"Es gibt keine hoffnungslosen Fälle"

Sie prügeln, rauben, stehlen: Jugendliche Intensivtäter schocken die Gesellschaft. Doch die meisten führen als Erwachsene ein straffreies Leben. Der Tübinger Forscher Wolfgang Stelly erklärt, warum das so ist.

|
Der Kriminologe Wolfgang Stelly hat die Lebensläufe junger Intensivtäter erforscht - und die Ursachen, warum viele aufhören, Straftaten zu begehen.  Foto: 

Jugendliche Intensivtäter sind immer wieder in den Medien und Gegenstand politischer Debatten. Ist die Aufmerksamkeit gerechtfertigt?

WOLFGANG STELLY: Der Medienhype ist manchmal etwas überzogen. Dennoch rechtfertigt es allein die Statistik, dieser Gruppe besondere Aufmerksamkeit zu widmen: Nur 10 bis 15 Prozent der straffälligen Jugendlichen sind Intensivtäter - aber sie begehen mehr als die Hälfte aller Delikte. Bei den schweren Straftaten gehen sogar zwei Drittel auf ihr Konto.

Sprechen wir hier von einem wachsenden Problem?

STELLY: Nein. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung gehen Jugendkriminalität und Jugendgewalt seit Jahren zurück - wie die Kriminalität allgemein. Auch bei jungen Intensivtätern gibt es einen deutlichen Rückgang. Und es gibt keinen Beleg dafür, dass die Taten brutaler werden, wie oft behauptet wird.

Wie würden Sie einen typischen Intensivtäter beschreiben?

STELLY: Er ist männlich, zwischen 18 und 20 Jahre alt und ist über Jahre bereits mehrfach verurteilt worden. Hinzu kommen Auffälligkeiten in anderen Lebensbereichen: kein Schulabschluss, keine Ausbildung, Alkohol- oder Drogenprobleme. Häufig gibt es ein problematisches Elternhaus im Hintergrund. Intensivtäter kommen auch häufig aus sozial ärmeren Schichten - und etwa zwei Drittel von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Das hat aber wenig mit kulturellen Unterschieden zu tun, es spiegelt die soziale Schicht wider.

Wie ticken diese Jugendlichen? Lehnen sie Werte der Gesellschaft ab?

STELLY: Nein, diese Jugendlichen haben sogar meist sehr spießige Lebensentwürfe. Wir haben die in unserer Tübinger Studie gefragt: Was wollt ihr eigentlich vom Leben? Da kamen Antworten wie: Partnerin, Auto, Urlaub, eine Familie gründen, vielleicht mal ein Haus bauen.

Die Kriminologie sieht es ja als eine Art Normalfall an, dass Jugendliche Straftaten begehen. . .

STELLY: Statistisch betrachtet ist es ziemlich normal, dass Jugendliche polizeiauffällig werden, etwa mal in eine Schlägerei geraten oder Drogen nehmen. Das ist bei den meisten nur eine kurze Phase. Intensivtäter jedoch machen unvermindert weiter, begehen auch schwerere Delikte. Dabei fallen "normale" soziale Bindungen mit der Zeit weg, man bewegt sich unter Gleichgesinnten.

Der Laie würde jetzt sagen, das sind hoffnungslose Fälle, die zeitlebens kriminell bleiben.

STELLY: Das ist eben nicht so. Aus Langzeit-Studien wissen wir: Etwa ein Drittel der Intensivtäter kommt relativ schnell wieder in die Spur. Bei einem weiteren Drittel dauert es etwas länger, bis sie nach und nach ihr Leben ändern. Nur bei einem Drittel verfestigt sich das Verhalten zu einer echten kriminellen Karriere, die bis weit ins Erwachsenenalter andauert. Wenn wir die jungen Leute mit 18 oder 20 Jahren vor uns haben, können wir als Experten aber nicht vorhersagen: Der schafft es - und der nicht. Man erlebt da viele Überraschungen.

Haben Sie ein Beispiel?

STELLY: Es gibt einen Fall aus unserer Studie, den ich "Jeremy" nenne. Ich habe ihn kennengelernt, als er mit 20 Jahren aus dem Jugendknast kam - nach einer Vielzahl von Verurteilungen wegen Diebstählen, Einbrüchen und so weiter. Der Vater war gewalttätig, die Mutter Alkoholikerin. Jeremy war von der Schule geflogen, hatte keinen Job und die Lehre nicht abgeschlossen. Immerhin: Er hatte eine Freundin. Trotzdem hätte wohl kaum einer ihm eine gute Prognose gestellt

Wie ging es weiter?

