Widerstand gegen ein Mammut-Projekt

Herrischried.  Ein Berg soll "geköpft", ein ganzes Tal geflutet werden: Im Südschwarzwald ist ein gigantisches Pumpspeicherwerk geplant. Doch die Bürger wehren sich gegen die massiven Eingriffe in Natur und Landschaft.

Sich in dieser Sache auf eine Seite zu stellen, ist gar nicht so einfach: Denn der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks (PSW) ist an sich kein verwerfliches Vorhaben, es dient dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Strom zu speichern, den Wind und Sonne in unkalkulierbarer Menge produzieren, gilt als eine der wichtigsten Aufgaben für die Energiewende (siehe Infokasten). Der Haken ist der Flächenverbrauch der Kraftwerke.

Im Hotzenwald im Kreis Waldshut ist genau das der Punkt, warum hunderte von Bürgern seit zwei Jahren auf die Barrikaden gehen: Die Schluchseewerk AG plant den Bau eines PSW mit gigantischen Ausmaßen: Das obere Becken, das Hornbergbecken II, soll 1,1 Kilometer lang und 366 Meter breit werden, und es soll neun Millionen Kubikmeter Wasser fassen. Platziert werden soll es auf dem Berg Abhau. Die Bergkuppe müsste dafür abgetragen werden.

600 Meter weiter unten, oberhalb von Bad Säckingen am Hochrhein, soll das Haselbecken entstehen und ähnliche Dimensionen erhalten. Es soll im Haselbachtal Platz finden. Das jetzt noch offene Tal würde geflutet und mit einem 76 Meter hohen Damm abgeriegelt. Enorme Erdmassen müssten während der fünfjährigen Bauzeit bewegt werden, viel Natur würde zerstört, die Landschaft deutlich verändert.

Über Jahre müssten die Einheimischen mit dem Baulärm leben. Auch deshalb sind die Bürger gegen das Projekt. Seit zwei Jahren sind sie in der Bürgerinitiative Atdorf (BI) und dem Verein für den Erhalt des Abhaus und des Haselbachtals organisiert - und werden gehört, vor allem von den Medien. Die BI hat aktuell 600 Mitglieder.

Die Schluchseewerk AG ist derzeit dabei, einen Runden Tisch zu organisieren. Die Diskussionsrunde soll Ende Juni in Bad Säckingen stattfinden. Über 40 Teilnehmer sollen mit am Tisch sitzen, darunter auch Vertreter der BI. Doch die setzen sich nur mit Vorbehalten dazu: "Die Gespräche müssen ergebnisoffen geführt werden", fordert Vorsitzender Klaus Stöcklin. Auch die Möglichkeit, dass das Kraftwerk nicht gebaut wird, müsse ernsthaft diskutiert werden können. Außerdem verlangt er einen Baustopp. Denn die Ersatzwasserversorgung für Herrischried und Rickenbach ist bereits im Bau. Die ist notwendig, weil durch den Bau des PSW die Trinkwasserversorgung der zwei Gemeinden nicht aufrecht erhalten werden kann.

"Schon das sind Eingriffe in die Natur, die nicht mehr rückgängig zu machen sind", sagt Stöcklin. Durch diese Bauarbeiten und den Bau eines Sondierstollens sind nach Wissen Stöcklins bereits einige Quellen versiegt. Das kann auch für Bad Säckingen problematisch werden, dann, wenn Heilquellen betroffen sind. Denn der Bad-Status der Stadt hängt von den Quellen ab.

Stöcklin zweifelt auch an der "Neutralität des Verfahrens". Denn die Schluchseewerk AG hat als Moderatorin für den Runden Tisch Michaele Hustedt angeworben. Die ist stellvertretende Beiratsvorsitzende der RWE-Tochter Innogy, "also einem der tatsächlichen Projektträger des PSW", heißt es in einer Pressemitteilung der BI. Von ihr sei nicht unbedingt zu erwarten, "dass sie ihren Kunden gegenüber die notwendige Distanziertheit aufbringen kann, die hier unbedingt erforderlich ist". Stöcklin erwartet nicht viel vom Runden Tisch. "Der soll uns nur einlullen", meint er.

Ähnlich sehen das der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund (Nabu), die mit am Tisch sitzen. Beide stehen dem Vorhaben kritisch gegenüber. Ihre zentrale Frage: Ist ein Pumpspeicherkraftwerk im Hotzenwald für die Energiewende notwendig? Wenn ja, muss aus Sicht der Naturschützer der geplante Standort hinterfragt und Alternativen geprüft werden.

Gespannt wartet die BI Atdorf auch darauf, wie sich die grün-rote Landesregierung verhält. Denn die Schluchseewerk AG gehört nach Auskunft von Stöcklin durch den Rückkauf der ENBW-Anteile zu einem Viertel dem Land. "Die Widerstände gehen quer durch Gemeinden und Parteien", sagt der Vorsitzende. Hochrangige SPD-Politiker seien gegen das Projekt, ebenso Grünen-, aber auch CDU-Politiker.


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Autor: PETRA WALHEIM | 18.06.2011

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