"Superfood" vom Biohof nebenan

Kartoffeln und Tomaten kommen ursprünglich aus Amerika und sind heute alltäglich in der Küche. Quinoa, Chia und Yacon kommen auch aus Amerika und sind gerade schwer in Mode - als ultragesundes "Superfood".

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"Ess dich gesund" lautet das Marketing-Versprechen zu Lebensmitteln unter dem Label "Superfood". Ob das Humbug ist oder nicht, darüber streiten sich die Fachleute. Verbraucher weltweit interessieren sich jedenfalls für diese Produkte - auch für Quinoa, der in den südamerikanischen Anden ein Grundnahrungsmittel ist. Die Samen des Fuchsschwanzgewächses sind gerade bei Vegetariern und Veganern beliebt - erstmal nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil sie einfach Abwechslung auf den Teller bringen.

Ein Projekt der Uni Hohenheim versucht deshalb seit ein paar Jahren, den Quinoa-Anbau auf Äckern im Südwesten möglich zu machen. Schon in den 80ern gab es in Stuttgart entsprechende Versuche - die seien aber versandet. Nun hat der Quinoa-Boom neue Drittmittel-Quellen aufgetan: Das nötige gesellschaftliche Interesse an wissenschaftlicher Expertise ist geweckt.

"Die Nachfrage nach Quinoa ist enorm", sagt Simone Graeff-Hönninger. Die Pflanzenbau-Expertin und ihre Kollegen testen seit fünf Jahren verschiedene Arten auf Versuchsflächen im Land: Was wächst verlässlich, welche Erntemengen sind zu erzielen, wie muss produziert werden, was passt zu Klima und Tageszeitenlänge.

Mittlerweile sei man so weit, dass interessierte Landwirte sich melden könnten - Biobauern etwa, die eine Produktnische suchen. Oder konventionelle Landwirte, die mit Quinoa ihre Fruchtfolge verbessern wollen. Der übliche Maschinenpark reicht zum Anbau der anderthalb Meter hohen Pflanzen mit ihren rötlich bis goldgelben Blüten. Zudem brauchen die Pflanzen nur ein Drittel so viel Wasser wie Weizen und halb so wenig Stickstoffdüngung. Und: Es gibt keine spezialisierten Quinoa-Schädlinge, sagt die Professorin Graeff-Hönninger. "Außer vielleicht mal einer Blattlaus, die an einem Quinoa-Blatt saugt."

Als Anbaugebiete, so Graeff-Hönninger, kämen wärmere Regionen infrage wie das Rheintal aber auch das Donauried. Saatgut bieten Züchter aus Frankreich, Österreich und Dänemark an. Dass der Anbau für Landwirte interessant sein könnte, zeigt der Amarant, wie der Quinoa ein in Südamerika verbreitetes Fuchsschwanzgewächs. Dieser wird seit 2002 etwa in Zwiefalten-Mörsingen (Kreis Reutlingen) angebaut.

Doch warum den Quinoa nicht einfach aus Südamerika importieren? Weil die gestiegene Beliebtheit des Quinoa so ziemlich in allen westlichen Ländern für die Bewohner der Anden nicht unbedingt nur Vorteile hat. "Für die Länder ist das ein Ritt auf Messers Schneide", sagt der Agrarwissenschaftler und Journalist Wilfried Bommert, der das Berliner Institut für Welternährung leitet. Die gesteigerte Nachfrage hat in südamerikanischen Ländern die Preise für das Grundnahrungsmittel deutlich verteuert. Das kann Versorgungsengpässe bis hin zu sozialen Unruhen bedeuten.

"Fairtrade wäre eine Lösung", sagt Bommert - nur: das verknappt dennoch die Menge an Quinoa. Daher sei parallel der Anbau in Europa eine "super Idee". Das könnte die angespannte Marktlage entspannen. "Ich glaube auch nicht, dass das zu einem Preisrutsch führt", sagt Bommert. Viel mehr halte es die Anden-Bauern davon ab, kurzfristig den Quinoa-Anbau zu intensivieren. Denn die Andenböden sind karg: Düngung wie bisher durch die gleichzeitige Haltung von Lamas auf den Äckern kann einen höheren Nährstoffverlust nicht ausgleichen.

Die Hohenheimer Forscher setzen daher auch auf zwei weitere "Superfood"-Pflanzen aus Amerika: Chia und Yacon. Bei diesen beiden Pflanzen werden sie noch ein paar Jahre brauchen, um so weit wie bei Quinoa zu sein - dafür haben auch die Pflanzen Potential. Chia-Samen sind schon in normalen Supermärkten zu finden, der Yacon aus Peru ist dagegen noch weitgehend unbekannt. Er wächst wie die Kartoffel unterirdisch. "Aber da hören die Unterschiede auch schon auf", sagt Benjamin Mast. Auch er ist Pflanzenbau-Experte in Hohenheim und kümmert sich um die Knolle, die auch als "Diätkartoffel" angepriesen wird. Der Grund: Sie speichert Energie nicht wie die Kartoffel in Form von Stärke, sondern als Fructooligosaccharid - das macht sie für Diabetiker interessant.

Bislang habe sich eine Uni in Prag mit dem Yacon-Anbau in Europa befasst, "ansonsten ist mir keine Forschung bekannt", sagt Mast. Die Hohenheimer haben nun zum ersten Mal zwei Sorten getestet und nun die Ernte eingeholt. Und die ersten Erfahrungen stimmen Mast hoffnungsfroh: "Generell ist ganz Baden-Würettemberg für den Anbau geeignet."

Exotisches auf dem Teller

Sättigend Chia-Samen sind nicht nur bei Marathon-Läufern beliebt. Auch die Azteken wussten, dass diese Samen nicht nur sattmachen, sondern auch noch gesund sind. Mit einem einzigartigen Verhältnis von Omega-3- und -6-Fettsäuren übertreffen sie sogar Fisch. Chia-Samen gibt es in schwarz und weiß. Im Moment ist die Mischung ("Salz und Pfeffer") besonders beliebt.

Grundnahrung Quinoa, das "Gold der Inka", gilt in Südamerika als Reis- oder Couscousersatz und ist reich an Aminosäuren, Proteinen und den Vitaminen B2, C, E und Folat. Vor allem der Import von Quinoa wirkt sich schon jetzt auf die einheimische Bevölkerung aus: Mittlerweile ist der Preis so gestiegen, dass sich viele Menschen ihr Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können.

Diätkartoffel Die aus Peru stammende, wie die Kartoffel unterirdisch wachsende Knollenfrucht Yacon schmeckt nach einer Mischung aus Apfel, Birne und Melone. Da die enthaltenen Zucker in erster Linie zu den Fructooligosacchariden (FOS) zählen, ist die Yacon-Knolle besonders für Diabetiker geeignet. Sie kann zu Sirup, Saft, Chips oder Süßungsmittel verarbeitet werden.

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