"Nett, höflich, glücklich"

Der Leitfaden für Flüchtlinge ist nach negativem Medienecho in der Versenkung verschwunden. Trotzdem funktioniert in Hardheim das Zusammenleben von Einheimischen und Fremden. Klagen sind nicht zu hören.

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"Sie sind sehr nett, sehr höflich, sie lächeln immer und sind glücklich", sagt Elmar Günther. Der Chef eines Autohauses in Hardheim spricht nicht über liebste Kunden oder beste Mechaniker. Günther, der auch dem örtlichen Bund der Selbstständigen (BdS) vorsteht, beschreibt das Verhalten der Flüchtlinge im Dorf. "Es gibt nichts Negatives, wir haben keine schlechten Erfahrungen gemacht", fasst er für die 60 Mitgliedsfirmen zusammen.

Auch in der Imbissbude an der Hauptstraße ist kein böses Wort zu hören. "Es gibt überhaupt keine Probleme", erzählt die Würstchenbraterin und lobt auch gleich regelmäßige Putzaktionen: "Zweimal in der Woche klauben sie den Müll auf." Auch als Kunden weiß sie die Fremden zu schätzen, kaufen doch manche Hähnchen und Pommes.

Im Rathaus gibt es keine Auskunft. Bürgermeister Volker Rohm hat das Landespressegesetz außer Kraft gesetzt. Nachdem Journalisten seinen gut gemeinten "Leitfaden" bespöttelten, bekommen auswärtige Reporter keine Antworten. Schriftliche Anfragen werden ignoriert, Terminbitten abgelehnt. Nur die Lokalpresse darf melden: "Hardheim war der Zeit voraus."

Anfang Oktober war bekannt geworden, dass Rohm quasi eine Gebrauchsanweisung für Hardheim formuliert hat. Das Regelwerk sollte als Hilfe verstanden werden, nicht einschränken. Dies, glaubt Rohm nun, war wohl "eine Initialzündung", die vielen Kommunen erst Mut gemacht habe, "entsprechendes Verhalten und die Akzeptanz unserer Werte und Wertvorstellungen einzufordern". Dies sei genau richtig, meint die Frau vom Grill, in einem Mehrfamilienhaus hänge ja auch eine Hausordnung aus.

Dass sich die Asylsuchenden den örtlichen Verhältnissen angepasst haben, dürfte vor allem am Engagement vieler Ehrenamtlicher liegen. Willkommenskultur praktizieren hier der Verein "Dienst am Nächsten", die Kirchen, der "Helferkreis GU" und das Rote Kreuz. Beim Netzwerk "Hardheim hilft" stehen 209 Namen auf der Liste von Alexandra Graf-Bürschgens, die die Einsätze koordiniert.

Für die "Bedarfsorientierte Erstaufnahmestelle" (BEA) auf dem Gelände der früheren Carl-Schurz-Kaserne und für eine Gemeinschaftsunterkunft haben die Helfer einen Stundenplan von Montags bis Samstags ausgetüftelt. Sprachkurse nehmen den meisten Raum ein, aber auch Fahrrad-Werkstatt, Inliner fahren, Fußball, Gesellschaftsspiele, Sticken, Weben für Kinder, Kochen, physikalische Experimente, Musik ("Rock + Orientalisch") werden angeboten. An fünf Tagen hat ein Kindergarten geöffnet.

Montags und mittwochs stehen die Flüchtlinge vor der Kleiderkammer an. Sie bekommen gespendete Schuhe, Hosen, Pullover, Schlafanzüge, Strümpfe. Um eine geordnete Verteilung zu gewährleisten, muss vor dem Raum hinter einem Tisch gewartet werden. Ausgegeben wird nur, wenn der Bedarf schriftlich festgehalten worden ist.

Auf dem früheren Militärgelände gelten die "Grundsätze des Zusammenlebens" des BEA-Betreiber Ciborius. "Alle Menschen sind in Deutschland gleichberechtigt", steht ganz oben. Weiter heißt es auf Deutsch, Arabisch und Englisch: "Es gibt kein Züchtigungsrecht und keine Selbstjustiz in unserer Gesellschaft." Und: "Wir bringen unseren Mitmenschen Höflichkeit und Respekt entgegen. Auch wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben. So solltest du dich auch verhalten."

Ein großer Unterschied zur Ethik-Charta des Bürgermeisters ist nicht erkennbar. Rohm habe die Anregungen von seinem ersten Fünf-Punkte-Programm bekommen und "ein bisschen aufgepimpt", erklärt Ciborius-Schichtführer Bernhard Ogiejko: "Kein Streit, kein Alkohol, keine Drogen, deutsche Gesetze befolgen, Rücksicht nehmen."

