Ich hätte gedacht, dass bereits Busse organisiert sind“, wundert sich ein Herr.

Taxis mit Rastatter, Baden-Badener und Offenburger Kennzeichen rollen immer wieder vor den südlichen Bahnhofseingang, spucken die Fahrgäste aus, nehmen neue auf, die sich häufig spontan zusammentun. „Nach Basel kostet die Fahrt 400 Euro, nach Baden-Baden 90 Euro“, sagt Taxifahrer Erkan.

 Bürgermeister Martin Lenz ist an diesem Samstag herbeigeeilt. „Laut den Informationen der Bahn kommen hier stündlich 400 Reisende an“, berichtet Lenz. Der orangefarbene Doppeldeckerbus der Berufsfeuerwehr ist ebenfalls schon da, er soll als mobile Einsatzleitstelle dienen. „Wir wissen nicht, wie viele Reisende heute noch ankommen werden, und ob vielleicht welche die Nacht hier verbringen müssen“, sagt Einsatzleiter Ronald Richter von der Branddirektion.

Es ist dann letztlich ruhiger als gedacht geblieben, berichtet Richter am Tag darauf. Zwischen 100 und 200 Passagiere hätten die Nacht im Bahnhof verbracht. Der Einsatzleiter versorgte mit seinen Kollegen die „Gestrandeten“ mit warmen Getränken, einer heißen Suppe und Decken. Geschlafen haben die meisten in einem bereitgestellten ICE.

Am Sonntag erst geht für sie die Reise weiter – etwa gen Freiburg. Ein ICE zwischen Offenburg und Freiburg ist dabei so voll, dass man an manchen Türen nicht einsteigen kann. Es ist ein Geschiebe und Gequetsche. Mitten auf dem Gang sitzt ein junger Mann mit einer Gitarre. Alle im Gang hören dem Musiker zu: „Ich will nach Freiburg“, singt er, „bin schon lange unterwegs.“

Der Tunnel Rastatt, an dem Bauarbeiten die Störung auf der Bahnstrecke zwischen Rastatt und Baden-Baden ausgelöst hatten, läuft nach Angaben der Deutschen Bahn unter dem gesamten Stadtgebiet. Wenn er fertig ist, soll er östlich von Ötigheim beginnen und südlich von Rastatt im Bereich Niederbühl enden – dann ist er 4270 Meter lang. Ziel der Untertunnelung sei es, Anwohner künftig vom Lärm der vorbeifahrenden Züge zu entlasten, heißt es bei dem Unternehmen. Der Tunnel solle für eine Geschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde ausgelegt werden. Er ist Teil der Aus- und Neubaustrecke Karlsruhe–Basel. Züge sollen ab 2022 durch den Tunnel fahren. dpa

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