Sommerserie „Widerstand“: Zivilcourage zeigen

Als ein Mann in Ludwigsburg auf seine Frau einsticht, schreiten Michele D’Amico und sein Sohn Fabio ein, während andere nur zuschauen. Die Gefahr blenden sie aus.

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Rückkehr an den Tatort: Vor vier Jahren retteten Michele D’Amico (links) und sein Sohn Fabio in der Nähe des Ludwigsburger Bahnhofs einer Frau das Leben.  Foto: 

„Heute könnte ich das nicht mehr“, sagt Michele D’Amico. Gemeinsam mit seinem Sohn Fabio sitzt er im American Diner am Westausgang des Ludwigsburger Bahnhofs. Zwei große Gläser Eistee stehen vor ihnen auf dem Tisch. Der 51-Jährige  ist geschwächt. Nierenversagen. Dreimal die Woche Dialyse. Der gläubige Katholik glaubt an Schicksal. „Das muss man annehmen.“

Schicksal, Gotteswille oder doch einfach nur Zufall – wie man es nennen will: Vor vier Jahren sitzen Michele D’Amico und Sohn Fabio schon einmal hier, in jenem American Diner unweit der Ludwigsburger Basketball-Arena. Es ist ein heißer Sonntagabend. Sie haben sich verabredet, die Hochzeit des zweiten Sohnes Vincenzo steht an. „Darüber wollten wir reden“, erinnert sich Michele D’Amico. Irgendwann fährt ein VW Passat vorbei, biegt links in eine kleine Straße ein. Es dauert nur wenige Minuten, dann hören die Männer Kinder schreien. Der Vater erinnert sich: „Das waren keine normalen Schreie, die gingen durch Mark und Bein.“ Sein Sohn ergänzt: „Zuerst dachten wir, das ist ein Unfall.“ Die Männer springen auf, lassen alles liegen, rennen um die Ecke auf das Auto zu.

Das gebotene Bild ist grausig: überall Blut. Auf dem Beifahrersitz kniet ein Mann, der auf eine Frau einsticht. Später erfahren die D’Amicos, dass es sich um ein Ex-Paar handelt, das um das Sorgerecht der jüngsten Tochter streitet. Die Achtjährige und ihre elfjährige Halbschwester stehen daneben, als die Attacke beginnt, müssen alles mitansehen. Es sind ihre Schreie, die die Retter auf den Plan rufen.

Draußen zeigen der 51-Jährige und sein Sohn die Stelle, an der damals das Auto geparkt war. Heute sind dort Fahrradständer installiert. Die erste Reaktion, als sie seinerzeit das Auto erreichen, ist Schock. Adrenalin flutet die Körper. Die Frau schreit wie am Spieß, versucht verzweifelt, sich abzuschnallen, der Mann sticht weiter zu. Mindestens neunmal dringt die Klinge in Hals, Gesicht und Oberkörper ein, heißt es in den Gerichtsakten. Fabio D’Amico beginnt um Hilfe zu rufen.

Keine Angst, nur Wut

Jahre zuvor, im September 2009 war der Manager Dominik Brunner am Münchner S-Bahnhof totgetreten worden, nachdem er sich einer Gruppe aggressiver Jugendlicher widersetzt hatte. Es ist das wohl prominenteste Beispiel, wie ein Helfer selbst zum Opfer werden kann. Doch die D’Amicos denken nicht an die Gefahr. „Man reagiert einfach. Da war keine Angst“, sagt der Vater. „Nur Wut. In so einer Situation wirst du zum Tier.“ Die Frau habe ihm Leid getan. Die Männer reden auf den Messerstecher ein, versuchen, ihn zu beruhigen. Zunächst habe das keinen Effekt gehabt.

Doch dann lässt der Angreifer von der Frau ab, steigt aus dem Wagen. Michele D’Amico nutzt den Moment, packt den Mann und drückt ihn gegen die Wand. Mit einer Größe von 1,84 und damals etwa 130 Kilogramm ist er seinem Kontrahenten überlegen. Der greift erneut in die Tasche, dreht sich zu Michele D’Amico um, will das Messer zücken. Der verpasst dem Täter eine Ohrfeige. „Wir haben ihm gesagt, er soll das Messer fallen lassen.“ Schließlich lenkt der Täter ein.