STELLY: Er fand nach dem Knast einen Job bei einer Leiharbeitsfirma. Mit 25 Jahren war er verheiratet, hatte mit seiner Frau ein Kind, war Vorarbeiter in seinem Betrieb und als Jugendtrainer im örtlichen Fußballverein tätig. Es gab keinen Eintrag im Strafregister mehr. Solche Fälle sind keine Ausnahme.

Was bringt diese Täter in die Spur?

STELLY: Entscheidend ist, dass sich der gesamte Lebensentwurf verändert. Allein durchs Älterwerden ändert sich vieles. Die Jugendlichen spüren aber auch irgendwann, was sie ihr krimineller Lebensstil kostet: Neben den Haftstrafen bekommen sie auch beruflich nichts auf die Reihe, haben kein Geld. Sie stellen fest, dass sie zunehmend auf der Verliererseite stehen. Das führt bei vielen dazu, dass sie umdenken.

Klingt relativ simpel.

STELLY: Allein der Entschluss reicht natürlich nicht aus. Es braucht dann Unterstützung - das kann eine Arbeit sein, bei der man Erfolgserlebnisse hat. Es können aber auch Eltern, Familie oder eine Partnerin sein, die zu einem halten. Bei einem großen Teil der Jugendkriminalität geht es um den Wunsch nach Anerkennung, Bestätigung. Wenn man die woanders herbekommen kann - im Beruf, in Beziehungen, Vereinen - dann fällt auch ein Großteil der Motivation für Straftaten weg.

Hoffnungslose Fälle gibt es nicht?

STELLY: Von ganz extremen Ausnahmefällen abgesehen, würde ich sagen: Nein, es die gibt es nicht. Fast alle dieser Jugendlichen haben etwas, auf dem man aufbauen kann. Bei jungen Menschen kann sich noch viel verändern - wenn sie aber mal älter sind, wird es schwierig.

Ist das Jugendstrafrecht zu milde? Sind frühere, härtere Strafen wie der "Warnschussarrest" hilfreich, um Karrieren zu stoppen?

STELLY: Bei manchen Intensivtätern wäre es vielleicht gut gewesen, wenn sie früher eine deutlich spürbare Strafe bekommen hätten. Das Problem ist aber, dass man am Anfang nicht wissen kann, wer zum Intensivtäter wird. Der "Warnschussarrest" trifft also meistens die falschen. Jugendstrafrecht soll erzieherisch wirken und fängt mit sanften Strafen an. Anfangs etwa eine Ermahnung - bei den meisten wirkt die auch. Wenn nicht, kommen Arbeitsstunden - und die wirken auch wieder bei ganz vielen. Dann der erste Jugendarrest. Auch da ist es so: Die meisten, die den bekommen, erscheinen nie wieder vor Gericht.

Ein bewährtes System also?

STELLY: Im Großen und Ganzen funktioniert das deutsche Jugendstrafrecht ziemlich gut. Viele andere europäische Länder - denken Sie an Frankreich - wären froh, wenn sie so ein kleines Problem mit Jugendkriminalität hätten wie wir.

Wie umgehen mit auffälligen Jugendlichen?

Zur Person Dr. Wolfgang Stelly (47) arbeitet seit 1994 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen. Der gebürtige Ellwanger forscht zu den Themen Jugendkriminalität, kriminelle Karrieren und Jugendstrafvollzug. Seit 2006 ist er zudem im Kriminologischen Dienst im Jugendgefängnis Adelsheim tätig.

Tagung Wie kann man besonders auffällige Jugendliche und Intensivtäter mit Jugend- und Sozialarbeit erreichen? Mit dieser Frage haben sich am Wochenende rund 50 Wissenschaftler, Richter sowie Fachleute aus Jugend- und Sozialarbeit und Strafvollzug auf einer Tagung der evangelischen Akademie Bad Boll beschäftigt.

 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Interviews der SÜDWEST PRESSE

Hier finden Sie Interviews der SÜDWEST PRESSE zum Nachlesen archiviert.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bundestagswahl: Es liegt in Ihrer Hand

Jede Stimme zählt, wenn am Sonntag der 19. Bundestag gewählt wird. Er ist die Volksvertretung und damit das wichtigste Organ der Bundesrepublik. Wissenswertes und Unterhaltendes. weiter lesen