Untersteller: "Finger weg vom Fracking"

Anders als EU-Kommissar Oettinger lehnt Landesumweltminister Untersteller die Förderung von Schiefergas mit der Fracking-Methode rundweg ab. Dagegen wirbt er für die ebenfalls diskutierte Geothermie.

ROLAND MUSCHEL |

Die Schweiz hat jüngst nach Erdbeben ein Geothermie-Projekt gestoppt, Staufen oder Leonberg haben ebenfalls keine gute Erfahrung damit gemacht. Stößt Geothermie überhaupt noch auf Akzeptanz?
FRANZ UNTERSTELLER: Wir müssen unterscheiden. Bei den Vorfällen im schweizerischen St. Gallen reden wir über Tiefengeothermie, Bohrungen in 3000 bis 4000 Meter. Da geht es darum, mit Hilfe des heißen Wassers Strom zu gewinnen.

So eine Bohrung findet auch in Baden-Württemberg, in Brühl, statt.
UNTERSTELLER: Die Bohrung in Brühl hatte bisher keine negativen Auswirkungen. Wir haben schon bei der Genehmigung genau darauf geachtet, dass sauber gearbeitet wird. Ich bin daher zuversichtlich, dass das ein Erfolg wird. Am Beispiel Brühl will ich zeigen: Tiefengeothermie geht ohne Beben! Das ist wichtig, um wieder Akzeptanz zu schaffen.

Sie sehen mehr Potenzial?
UNTERSTELLER: Wir haben im Land, gerade am Oberrheingraben, erhebliche Potenziale für die Tiefengeothermie. Die sollten wir für die Energiewende nutzen. Dazu kommt: Wir haben in Baden-Württemberg auf diesem Gebiet viel Know-How in der Wissenschaft, aber auch in der Wirtschaft, bei unseren Bohrfirmen.

Was ist mit Staufen, Leonberg oder Rudersberg?
UNTERSTELLER: Da reden wir über oberflächennahe Geothermie mit Bohrungen im Bereich 200, 300 Meter, um Privat- oder Verwaltungsgebäude zu beheizen. Wir haben in Baden-Württemberg in der Vergangenheit 30 000 Sonden niedergebracht. Dabei gab es sechs gravierende Störfälle, darunter Staufen, Leonberg und Rudersberg. Die Schlagzeilen machen die wenigen Fälle.

Können Sie angesichts der Schäden eine Fortführung verantworten?
UNTERSTELLER: Die Schäden sind bedrückend. Aber ich kann die Fortführung der oberflächennahen Geothermie verantworten, weil wir die Qualitätsanforderungen an die Bohrungen und die Standards der Überwachung deutlich erhöht haben. Wir werden die neuen Regeln jetzt noch verbindlicher machen, um mehr Vertrauen zu schaffen. In der Regel waren es Fehler von Bohrfirmen, die zu Schäden geführt haben. Da setzen wir an. Ich bin daher sehr zuversichtlich, dass sich Staufen nicht wiederholt.

Noch heftiger als Geothermie wird Fracking diskutiert. EU-Kommissar Oettinger hat Europa gemahnt, es als Chance zu sehen. Tun Sie das?
UNTERSTELLER: Nein. Wir sind nicht North Dakota, wo nur ein paar Kojoten rumspringen. Wir leben in einem dicht besiedelten Land, und der Bodensee, auf den einige Fracking-Fans schauen, versorgt 4,5 Millionen Menschen mit Trinkwasser. Ich werde den Teufel tun, eine so riskante Technologie für Baden-Württemberg zu akzeptieren. Günther Oettinger hat im Bezug auf Fracking mehr ökonomischen Sachverstand und weniger Ideologie gefordert. Was wir bräuchten, wäre aber mehr ökologischer Sachverstand und mehr Realitätssinn bei unserem EU-Kommissar.

Wenn die Gaspreise in den USA dank Fracking weiter unter unser Niveau sinken, hat dann nicht die heimische Wirtschaft ein Problem?
UNTERSTELLER: Die Möglichkeiten der Erdgasgewinnung mit Hilfe der Fracking-Technologie werden überschätzt. Selbst das Manager-Magazin, nicht gerade eine grünes Blättle, hat die Gefahr einer Fracking-Blase thematisiert. Es geht ja auch um viel Geld, das Banken da investieren. Ich bezweifle, dass Fracking auf Dauer dazu führt, dass die USA unabhängiger von Gas- oder Erdölimporten werden. Selbst wenn es so wäre, hätte das keine großen Auswirkungen auf den Industriestandort Baden-Württemberg.

Ach ja?
UNTERSTELLER: Die wesentlichen Branchen in Baden-Württemberg sind der Maschinenbau, der Anlagenbau, die Automobilbranche und die Elektrotechnik. Die Energiekosten machen bei diesen Branchen nur zwei bis drei Prozent am Bruttoproduktionswert aus. Daher ist der Energiekostenanteil - anders als bei der energieintensiven Chemiebranche - nicht das große Thema.

Geothermie immer, Fracking nimmer - ist das Ihre Botschaft?
UNTERSTELLER: Die Geothermie, in der Tiefe wie nahe der Oberfläche, ist eine Chance, die wir nutzen sollten. Alle Schadensfälle in Baden-Württemberg haben sich vor Einführung der neuen Standards ereignet. Es gibt daher keinen Anlass, die Geothermie grundsätzlich in Frage zu stellen. Umgekehrt gilt: Es gibt keinen Grund, auf Fracking zu setzen. Bei der Geothermie haben wir die Risiken minimiert. Beim Fracking sind die Risiken für die Umwelt und für unser Trinkwasser noch nicht einmal ausreichend untersucht. Daher rate ich dem Bund wie der Europäischen Union: Finger weg vom Fracking! Am liebsten wäre mir ein weitreichendes gesetzliches Verbot.

Voruntersuchung bei Konstanz und Biberach Zur Person vom 27. Juli 2013

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