„Little Harvard“ am Bodensee

Die Uni Konstanz ist 50 Jahre alt. Sie wurde als Reformuniversität gegründet. Bis heute wird das unkonventionelle Konzept gelebt und weiterentwickelt.

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    Der Grundstein wurde 1966 gelegt Foto: 
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    Die Uni Konstanz ist mit reichlich Kunst am Bau ausgestattet. Die Studierenden genießen es. Foto: 
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„Wo bitte geht’s zum Ausgang?“ Die Besucherin kommt aus dem Fachbereich Physik  und möchte die Uni Konstanz verlassen. Doch welcher Gang, welche Treppe, welche Abzweigung führt hinaus aus dem universitären Labyrinth? „Zu welchem Ausgang möchten Sie?“, lautet die Gegenfrage der Studentin. Sie lernt seit zwei  Jahren in Konstanz und findet sich inzwischen gut zurecht. „Aber es hat lange gedauert, bis ich mich nicht mehr verirrt habe“, sagt sie. So verwinkelt und verschachtelt die Architektur der Uni ist, so klar war das Ziel bei ihrer Gründung vor 50 Jahren. Sie sollte eine Reformuniversität werden, wurde es – und ist es bis heute. Mit großem Erfolg. In den meisten Hochschul-Rankings liegt die Uni am Bodensee landes- und bundesweit vorne,  auch mal an der Spitze.

Um diese Position zu erreichen, musste ein langer und steiniger Weg zurückgelegt werden. „Am Anfang wurden wir immer wieder erstaunt gefragt, seit wann es am Bodensee eine Uni gibt“, sagt Professor Günter Schatz. Er folgte 1976 dem Ruf auf eine Professur in Experimentalphysik – und ist geblieben. Obwohl er seit  sieben Jahren emeritiert ist, hat er noch immer ein Büro im Uni-Labyrinth. Dort kümmert er sich um  die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Konstanz und Tel Aviv, und er ist nach wie vor Leiter des Steinbeis-Transferzentrums „Festkörperanalytik und Nanostrukturen“. Schatz trat seine Stelle wie die meisten anderen mit einem leidenschaftlichen Pioniergeist an. „Hier sollte ,Little Harvard am Bodensee‘ entstehen. Wir wollten dabei sein.“

Die Uni war 1976 gerade mal zehn Jahre alt und erst 1972 auf den Gießberg gezogen, auf dem sie sich immer weiter ausbreitet. Ihr Gründungsdatum ist der 28. Februar 1966. Gestartet wurde am 8. Juni in einem Seitenflügel des Inselhotels. Der ungewöhnliche Start auf der landeseigenen Insel und im Steigenberger Hotel war dem Anspruch der Landesregierung angemessen, am Bodensee eine Reform-Uni aufzubauen. Deren Betrieb sollte anders laufen als in den etablierten Unis des Landes. Ausgeprägter Pioniergeist, eine unkonventionelle „Denke“, flache Hierarchien, zentrale Strukturen und kurze Wege zwischen den Disziplinen sind bis heute die Markenzeichen der Uni – und der Garant für ihren Erfolg. „Die Gründungsväter haben uns in die richtige Richtung gelenkt, und jeder Rektor hat das Konzept weiterentwickelt“, sagt Professor Ulrich Rüdiger. Er ist der achte Rektor in der 50-jährigen Uni-Geschichte und seit 2009 im Amt.

Der Aufstieg der Uni, die für 3000 Studierende konzipiert war und aktuell über 12 000 ausbildet, lief nicht immer reibungslos. „In den 1970er Jahren geriet die Uni in schweres Fahrwasser“, sagt Rüdiger. Der Landesregierung sei die Hochschule in der politischen Ausrichtung zu linkslastig dahergekommen. „Das Experiment stand auf der Kippe.“ Um korrigierend eingreifen zu können, setzte das Land im Dezember 1972 Theopont Diez als Rektor ein. Zuvor war der erste Rektor, Professor Gerhard Hess, zurückgetreten.

Diez brachte die Uni wieder auf Kurs. 1974 wurde Professor Frieder Naschold Rektor. Er blieb nur zwei Jahre im Amt. 1976 folgte ihm Professor Horst Sund. „Er war für die Uni segensreich“, sagt Rüdiger. „Mit der Nüchternheit eines Naturwissenschaftlers hat er sie in die richtige Richtung gelenkt.“ Von da an habe sie sich permanent positiv entwickelt. „Es gab keine großen Einschnitte mehr.“

Bis am 5. November 2010 in der Bibliothek, dem Herzstück der Uni, Asbestfasern gefunden wurden. Der Bereich wurde sofort geschlossen, 1,5 Millionen Bücher wurden gereinigt und ausgelagert. Die Studierenden hatten keinen freien Zugang mehr zum Lehrmaterial, mussten die gewünschten Bücher bestellen. Nach fünf Jahren war der Spuk vorbei. „Wir haben die Krise als Chance gesehen“, sagt Rüdiger. „Wir haben das Drama genutzt, um der Bibliothek ein neues, zeitgemäßes, digitales Konzept zu geben.“ Seit September 2015 ist das Herzstück der Uni wieder rund um die Uhr geöffnet.

Physik-Professor Günter Schatz ist bis heute vom nach wie vor herrschenden Pioniergeist in der Hochschule am See begeistert. „Alle Rektoren und Kanzler waren und sind Pioniere“, sagt er. Andere hätten in Konstanz ohnehin keine Chance. Er ist stolz darauf, dass einige Absolventen heute prominent sind. Dazu gehören die Moderatorin des ZDF-Heute-Journals, Petra Gerster und Ingo Zamperoni, der neue Hauptsprecher der ARD-Tagesthemen, Etliche Wissenschaftler der Uni haben wichtige Preise gewonnen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Wissenschaftler aus dem Haus den Nobelpreis gewinnt.“ Da ist sich Günter Schatz sicher.

Chronologie

Bewegte Geschichte Am 27. Februar 1964 beschließt der Landtag die Gründung der Universität Konstanz. Vier Wochen später ernennt Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger die ersten acht Professoren, darunter Ralf Dahrendorf. Der 28. Februar 1966 ist der offizielle Gründungstermin der Uni. Zwei Monate später schreibt sich der erste Studierende Nikolaus Kämpfe ein. Am 8. Juni 1966 zieht die Uni in einen Seitenflügel des Inselhotels und in die frühere Kirche des ehemaligen Dominikanerklosters ein. Die Grundsteinlegung für die neue Uni auf dem Gießberg ist am 21. Juni 1966. Am 19. Oktober 2007 wird die Uni im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern zur Exzellenzuni gewählt. wal

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