Wem gehört die Sau?

Schwäbisch Hall/München.  Jüngst wurde das Patent auf ein Schweine-Gen vom Europäischen Patentamt widerrufen. Für die Züchter des Schwäbisch Hällischen Schweines ist das aber nur ein Etappensieg: Der nächste Antrag liegt schon vor.

Christoph Zimmer ging es wie den meisten, die zum ersten Mal davon hören: "Ich konnte es nicht glauben." Das war vor fünf Jahren. Damals las Zimmer, Produktionsleiter für die Schweine bei der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, zum ersten Mal den Antrag der US-Firma Monsanto, den sie beim Europäischen Patentamt in München eingereicht hatte. Es ging um ein Patent auf ein Gen, das manche Schweine in sich tragen, und das dafür sorgt, dass sie schneller zunehmen und besonders gutes Fleisch haben.

Die Firma hatte das Gen untersucht, die Eigenschaft festgestellt und wollte nun über ein Patent den Besitzanspruch darauf sichern. "Erstens war daran überhaupt nichts Neues", sagt Zimmer. Denn dass manche Schweine dieses Gen haben, sei bei Züchtern längst bekannt. Was jedoch noch größere Empörung und auch Besorgnis auslöste: Monsanto erhob gleichzeitig Besitzanspruch auf die Nachkommen dieser Schweine sowie auf ganze Schweineherden. Da die Erzeugergemeinschaft unter ihren berühmt schmackhaften Hälleschen Schweinen Träger dieses Genes fand, waren die Mitglieder alarmiert. Plötzlich stand eine Frage im Raum, deren Antwort niemals zuvor irgendwelche Zweifel wachgerufen hatte: "Wem gehört die Sau?"

Es war die Initialzündung für den Widerstand der rund 1000 Mitglieder in der Erzeugergemeinschaft. "So ein Patent darf es niemals geben", fasst Zimmer die allgemeine Ansicht zusammen. Sie informierten sich, luden Referenten ein und waren irgendwann selbst Informanten. Sie demonstrierten vor der Behörde in München - diese erteilte das Patent 2008 - und formulierten einen Widerspruch. Als dann noch der WDR eine Dokumentation über das Thema drehte, war ausreichend Öffentlichkeit hergestellt. "Schließlich hat sogar der Deutsche Bauernverband, der sich nie darum gekümmert hatte, Widerspruch gegen das Patent eingelegt." Das war 2009.

Jetzt ein Jahr später, Ende April, wurde das Patent von der Behörde in München widerrufen. Überraschend schnell, und "sicher nicht aufgrund der ganzen Einsprüche", vermutet Zimmer. Vielmehr habe die Firma Newsham Choice Genetics - Monsanto hatte das Patent inzwischen an sie verkauft - vermutlich nicht oder nicht ausreichend auf die Fragen des Patentamtes geanwortet. "Newsham wollte das Ganze heimlich beerdigen und eine öffentliche Schlappe vermeiden."

Für Zimmer ist der jüngste Widerruf nur ein Etappensieg. Vergangene Woche bekam der Produktionsleiter einen neuen Patentantrag auf den Tisch - wieder von Monsanto. Obwohl die Firma auf ihrer Website verkündet, sie ziehe sich aus dem Bereich "Schweine" zurück. Dieses Mal geht es um Futter, dem zum Beispiel Omega 3-Fettsäuren beigesetzt ist, das für gute Fleischqualität sorgt. "Auch das weiß jeder Landwirt und Züchter schon lange", sagt Zimmer. Solcherlei Futter will Monsanto patentieren lassen, "und das Fleisch von so gefütterten Tieren gleich mit".

Für Zimmer ein geschickter Schachzug. Denn damit eröffne sich die Firma einen Markt: "Es können ja auch Schweine patentiert werden, die gentechnisch verändertes Futter (Soja, Mais) gefressen haben." Spätestens jetzt sollten auch die Landwirte wach werden, die bisher ungerührt Gensoja verfüttert haben, meint er. Und auch die Verbraucher müssten endlich sehen, dass da etwas gehörig falsch läuft.

Dass solche "irrsinnigen" Patente überhaupt eine Chance haben, liege an der Struktur des Europäischen Patentamtes. Zimmer und andere kritisieren, dass die Behörde eine zentralistische ist, die nur sich selbst kontrolliert. "Es müssten dort demokratisch gewählte Vertreter sitzen." Auch eine unabhängige Gerichtsbarkeit fehlt ihm.

Als nächstes warten die Erzeugergemeinschaft und viele andere Gegner solcher Patente auf die Entscheidung der großen Beschwerdekammer des Patentamtes zum Thema Brokkoli (siehe Artikel links). "Wenn der Antrag abgelehnt wird, ist das ein Signal für die Firmen, dass nicht alles geht." Sollte er durchgehen, dann müsse die Politik endlich die Rahmenbedingungen für Patente ändern, fordert Zimmer.


Kommentare (2)

27.05.2010 20:49 Uhr |   Autor

Genau!

Ich bi auch der Meinung, wir Verbraucher müssen uns so gut es geht wehren gegen eine schleichende Einführung genveränderter Produkte in die Nahrungskette. Dank an Frau Schleicher, dass sie dieses Thema immer wieder ausgeglichen und informativ darstellt.
27.05.2010 10:15 Uhr |   OpaKolja

Wem gehört die Sau

Es ist eine Sauerei wie Monsanto und Co, Patente "Auf Leben" zugesprochen bekommen.Die Politik zur Sache,ob in Brüssel oder Berlin,ist purer pro-Agro-Gentech-Lobbyismus.
Die konzerndrittmittelforschenden "unabhängigen Wissenschaftler",erkennen nur "latente Risiken".
Deshalb müssen wir,die wir keine Gentechnik,weder auf den Feldern noch Tellern wollen,uns schon selbst wehren.Unter:
www.gentechnikfreies-europa.eu
erfährt man wie und kann mitmachen.

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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 27.05.2010

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