Tunnelbohrer ist am Boßler schon 4,5 Kilometer weit im Berg

Die Bauarbeiten am Boßlertunnel auf der Bahnstrecke Wendlingen-Ulm gehen voran: Der Bohrer hat bereits mehr als die Hälfte geschafft. Die erste von zwei Röhren könnte noch vor Jahresfrist fertig sein.

TOBIAS KNAACK |

Der Lichtkegel zerschneidet die Dunkelheit. Grell erleuchtet tanzen die Staubpartikel vor dem Auge. Unten Sand, rundrum Gestein. Ein bisschen Wüste. Mit jedem Schritt wirbelt es neu auf - und plötzlich sieht man sie durch den Dunst: die Meißel, die Schneiden, die scharfen Kanten. Durch den Staub hindurch, der sich matt auf die einzelnen Elemente gelegt hat, schimmert es metallen. Wie bei einem überdimensionierten Portal, durch das man sich in einem Science-Fiction-Film in letzter Sekunde hindurchzwängen muss. Ein bisschen Apokalypse.

Dabei geht es hier keineswegs um Endzeitstimmung oder gar das Finale der Welt. Dieses im Durchmesser 11,40 Meter große Schneid- rad soll vielmehr für Aufbruch stehen, für Fortschritt, für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Das Schneidrad ist die Front des Vortriebsbohrers, der sich gerade durch den Boßler im Kreis Göppingen gräbt - und der den alles andere als apokalyptischen Namen "Käthchen" trägt.

Käthchen bohrt sich vom Tunnelportal Aichelberg in Richtung Filstal. Insgesamt soll so der 8,8 Kilometer lange Boßlertunnel entstehen, der nach seiner Fertigstellung der fünftlängste Deutschlands sein wird. Im April 2015 war die 110 Meter lange und rund 2500 Tonnen schwere Tunnelbohrmaschine gestartet. 20, zum Teil 25 Meter hat sie am Tag zurückgelegt, insgesamt 4496 Meter weit ist sie gekommen. Käthchen beeilt sich - sehr zur Freude, des Projektleiters für den Albaufstieg, Matthias Breidenstein. Denn Käthchens Geschwindigkeit könnte der Bahn einen "hohen einstelligen Millionenbetrag" an Einsparungen bringen.

Und Breidenstein hat noch einen weiteren Grund zur Freude: Der Bohrer kann, anders als zunächst angenommen, nicht nur auf 2,8 Kilometern, sondern auf weiten Teilen der Strecke eingesetzt werden - "mindestens bis 300 Meter vor dem Tunnelausgang", erklärt er. Untersuchungen haben ergeben, dass das Gestein dafür günstig ist. Ob Käthchen vielleicht sogar auch das restliche Stück bis vor die Filstalbrücke bohren kann, werden weitere Proben ergeben. Mit den Ergebnissen rechnet Breidenstein bis Mai. Sollte das möglich sein, könnte die Tunnelröhre von Ulm nach Stuttgart "im vierten Quartal" aufgefahren sein, wie der Projektleiter sagt.

Vergangene Woche ist Käthchen zumindest mal am sogenannten Zwischenangriff Umpfental, einem Zugangsstollen bei Gruibingen, angekommen. Dort war bereits ein 750 Meter langes Stück Tunnel in traditioneller Spritzbetonbauweise fertig gestellt worden. Rechnet man nach dem Durchbruch vergangene Woche die gebohrten Strecken zusammen, sind bereits knapp 5,3 der insgesamt 8,8 Kilometer langen Tunnelröhre zurückgelegt.

Legt die von 56 Hydraulikpressen betriebene Maschine zwei Meter zurück, werden sofort Tübbinge, die Betonverkleidung der Röhre, eingebaut. Ein kompletter Tübbingring besteht aus sieben Einzelteilen. Ein Teil wiegt bis zu 14 Tonnen.

Derzeit steht die Maschine mit ihren 64 Meißeln, die von einem Computer gesteuert und im Problemfall nachjustiert wird, still. Vermesser überprüfen gerade die Genauigkeit des vergangenen Teilstücks, erklärt Karl Czopak, Projektleiter des ausführenden Unternehmens Arge. Maximal zwei bis drei Zentimeter habe bisher die Abweichung betragen. Das liege völlig im Rahmen. Die größte Herausforderung für zwölf Mann, die pro Schicht auf der Maschine arbeiten, sind laut Breidenstein und Czopak die Wartungsarbeiten. Je nach Gestein können Meißel vom "Hindurchfressen" schon mal nach einer Woche verschlissen sein. Breidenstein bezeichnet die Crew scherzhaft als Zahnärzte.

Mit frischem Gebiss wird Käthchen sich weiter den Weg gen Filstal bahnen - und, wenn sie fertig ist, zerlegt wieder nach Aichelberg transportiert, um dann die Röhre von Stuttgart nach Ulm zu bohren.

Wie - und vor allem warum - der Riesen-Bohrer zu dem Namen "Käthchen" kam, mag Matthias Breidenstein übrigens nicht sagen. Noch nicht, wie er ergänzt. "Wenn alles fertig ist", sagt er. Und je schneller das passiert, desto fixer werden wir erfahren, warum das eilende Käthchen Käthchen heißt.

Ein Drittel gebaut

Unter Tage Wie am Boßlertunnel gehen die Bauarbeiten unter Tage auch an anderen Stellen der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm sowie im Rahmen des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 voran: Laut Projektgesellschaft ist ein Drittel der Tunnel gebaut: 13 Kilometer in der Landeshauptstadt und 28 Kilometer auf der Neubaustrecke. Insgesamt werden im Rahmen der beiden Projekte 120 Kilometer Tunnel gebaut.

TK

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