Studenten entwerfen in Stuttgart Modelle für einen ISS-Nachfolger

Schon in fünf Jahren könnte die Internationale Raumstation ISS abgebaut werden. Was kommt danach? In Stuttgart haben Studenten Modelle für einen Nachfolger entwickelt - unter den Augen der Profis.

ANDREAS SPENGLER |

Das soll die Zukunft sein? Eine Haarnadel würde ausreichen, um das Konstrukt zum Platzen zu bringen. Dieses abenteuerliche Modell aus leeren Dosen, Strohhalmen und Luftballons. 15 Studenten haben tagelang daran gefeilt. Und jetzt nichts als Blech und rosa Gummi? Von wegen! Als die Studenten ihren Modellbau in die Höhe recken, applaudiert das Publikum. Und die jungen Nachwuchsforscher wissen, wer ihnen Applaus spendet: Es sind die großen Namen, Vertreter der Europäischen Weltraumorganisation ESA und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

An der Stuttgarter Universität haben 32 Studenten zwei komplette Raumstationen konzipiert - ihr rosa Blech-Modell dient nur als Anschauungsmaterial. Dahinter stecken seitenweise Konzepte, Modelle, Animationen. Am Ende aller Überlegungen steht eine stolze Summe: 156 Milliarden würde es - nach allen studentischen Berechnungen - kosten, aus dem Blech-Modell eine Realität werden zu lassen. Doch das sind keine absurden Spinnereien. "Die internationale Luft- und Raumfahrt braucht einen Plan, wie es nach der ISS weitergeht", sagt der Doktorand Paul Nizenkov, Organisator des Workshops. "Studenten haben meist mehr Mut, sich an revolutionäre Ideen zu trauen."

Er habe die Bedenken, dass nach dem Ende der ISS vor allem China und Russland sich ausschließlich auf die nationale Raumfahrt konzentrieren wollen. Dabei habe doch gerade die ISS gezeigt, dass die internationale Zusammenarbeit im Weltall meist besser funktioniert als auf der Erde "Wer weiterkommen will, muss gemeinsam an einem Strang ziehen", sagt er.

"Weiterkommen", das meint er wörtlich - und trifft damit den Nerv von Jürgen Hill von der DLR. Er steuert in Deutschland die Programme der Europäischen Weltraumorganisation und sagt: "Die Erdumlaufbahn geht bis etwa 1000 Kilometer Höhe - alles darüber ist Neuland für uns." Die bisherigen Missionen zum Mond dauerten höchstens zwei Wochen. Das soll sich ändern - nach Meinung der Raumfahrt-Agenturen möglichst bald. Die bestehende ISS sei in vielen Punkten veraltet: Zu weit vom Mond entfernt, außerdem sei an Bord kein autarkes Leben möglich. Zwar wird das Trinkwasser wieder aufbereitet, die Astronauten aber müssen regelmäßig mit Sauerstoff und Nahrung versorgt werden.

Hill hat mit einem Gremium die Aufgabenstellung des Workshops formuliert: Eine Raumstation, die zum Beispiel längere Flüge zum Mond ermöglicht. Das "Neuland" zur Heimat machen.

Die Ideen der Studenten gefallen ihm. Der Nachfolger der ISS könnte die Raumfahrt revolutionieren: Sie könnte zur Rast- und Tankstation werden auf der Reise zum Mond. Menschen könnten dort endlich autark leben. Raumfahrzeuge könnten betankt werden, Mondgestein als Baumaterial und Treibstoff genutzt und die ganze Station über ein riesiges Solarpanel mit Energie versorgt werden. Wo früher das Ende der Reise war, könnte so erst der Ausgangspunkt für viel fernere Flüge entstehen. Selbst ein bemannter Mars-Flug wäre möglich. Die Zukunft müsse revolutionärer gedacht werden, betont Hill. Diese Gedanken erhoffe er sich von den Studenten: "Für uns ist das wie ein riesiges Ideen-Repertoire."

Einer der Ideengeber ist die 25-jährige Iranerin Behnoosh Meskoob. Sie studiert Ingenieurswissenschaften an der Universität Istanbul und ist für den Workshop nach Stuttgart gereist. "Für uns war es ein großes internationales Teamwork", sagt sie und fordert, die Raumfahrt müsse auch in Zukunft ein Gemeinschaftsprojekt bleiben.

Die Pläne für die Zukunft der ISS haben die Studenten in nur sechs Tagen erarbeitet, die politische Debatte darüber wird wohl deutlich länger dauern.

Außenposten im All

Platz für sechs. Die Internationale Raumstation ISS gilt seit mehr als 15 Jahren als Außenposten der Menschheit. Gut ein Dutzend Staaten beteiligen sich, neben Ländern der Europäischen Union auch die USA und Russland. Seit 2000 sind ständig Menschen auf der ISS. Kommandeur ist meist ein Russe oder US-Amerikaner. Optimale Besetzung sind sechs Raumfahrer.

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