Stillstand bei Heroin-Abgabe

Für Schwerstabhängige gibt es bislang nur eine Heroin-Ambulanz im Land. Der Städtetag fordert den Ausbau, die Grünen auch. Die Kassenärztliche Vereinigung, die dafür zuständig ist, lässt sich aber Zeit.

JULIANE BAUMGARTEN |

In Stuttgart sind im vergangenen Jahr 17 Menschen am Konsum illegaler Drogen gestorben - 2009 waren es nur neun. Karlsruhe dagegen kann einen Rückgang verzeichnen: Die Zahl der Opfer ist von fünf auf zwei gesunken.

Mit ein Grund für die gute Karlsruher Bilanz mag das Diamorphin-Zentrum sein, das die Süchtigen kontrolliert mit der Droge Heroin versorgt. Das Projekt läuft dort seit Mai 2002 ziemlich erfolgreich. Von den 48 Teilnehmern im Programm leben heute noch alle. Wenige haben sogar den Entzug geschafft, einige arbeiten wieder. Rainer Blobel, Drogenbeauftragter der Stadt Karlsruhe, bilanziert: "Diamorphin weist den Weg aus der Sucht leichter und bietet den Patienten eine enorme Stabilisierung."

Bisher ist das Zentrum in Karlsruhe das einzige in ganz Baden-Württemberg. In Stuttgart und Mannheim sind aber bis Mitte 2012 Einrichtungen geplant. Allerdings: Nach den Vorschlägen der Arbeitsgemeinschaft Substitution sollte es neun dieser Zentren in Baden-Württemberg geben. Als mögliche Standorte für die Diamorphin-Praxen waren neben Karlsruhe, Stuttgart und Mannheim auch Freiburg, Heilbronn, Tübingen, Singen, Ulm und Ravensburg vorgesehen.

Diese neun Zentren sollte es auch unbedingt geben, fordert Städtetagssprecher Manfred Stehle. Nur in den drei großen Städten Schwerpunktpraxen zu haben, reiche nicht aus, beklagt Stehle. Eine ambulante Therapie müsse breiter und damit leichter zugänglich sein.

Von politischer Seite sind die Weichen gestellt: Der Bundestag hat bereits im Juli 2009 ein Gesetz zur diamorphingestützten Substitutionsbehandlung beschlossen. Das Gesetz regelt, dass Diamorphin, also künstlich hergestelltes Heroin, als Betäubungsmittel im Rahmen der Substitutionsbehandlung Abhängigen verschrieben werden darf. Die landesrechtlichen Voraussetzung folgten im Sommer 2010. Nun besteht gewissermaßen ein Rechtsanspruch auf einen Therapieplatz. Nur die Therapieplätze, die gibt es eben nicht. "Fakt ist, wenn ein Schwerstabhängiger sein Recht auf einen Platz einklagen würde, er würde Recht bekommen", sagt Stehle.

Die Verantwortung, die Zentren einzurichten, liegt formal bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Sie muss für die nötigen Plätze sorgen, scheint es aber nicht eilig zu haben. "Die Zahl der Schwerstabhängigen ist viel geringer als man angenommen hat", sagt Pressesprecher Kai Sonntag. Und die Eröffnung einer Stelle gehe nur dann, wenn auch eine entsprechende Anzahl Patienten vorhanden sei. Das Ganze müsse sich für den behandelnden Arzt ja auch rechnen. Grundsätzlich seien die Diamorphin-Praxen aber eine "begrüßenswerte Angelegenheit".

Klar sei, dass der Patient einen Rechtsanspruch auf Behandlung habe. Aber klar ist auch: "Auf Behandlung am Wohnort hat er keinen Anspruch. Das ist völlig unmöglich", sagt Sonntag. Da in Karlsruhe noch Plätze unbesetzt seien, müssten die Patienten eben dorthin umziehen. So einfach sei das.

Die Grüne-Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch kritisiert diese Haltung vehement. Bei der Einrichtung von Diamorphin-Praxen spielten wirtschaftliche Gesichtspunkte eine zu große Rolle. Sie sagt: "Der Ball liegt jetzt bei der KV, und die darf sich nicht aus der Verantwortung ziehen."

Wie die neue grün-rote Landesregierung bei diesem Thema aber weiter vorgehen wird, will sie nicht kommentieren - und verweist auf die aktuell laufenden Koalitionsgespräche. Nur so viel sagt Lösch: "Mir war das Thema in der Vergangenheit ein Anliegen und wird mir auch in Zukunft eines sein."

Manfred Stehle hofft auf Unterstützung der neuen Landesregierung: "Der Städtetag setzt darauf, dass Grün-Rot das Thema wieder mehr in den Fokus rückt, mehr Tempo macht - und vor allem den Druck auf die KV erhöht."

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