Werbung für die Schulpolitik

Stuttgart.  Kultusminister Helmut Rau startet eine 2,5 Millionen Euro teure Informationskampagne zur Schulpolitik. Liefert sie nötige Informationen zur Bildungsdebatte - oder ist sie vorgezogener CDU-Wahlkampf?

Die Diskussion um Schule und Bildung geht hoch her, aber viele haben augenscheinlich keine Ahnung, was sich hinter Schlagworten wie achtjähriges Gymnasium, Doppelabitur oder Werkrealschule verbirgt - Lehrer eingeschlossen. Dabei ist das Thema wichtig wie kein anderes: Eine repräsentative Umfrage hat im Januar ergeben, dass im Südwesten Bildung bei den Befragten die höchste Priorität genießt, noch vor Umwelt und Gesundheit oder der Wirtschaft.

Doch wie steht es um die Fakten? Schlecht. Die Forsa-Demoskopen fragten im Auftrag des Kultusministeriums, welche konkreten Maßnahmen man dann nennen könne. Mehr als zwei Drittel der Befragten mussten da passen. Das restliche Drittel weiß wenig, die Umstellung auf kleinere Klassen nannte zum Beispiel nur einer von hundert Befragten. Drei Prozent, klagt Kultusminister Helmut Rau, wissen um den Ausbau der vorschulischen Förderung, nur acht Prozent vom Umbau der Haupt- zur Werkrealschule.

Das ist bitter für eine Landesregierung, die erst jetzt wieder eine halbe Milliarde Euro in das Bildungssystem pumpt - und die vor einer wichtigen Landtagswahl steht. Bildung kann Wahlen entscheiden, weiß man aus Bayern und Hessen. Schon länger ist also eine Kampagne geplant, für deren Vorbereitung im vergangenen Haushalt eine halbe Million eingerückt war und die nun für weitere zwei Millionen Euro umgesetzt wird. Unter dem Zeugnis-Motto "Bildung: Sehr gut" sollen bildungspolitische Vorhaben unters Volk gebracht werden - bis etwa ein halbes Jahr vor der Wahl, dann beginnt die Schamgrenze, wo Information zur Wahlwerbung wird.

Im Zentrum der Kampagne stehen bis September Eltern, Lehrer und Schüler. Der Schwerpunkt heißt "Klassenzimmer on tour", das sind 50 landesweite Veranstaltungen mit den Berufsberatern der Arbeitsagenturen. Eva Strobel, Leiterin der Regionaldirektion: "Wichtig ist, die Berufswahl rechtzeitig anzupacken, also etwa zwei Jahre vor Ende der Schulzeit". Außerdem finden in jedem Regierungsbezirk acht Veranstaltungen zum Doppelabitur 2012 statt, an denen sich auch das Wissenschaftsministerium beteiligt. Zusätzlich werden Broschüren aufgelegt und im Internetportal des Kultusministeriums eine Unterseite eingerichtet. Damit soll nicht zuletzt geworben werden für den aufgewerteten Erzieher-Beruf: Obwohl das Land 140 Deputate für die Ausbildung von Erziehern für Kinder unter drei geschaffen hat, ist die Nachfrage nach dem Job gering.

Bereits gestern hatte Rau mit den Schülersprechern der Abschlussklassen an Gymnasien getagt. Im Zentrum auch da: Das Doppelabi 2012, das das Ende des neunjährigen Gymnasiums markiert.

Die Gewerkschaft GEW indes beklagt die Kampagne: "Die Landesregierung könnte stattdessen für ein Jahr die Zahl der Schulpsychologen um 50 Prozent erhöhen, Krankheitsvertretungen für fast 1400 Unterrichtsstunden pro Woche finanzieren oder für alle Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Schulobstprogramms 16 Millionen Äpfel kaufen." Die SPD will beantragen, dass der Landtag die Mittel für die Kampagne ablehnt und das Geld zum Wiedereinstieg des Landes in die Schulsozialarbeit genutzt wird.

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qualitätsoffensive-bildung.de


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Autor: ANDREAS BÖHME | 02.02.2010

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