Wissenschaftler gehen Verschwörungstheorien auf den Grund

Sie liefern faszinierende, bisweilen auch unterhaltsame oder gar gefährliche Erklärungen für das Weltgeschehen: Verschwörungstheorien. Mit ihnen beschäftigt sich nun ein ganzes Forschernetzwerk.

MADELEINE WEGNER |

Queen Elisabeth ist eine Echse, US-Präsident Barack Obama auch und sein Vorgänger George W. Bush sowieso. Denn die Welt wird von außerirdischen Reptilien regiert. Eigentlich sind sie mehrere Meter groß. Und sie ernähren sich von Menschenfleisch: So bewahren sie ihre menschliche Erscheinung.

Dies ist eine von unzähligen Verschwörungstheorien. Ob Mondlandung, Anschlag auf Charlie Hebdo oder Ukraine-Krise: Verschwörungstheorien, also alternative Erklärungen zu geheimen Machenschaften, gibt es zu fast jedem Großereignis. "Sie bieten Erklärungsmuster für die Welt und sie werden besonders dann attraktiv, wenn man nicht mehr glaubt, dass Gott die Fäden in der Hand hat", sagt der Tübinger Wissenschaftler Michael Butter. Verschwörungstheorien schließen das Chaos aus, indem sie propagieren, alles sei geplant.

Verschwörungstheorien sind jedoch nichts Neues. Im Gegenteil: In der Aufklärung entstanden, waren sie lange Zeit in der Mitte der Gesellschaft verankert und galten als normal. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, so erklärt Butter weiter, verloren sie ihre Legitimation. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden sie von der Mitte an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Heute verbreiten vor allem solche Menschen absurde Theorien, die am Rande der Gesellschaft stehen oder das zumindest selbst so empfinden. Beispiel Pegida: Deren Anhänger fühlen sich abgehängt und suchen nach Theorien, die erklären, warum dies nicht mehr ihr Land ist. Ähnlich sei es in den USA mit Donald Trumps Anhängern, sagt der Anglist Butter.

Steckt manchmal ein Funken Wahrheit in den Behauptungen? "Verschwörungstheorien sind nie wahr im wörtlichen Sinne", sagt Butter, "Geschichte funktioniert nicht so." Menschen könnten solch komplexe Szenarien nicht kontrollieren, von denen die meisten Theorien ausgehen. Beispiel 9/11: Natürlich sei die Vorstellung absurd und pervers, dass 19 terroristische Islamisten Flugzeuge überfallen und mehrere Tausend Menschen in den Tod stürzen. "Aber die Alternative, dass die USA selbst den Anschlag vorgetäuscht haben, scheitert an ihrer Komplexität", sagt Butter.

Das Problem: Verschwörungstheoretiker sehen Dinge stets so, wie sie sie sehen wollen. "Immer, wenn ein Text über mich erscheint, bekomme ich Zuschriften, dass ich Teil der Verschwörung sei", sagt Butter. So sehen Verschwörungstheoretiker etwa am Fall Watergate den Beweis, dass alle und alles korrupt ist. Es lässt sich aber ebenso gut gegenteilig argumentieren: Wenn der Präsident noch nicht einmal in der Lage ist, seinen Gegner auszuspähen, ohne dass es auffliegt, wie sollte er dann eine viel komplexere Aufgabe im Geheimen lösen?

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen untersuchen das Phänomen Verschwörungstheorien - vor allem in der Psychologie, aber auch Soziologie, Geschichts- und Kulturwissenschaften und Politik. Die Forschung dazu sei in den vergangenen 20 Jahren explodiert. Und, davon ist Butter überzeugt, sie wird weiter wachsen.

Die Forschungsergebnisse fallen teils sehr unterschiedlich aus, es fehlt der Austausch unter den Wissenschaftlern. Das soll das internationale Netzwerk "Comparative Analysis of Conspiracy Theory" in den kommenden vier Jahren ändern. Bislang gehören etwa 90 europäische Wissenschaftler dazu. Der Tübinger Amerikanistik-Professor Butter koordiniert das Netzwerk.

Die Zusammenarbeit und gemeinsame systematische Aufarbeitung der Theorien soll auch praktische Ergebnisse liefern. Dazu gehört ein Leitfaden für Menschen, die von Verschwörungstheorien betroffen sind, etwa Politiker und Klimaforscher. Welche Tipps es geben wird, kann Butter noch nicht sagen. Er weiß jedoch: "Mit Verschwörungstheoretikern lässt sich schwer diskutieren."

Ob es heute mehr Verschwörungstheorien als früher gibt, lässt sich kaum abschätzen. "Aber die Theorien sind heute sichtbarer", sagt der Wissenschaftler. Durch das Internet habe sich die Umschlagszeit verringert, Theorien lassen sich viel schneller verbreiten. Vielleicht werden ohnehin zweifelnde oder pessimistische Menschen durch das Internet auch leichter in den Bann solcher alternativen Welterklärungen gezogen. Gegenwartsdiagnosen seien schwierig. "Aber es könnte wirklich sein, dass Verschwörungstheorien wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken", sagt Butter mit Blick in die Anfänge von Verschwörungstheorien. "Doch es ist zu früh, das abzuschätzen".

Legende der Mondlandung

Filmprojekt Mondlandungen hat es nie gegeben: Das ist eine der populärsten Verschwörungstheorien. Stattdessen handle es sich um Aufnahmen in einem Filmstudio in der streng geheimen US-Militärbasis "Area 51". Dafür finden Verschwörungstheoretiker Hinweise und Argumente: Die Fahne weht trotz permanenter Windstille, der Schattenwurf stimmt nicht, die Landschaft ist Kulisse. Ebenso typisch für eine Verschwörungstheorie: Alle Argumente lassen sich eindeutig widerlegen.

 

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