Wachsen mit der Aufgabe
Unterkirnach/Kirchzarten. Es sind noch wenige, aber ihre Zahl wächst: Die integrativen Betriebe im Land bieten Menschen mit Behinderung Arbeitsplätze - und die Chance zu zeigen, was Menschen trotz eines Handicaps leisten können.
Sabine Konrad steht in der Küche des Restaurants "Fohrenhof" in Unterkirnach (Schwarzwald-Baar-Kreis) und schnippelt Zwiebeln. Sie ist fast gehörlos und einer von fünf Menschen mit Behinderung, die im Fohrenhof angestellt sind. Die Ferienwohnanlage mit Restaurant ist erst seit Anfang November 2011 ein integrativer Betrieb. In ihm arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung. Alle haben normale Arbeitsverträge und erhalten ein Gehalt. Betrieben wird der Fohrenhof von der Inklusiv gemeinnützigen GmbH Schwarzwald-Baar. Gesellschafter sind die Caritas, die Gemeinde Unterkirnach und eine Gebäudereinigungsfirma aus der Region.
"Das geht gut", sagt Projektleiter und Küchenchef Stefan Vogt und meint damit die Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten. In seiner Küche muss schnell und reibungslos gearbeitet werden, damit die Gäste im Restaurant in angemessener Zeit ihre Speisen bekommen. Mit entsprechender Anleitung und Einarbeitung seien auch Mitarbeiter mit Behinderung in der Küche hilfreich, sagt er.
Für die Behinderten selbst ist es eine Chance, mit Nichtbehinderten zusammen zu arbeiten und im normalen Arbeitsalltag zu zeigen, was sie leisten können. Sabine Konrad jedenfalls strahlt und ist froh, dass sie diesen Arbeitsplatz hat.
"Das sind mutmachende Nischen-Arbeitsplätze", sagt Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung. Mut machen können die Arbeitsstellen den Behinderten. "Viele blühen mit der Arbeit richtig auf", sagt sie. Aber auch die Tatsache, dass immer mehr Betriebe Arbeitsplätze für Behinderte schaffen, mache Mut. Die Firma Hakro in Schrozberg (Kreis Schwäbisch Hall) zum Beispiel hat für den 22-jährigen Fabian Bönisch einen Arbeitsplatz "erfunden". Er kann aufgrund seiner Behinderung weder schreiben noch lesen. Trotzdem hat er den Führerschein für Autos, die bis zu 45 Kilometer pro Stunde fahren, gemacht - und ist riesig stolz darauf. Bei dem Textil-Großhändler ist er "Mann für alles". "Ich helfe überall da, wo jemand gebraucht wird, damit alles funktioniert", sagt er.
Im "Fohrenhof" sind zwei Behinderte in der Reinigung der 84 Ferienwohnungen eingesetzt, einer pflegt die Außenanlagen und zwei sind in der Küche beschäftigt. Sie spülen Geschirr und bereiten Salate und Gemüse vor. "In naher Zukunft soll es Arbeit für Mitarbeiter mit Behinderung geben", sagt Stefan Vogt.
"Das ist hier kein behütetes Arbeitsumfeld wie in der Behinderten-Werkstatt", betont Vogt. Mitarbeiter mit Handicap müssen zum Beispiel in der Lage sein, selbstständig zur Arbeit zu kommen. Sie könnten auch nicht ständig betreut werden, müssen selbstständig arbeiten können. Dass Menschen mit Handicap die Chance bekommen, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten, sei für sie sehr förderlich, sagt Vogt. "Das ist für sie eine besondere Art der Wertschätzung."
Das Hofgut Himmelreich in Kirchzarten war 2004 der erste integrative Gastronomiebetrieb im Land. Inzwischen gehört eine Akademie dazu. In ihr werden Menschen mit Handicap ausgebildet und von der Industrie- und Handelskammer südlicher Oberrhein geprüft. Auf diese Weise hat der 27-jährige Konstantin seine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe gemacht, zusammen mit nichtbehinderten Auszubildenden - mit gutem Notenschnitt. Konstantin ist geistig behindert, kann weder lesen noch schreiben, hat aber Mittel und Wege gefunden, um sich mit Hilfe eines Mentors den Lernstoff anzueignen und die Prüfung abzulegen.
Menschen mit Handicap brauchen Zeit zur Entwicklung. "Mit entsprechender Motivation ist auch für sie viel möglich", sagt Jochen Lauber, Geschäftsführer der Hofgut Himmelreich gGmbH. Er ist überzeugt, dass Nichtbehinderte und Behinderte voneinander lernen können: Die Menschen ohne Handicap könnten von denen mit Handicap vor allem Gelassenheit, Ruhe und Freundlichkeit lernen. "Und das ist in der Gastronomie ganz wichtig." Mit Blick auf den Fachkräftemangel im Gastronomiebereich ist er sicher, dass die Zahl der Arbeitsplätze für Behinderte weiter steigt.
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Autor: PETRA WALHEIM | 04.01.2012
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Küchenchef Stefan Vogt vom integrativen Gastronomiebetrieb "Fohrenhof" in Unterkirnach zeigt der fast gehörlosen Sabine Konrad, wie die Zwiebel geschnitten werden sollen. Foto: Petra Walheim
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