Die Gegend ist an diesem Sonntagabend belebt. Doch nur die D’Amicos helfen. „Es gab viele Gaffer, die sind einfach nur rumgstanden, obwohl wir um Hilfe gerufen haben“, erinnert sich Fabio.  „Richtige Schränke“, fügt der Vater hinzu. Im Fachjargon nennt man das den Zuschauereffekt. Je mehr Leute, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft, weil jeder abwartet, was die anderen machen. Für sie sei es selbstverständlich gewesen, zu handeln, sagt Michele D’Amico. Doch das ist es nicht. Immer wieder erlebt die Polizei, dass Menschen nicht eingreifen. In Sachen Zivilcourage gebe es Nachholbedarf, sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Gruner vom Fachbereich Prävention der Stuttgarter Polizei. „Deshalb gibt es so viele Präventionsprojekte und Kampagnen.“

Wie lange alles gedauert hat, können Vater und Sohn heute nicht mehr sagen. Die Polizei sei schnell gekommen, Mitarbeiter des Diner versorgten die Frau. Ein Polizeisprecher wird später sagen, dass sie ohne das Eingreifen der beiden Retter nicht überlebt hätte. Die Helden des Tages – sie brechen zusammen, als alles vorbei ist. „Wir haben geweint“, sagt Michele D’Amico.

Die Rettungsaktion der beiden Männer löst einen Hype aus. Medien berichten, sie werden als Helden gefeiert. „Das war komisch“, sagt Fabio D’Amico. Vater und Sohn erhalten den Zivilcourage-Preis der Stadt Ludwigsburg und den „XY“-Preis der TV-Sendung „Aktenzeichen XY“. Für die müssen sie die Tat nachspielen. „Das war lustig, aber auch aufwühlend“, erzählt Michele D’Amico. „Da kam alles nochmal hoch.“ Sohn Fabio braucht länger, um den Vorfall zu verarbeiten, kämpft mit Albträumen. „Da waren Schatten.“ Er kauft sich eine Katze, um nicht allein zu sein. „Heute hat er einen Hund und eine Verlobte“, sagt der Vater und lacht stolz.

Die beiden tragen Partnerlook, Hugo-Boss-Poloshirts. „Das ist ein Tick von mir, als ich klein war, hatte ich keine neue Kleidung“, sagt Michele D’Amico, der mit Frau Beate in Brackenheim im Kreis Heilbronn lebt. Aufgewachsen ist er in Stuttgart, als Kind sizilianischer Gastarbeiter. Die Verhältnisse seien ärmlich gewesen, die Erziehung streng. Später gründete er eine Lüftungs- und Klimaanlagenwartung, die heute Sohn Fabio führt.  Anstand, Respekt, Arbeitsmoral – Werte, die seine Eltern hochgehalten hätten. „Wir haben immer nach Anerkennung gestrebt.“ Dass sie die auf diesem Weg erhalten würden, hatten sie freilich nicht geplant.

1Genau beobachten: Hinzuschauen sei der erste Schritt zur Zivilcourage, sagt Jürgen Gruner von der Polizei Stuttgart. Es sei wichtig, eine Situation genau zu erfassen, um zu entscheiden, was man tun wolle.

2 Hilfe holen: Die Polizei lieber einmal zu oft als einmal zu wenig anrufen.

3 Abstand halten: Selbst körperlich einzugreifen, sei immer nur das allerletzte Mittel, sagt Jürgen Gruner. Grundsätzlich rate man dazu, vom Täter Abstand zu halten. Zeugen, die doch aktiv werden, haben vom Gesetzgeber keine Nachteile zu befürchten, die Nothilfe ist gesetzlich abgedeckt, so lange sie verhältnismäßig sei, so Gruner.

4 Mitstreiter suchen: Je mehr Helfer, desto besser. Um Leute zum Handeln zu bewegen, solle man diese direkt mit klaren Anweisungen ansprechen, so Gruner. Nach dem Motto: „Sie mit dem roten T-Shirt, kommen Sie hier mal dazu. Oder: Rufen Sie mal die Polizei.“ Oft helfe es schon, wenn sich der Täter einer Übermacht gegenübersehe.

5 Um das Opfer kümmern: Oft reiche es, mit dem Opfer zu reden, ihm zu signalisieren, dass es nicht allein sei. Auch Erste Hilfe kann notwendig werden.

6 Zeuge sein: Für die spätere Strafverfolgung seien Zeugenaussagen essenziell. Ein Gedächtnisprotokoll nach der Situation wird empfohlen. dl

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