„Munteres Sammelsurium“: Schulversuche in Baden-Württemberg

140 Schulversuche hat Kultusministerin Eisenmann bei ihrem Amtsantritt vorgefunden, viele ohne jede wissenschaftliche Begleitung. Nun will sie ausmisten.

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Handys raus, Klassenarbeit: Der Einsatz von Smartphones und Tablets im Unterricht wird am Friedrich-Gymnasium in Freiburg erprobt. In diesem Fall wird der Schulversuch auch wissenschaftlich begleitet – das ist oft nicht der Fall.  Foto: 

Sandra Kieber ist enttäuscht. Die Lehrer der von ihr geleiteten Paul-Hindemith-­Grundschule in Freiburg müssen wohl ab kommendem Schuljahr wieder anfangen, Noten zu geben, also Schülerleistungen mit Ziffern von 1 bis 6 bewerten. Für Kieber wäre das „sehr ungut“, ein Rückfall in eine überwunden geglaubte Pädagogik.

Im Jahr 2004 hatte das Kollegium begonnen, „eine alternative Leistungskultur zu etablieren“. Ziel ist „eine angst- und stressfreie Lernatmosphäre, in der die Eltern und Schüler regelmäßig eine kompetenzorientierte, direkte Rückmeldung über das Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten bekommen“. So steht es auf der Schul-Homepage. „Lehrer, Schüler und Eltern sollen miteinander über die erbrachten Leistungen ins Gespräch kommen und sich gegenseitig beraten, informieren und stützen. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihre Freude am ,Lernen wollen’ und ihren Drang, nach ,Wissen zu streben’ erhalten und keine Ausgrenzungen und Demütigungen in der Klasse aufgrund nicht erfüllter Erwartungen erfahren.“

Deshalb nahm die Schule, als eine von zehn im Land, ab 2013 am Modellversuch „Grundschule ohne Noten“ teil. Seitdem bewerten Lehrer Schülerleistungen nicht mit Zensuren von 1 bis 6. Stattdessen verteilen Lehrer Symbole: etwa eine Krone für besonders gelungene Arbeit oder einen Gewichte stemmenden Schlumpf als Zeichen für nötige weitere Anstrengungen. Es gibt mündliche und schriftliche Rückmeldungen, regelmäßige „Lernberichte“ und „Lernentwicklungsgespräche“, in die auch Eltern einbezogen werden. „Differenzierte Rückmeldekultur“ nennen sie das. Eltern, Lehrer, Schüler ­– alle seien zufrieden.

Doch „Schule ohne Noten“ endet. Das hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verfügt. Ihre Argumentation: Der Versuch wurde nicht wissenschaftlich begleitet. Das aber sei unverzichtbar. „Eine Evaluation von Schulversuchen ist zwingend notwendig“, sagt Eisenmann. Man müsse doch entscheiden, ob sich das erprobte Konzept bewährt, man es also in die Fläche bringen soll, oder eben nicht. Dann müsse man den Versuch einstellen.

Laut Eisenmann laufen im Land 140 Schulversuche, von denen viele nicht evaluiert werden. Ein „munteres Sammelsurium“ nennt sie das und kündigt an: „Wir schauen uns alle in Ruhe an.“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann pflichtet ihr bei: „Dass das Kultusministerium das jetzt durchlüftet, findet meine volle Zustimmung.“

Manche Versuche laufen seit Jahrzehnten. Verschiedene Ganztags-Modelle etwa werden seit den 1960ern als Schulversuche geführt. Seit 1988 erprobt die Geschwister Scholl Schule Konstanz eine „schulartübergreifende Orientierungsstufe“, um herauszufinden, wie der Wechsel von der Grund- an die weiterführende Schule sanfter gestaltet werden kann. Dafür gibt es eine Sonderzuweisung von Deputaten. Wissenschaftliche Begleitung gab es nie. Auch dieser Versuch wird Ende des Schuljahres eingestellt.

Auch G9, also das neunjährige Gymnasium, läuft offiziell als Schulversuch: 44 Modellschulen, erproben, was jahrzehntelang gängig war. Das Ministerium nennt auch „echte“ Versuche: Seit 2017 wird etwa ein pädagogisch sinnvoller Einsatz von Tablets an Gymnasien erprobt. Der Versuch ist bis 2021 befristet und wird vom Hector-Institut für empirische Bildungsforschung der Uni Tübingen begleitet.

Auch „Schule ohne Noten“ war auf vier Jahre angelegt, eine wissenschaftliche Begleitung war zwar vorgesehen, wurde aber nie gestartet. „Die wissenschaftliche Begleitung war eine Bedingung bei der Genehmigung“, sagt Schulleiterin Kieber. Sie und auch Leiter anderer Versuchsschulen sagen, sie hätten das wiederholt erfolglos angesprochen und Vergleichsschulen eingefordert.

Ex-Kultusminister Andreas Stoch (2013–2016) kann sich an die Einsetzung des Versuchs nicht erinnern. Er sagt, er sei gegen Ende seiner Amtszeit darauf aufmerksam geworden und habe entscheiden sollen: verlängern oder beenden. Dass es keine wissenschaftliche Begleitung gab, habe ihn auch geärgert. Er habe dann seiner Erinnerung nach um ein Jahr verlängert und eine innere Evaluation angemahnt. Solche Rückfragen habe es öfter gegeben. Teilweise hätten Schulen seit den 70er Jahren Stundenzuweisungen für Versuche gehabt. „Irgendwer hatte irgendwann irgendwem etwas genehmigt.“

„Schule ohne Noten“ kam ohne Extra-Stunden aus. Lehrer sagen, es machte Aufwand, aber die Arbeitszufriedenheit sei höher gewesen. Einige hoffen, dass es vielleicht doch weitergeht, diesmal mit Wissenschafts-Begleitung. Wenn nicht, sagt Kieber, „setzen wir es eben um und geben wieder Noten. Wir sind Profis.“

Gesetz Das Landesschulgesetz regelt Versuche in Paragraph 22: „Weiterentwicklung des Schulwesens“. Da steht: „Wenn die Entwicklung des Bildungswesens, veränderte Lebens- und Berufsaufgaben oder die Wahrung der Einheit des deutschen Schulwesens es notwendig machen, können Schulversuche eingerichtet werden. Das gilt insbesondere zur Entwicklung und Erprobung neuer pädagogischer und schulorganisatorischer Erkenntnisse.“

Umsetzung Es werden Beispiele genannt, aber es gibt über den Paragraphen hinaus keine generellen Regeln, etwa Verwaltungsvorschriften. „Schulversuche sind immer im Einzelfall begründet“, teilt das Ministerium mit. hab

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