„Der IS war mein Leben“: Flüchtling aus Biberach wurde auf Facebook rekrutiert

Ein 20-jähriger Flüchtling aus Biberach soll einen Anschlag in Kopenhagen geplant haben. Er ist geständig. Den Weg zum Terror fand er scheinbar kinderleicht: auf Facebook.

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Der Angeklagte Dieab K. zwischen Dolmetscher und Rechtsanwalt Werner Haimayer (rechts) im Ravensburger Gericht.  Foto: 

Wenige Stunden, bevor Dieab K. auf seine Reise geht, erreicht ihn eine letzte Nachricht des Mannes, der sich „Abu Maria“ nennt und angeblich für den IS spricht: „Bring noch zwei Küchenmesser mit, die längsten, die du finden kannst.“ Und weil Dieab K. bereit ist, fast alles für den „Islamischen Staat“ zu tun, geht er also zu Kaufland in Biberach, kauft zwei Küchenmesser und stopft sie auch noch in den Rucksack; zu den 17 000 Zündhölzern, den sechs Handfunkgeräten, den 17 Batterien und dem Feuerwerkspackung „Gold- und Silberregen“. Mehr als 1000 Euro hat er auch dabei. Nur Kleidung zum Wechseln, die nicht.  Weil es seine letzte Reise sein soll?“

Das glaubt zumindest die Staatsanwaltschaft: Der damals 20-Jährige sei von Biberach Richtung Kopenhagen aufgebrochen, um dort mit einer selbst gebastelten Bombe einen Selbstmordanschlag zu verüben. Davon zeuge ein arabisches Manifest, eine Art Abschiedsbrief, in dem vom „Märtyrertod“ und „zerfetzten Körpern“ die Rede sei. Den habe Dieab K. vor der Abreise per Handy versandt, unter anderem an seine Eltern. Der Angeklagte bestreitet das: Er habe „nur“ die Utensilien zum Bombenbau nach Dänemark transportiert, selbst töten oder gar getötet werden wollte er keinesfalls. „Ich wollte nicht sterben, ich habe zu viel Angst.“ Den Abschiedsbrief habe nicht er verfasst, sondern ein Facebook-Freund, der im Dschihad in Libyen gefallen sei; er habe ihn nur weitergeleitet.

Blutige Videos zur Erbauung

Alles andere gibt der heute 21-Jährige zu: Dass es um den Bau einer Bombe für ein Attentat ging; dass er in Kauf nahm, dass Menschen sterben würde, dass er dem IS „dienen“ wollte. „Der IS war mein Leben“, sagt er. All das reicht schon aus, um wegen der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ zu mehrjähriger Haft verurteilt zu werden. Ob er selbst die Bombe zünden wollte, spielt aber für das Strafmaß durchaus eine Rolle.

Und so muss die Jugendkammer des Ravensburger Landgerichts um den Vorsitzenden Stefan Maier versuchen, den Gedankengängen des jungen Mannes zu folgen in das Dickicht aus IS-Propaganda, in dem er sich offenbar verfangen hatte. Nicht alles, was die Richter am ersten Prozesstag hören, ergibt Sinn. Braucht es wirklich einen Flüchtling aus Biberach, um Alltagsgegenstände wie Zündhölzer und Batterien nach Dänemark zu schmuggeln? Hat wirklich keiner in der Biberacher Unterkunft bemerkt, dass der Jüngling vom IS träumte? Und wieso wird ein wenig religiöser syrischer Abiturient, der nach Deutschland kam, um sein Studium fortzusetzen, binnen weniger Monate zum Terroristen?

Dieab K. ist schmächtig, er wirkt jungenhaft für sein Alter; per Dolmetscher gibt er bereitwillig und oft lächelnd Auskunft auf alle Fragen. Nachvollziehen kann man dennoch vieles nicht. Im Juni 2015 kam K. als 19-Jähriger über Meßstetten in die Unterkunft nach Biberach – und schon im August habe er begonnen, sich mit dem IS zu beschäftigen. Per Facebook habe er Kontakte geknüpft, sei in einschlägige Gruppen und an Propagandamaterial geraten – und sah sich blutige Hinrichtungsvideos aus dem Krieg in Syrien an. „Anfangs konnte ich da nicht hinschauen“, sagt K. vor Gericht. „Aber mit der Zeit wurde ich stumpf. Irgendwann habe er sich die Videos angeschaut, wenn er sich schlecht fühlte. „Danach ging es mir besser“, sagt K. und blickt in ratlose Gesichter im Saal.

Offenbar tummeln sich in dieser digitalen Parallelwelt auch Anwerber auf der Suche nach Freiwilligen. Einer will Diaeb K. ihn schon im Winter 2015 in den Dschihad nach Syrien lotsen. Der 19-Jährige hat sogar schon ein Flugticket gekauft, doch auf Intervention seiner Eltern und eines Zimmergenossen fliegt er dann doch nicht. Im Sommer 2016 gerät er dann, wieder auf Facebook, an „Abu Maria“, dessen Handynummer die Polizei nach Schweden verfolgt hat. Und der mysteriöse Unbekannte hat andere Ideen, wie Diaeb dem IS nützlich sein kann. In Kopenhagen

Wegen Terrorverdacht verhaftet

Ein Kontaktmann soll den 21-Jährigen am 19. November 2016 am Hauptbahnhof in Empfang nehmen. Doch dazu kommt es nicht. Weil er seinen Pass „vergessen“ habe, lassen ihn die Grenzbeamten nicht ins Land. Auf dem Rückweg wird er von Bundespolizisten auf Fehmarn kontrolliert: Sie nehmen ihm die verdächtige Fracht ab, lassen ihn aber merkwürdigerweise zunächst laufen. Zurück in der Biberacher Unterkunft wird er von der Ulmer Polizei sofort wegen Terrorverdachts verhaftet.

Dem IS habe er inzwischen abgeschworen, versichert Diaeb K. im Gerichtssaal. Ob das auch dauerhaft so bleiben werde, fragt sein Anwalt nach. „Ganz sicher“, sagt der Angeklagte und lächelt freundlich. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Anleitungen zum Bau einer Bombe aus Zündhölzern kursieren in islamistischen Kreisen im Internet: Der Abrieb ist laut Staatsanwaltschaft mit Schwarzpulver vergleichbar und kann stattliche Sprengkraft entwickeln.

In Dänemark ist das Interesse an dem Fall ebenfalls groß: Mehrere dänische TV-Sender und Zeitungen berichten aus Ravensburg. rom

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