Das negative Medienecho habe Hardheim nicht geschadet, meint Alexandra Graf-Bürschgens: "Damit wurde erst bekannt, wie schwierig es ist, wenn eine kleine Gemeinde so viele Flüchtlinge aufnehmen muss." Hardheim hat 6831 Einwohner, davon 4800 im Hauptort, wo in der Gemeinschaftsunterkunft 350 Menschen leben.

Auf dem einstigen Armeeareal haben bis zu 650 Personen Platz, derzeit sind dort 370 aus 22 Ländern. "Im Vergleich zu allen anderen Unterkünften läuft Hardheim bestens", sagt Manfred Beuchert, als Referatsleiter beim Regierungspräsidium Karlsruhe zuständig für 20.000 Flüchtlinge. Wegen der Überschaubarkeit stimme die Kommunikation, "das macht zwei Drittel des Wohlbefindens aus".

Kurze Wege, direkte Ansprache - jedes Anliegen kann sofort besprochen werden. Standortleiter Günther Felleisen nimmt sich auf dem Flur einer mit Zwillingen schwangeren Frau an, die andere Kost benötigt. Fehlt im Zimmer ein Tisch, weil der "Ausstattungsschlüssel" diesen nicht vorsieht, kümmert sich der Helferkreis. "Wir setzen uns einfach über bürokratische Hürden hinweg", sagt Pensionär Karl Kohout, der als Logistikoffizier im Bundeswehrkrankenhaus Ulm Erfahrung als Beschaffer gesammelt hat.

Der Helferkreis reagiert auf Wünsche der Flüchtlinge. Ein junger Syrer bittet Alexandra Graf-Bürschgens um eine Aufklärung über deutsche Sitten und Gepflogenheiten. "Das spricht mir aus der Seele", freut sich die Idealistin. Kommt das Seminar zustande, könnte auch erklärt werden, warum über Hardheims Straßen derzeit Leinen gespannt sind mit Unterhosen und großen Büstenhaltern. Dieser Karneval, örtlich "Faschenacht" geheißen, dürfte in den meisten Fluchtländern eher unbekannt sein.

Hinweise des Bürgermeisters

Benimmregeln Hardheim erlangte im Oktober bundesweite Bekanntheit mit seinem "Leitfaden" für Flüchtlinge. Die Reaktionen darauf waren zwiespältig. Hier Auszüge des Schreibens, das Bürgermeister Volker Rohm an die Flüchtlinge adressiert hatte:

"Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann! Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist vorbei. (...)

Eine Bitte zu Beginn: Lernen sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander: Es gilt Religionsfreiheit für alle. Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt. (...)

Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. (...)

In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.

In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe. Nach 22 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören. (...)

Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitten von Handynummer und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun! (...)"

Anleitung für den Alltag ist in Arbeit

Derzeit gibt es keine offizielle und leicht verständliche Übersicht mit Hinweisen, die Flüchtlingen bei der Orientierung in der neuen Heimat hilft. Das Staatsministerium will den Mangel beheben mit einer Broschüre, die nicht als "Benimmfibel" verstanden werden, sondern "sympathisch rüberkommen" soll. Brüche zwischen den Kulturen sollen nach Informationen der SÜDWEST PRESSE "freundlich aufgezeigt" werden. Der Erscheinungstermin steht noch nicht fest.

In den Unterkünften hängen die Regierungspräsidien jetzt eine Nutzungsordnung aus, in der auch alltägliche Ratschläge für Flüchtlinge enthalten sind. "Eine Vertiefung findet durch die Beschäftigten und die Ehrenamtlichen auf dem Gelände bei unterschiedlichen Gelegenheiten statt", sagte Innenminister Reinhold Gall (SPD) auf eine Anfrage der CDU. Genannt wurden beispielhaft die Veranstaltungen der unabhängigen Sozial- und Verfahrensberatung. Dabei, so Gall, werde "mit Bildmaterial und/oder Dolmetschern anschaulich auf Verhaltensregeln hingewiesen".

Seit dem 25. November 2015 gilt ein Partizipations- und Integrationsgesetz. Paragraf 3 verlangt von allen hier lebenden Menschen die Einhaltung der Gesetze sowie die Anerkennung der "gemeinsamen Grundwerte", wie sie in Grundgesetz und Landesverfassung verankert seien. Dazu zählen die Gleichberechtigung der Geschlechter und das Prinzip der Demokratie.

Für die ehrenamtliche Arbeit ließ Gisela Erler, grüne Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, über 60.000 Exemplare des Sammelwerks "Willkommen" verteilen. Pauschale Ratschläge für bestimmte Kulturkreise gebe es nicht, heißt es da. "Wenn Ihnen das Verhalten eines Flüchtlings ungewöhnlich erscheint, vergewissern Sie sich zunächst, ob dies in seinem Kulturkreis verankert ist", lautet eine Empfehlung.

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