Sportvereine holen Flüchtlinge aus der Isolation

Flüchtlinge leben häufig mitten im Ort und doch unter sich. Doch viele Sportvereine helfen beim Ankommen - sie holen die Neuankömmlinge aus der Isolation und geben ihnen ein Gesicht im Ort.

KIM A. ... |

Anerkennendes Raunen, Händeklatschen, Schläge auf die Schulter: Mohamad Saleh hat mit einem wunderbaren Seitfallzieher das Tor getroffen. "Sehr nett, alle Leute sind sehr nett", sagt der 28-Jährige. Das Trainingsspiel im grellen Schein des Flutlichts geht weiter. Vor einem Jahr war Saleh aus Syrien nach Deutschland geflohen. Seitdem spielt er beim TB Neckarhausen Fußball, zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen aus dem Ort. Das schafft die Neuankömmlinge aus der Isolation heraus - und gibt ihnen ein Gesicht im Ort.

Saleh ist nicht nur beim Training der Freizeitkicker am Start. Auch die Kreisliga-Mannschaft hat Talente unter den Flüchtlingen entdeckt. Bei seinem fulminanten Debüt im Derby gegen Großbettlingen schoss Saleh zwei Tore, legte in den nächsten Spielen nach. Ein gutes Dutzend Flüchtlinge spielt in den verschiedenen Mannschaften.

In Syrien arbeitete Saleh bei Mercedes-Benz, wie er erzählt. Hier will er Wirtschaft studieren - und vielleicht irgendwann zurück zum alten Arbeitgeber. Mittlerweile lebt er in seiner eigenen Wohnung. Dabei hilft der Verein im Ortsteil von Nürtingen (Kreis Esslingen), wo er kann. Bei 3800 Einwohnern hat der TB Neckarhausen 1200 Mitglieder. "Wenn wir uns für die Sache stark machen, funktioniert das auch", sagt Steffen Erb vom Vorstand.

Gegen die wenigen zweifelnden Stimmen sei der Verein offensiv vorgegangen: Als die ersten Flüchtlinge 2014 in den Ort kamen, wurden sie zum Vereinssportfest eingeladen und unter Jubel einzeln vorgestellt. "So haben sie ein Gesicht in der Öffentlichkeit bekommen", sagt Steffen Erb.

IT-Unternehmer Sven Noack hatte sie mit Trikots und Schuhen ausgestattet, die Unterkunft mit Fernseher und Internet. Sie sollten nicht mitten im Ort und doch abgeschottet sein, sagt Noack nach dem Training bei Pommes, Limo oder Bier mit den Flüchtlingen im Vereinslokal. Auch das ist in Neckarhausen ein normaler Anblick - sie sind Teil des Vereins. "Da wurden Ängste abgebaut", sagt Noack.

Auch schon bei den Kleinsten: Firas Abu Kraish ist der erste Flüchtling im Südwesten, der ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Sportverein macht. Beim Club, in der Schule und im Kindergarten betreut der 23-jährige Syrer Kinder beim Sport - neugierige Fragen sind ausdrücklich erwünscht. "Ich mag es, mit Kindern zu spielen", sagt Abu Kraish, auch wenn er in seiner Heimat Bankkaufmann war, wie er sagt.

Noch wohnt er mit rund 30 anderen Männern, die meisten von ihnen Syrer, in einem Haus im Ortskern neben Metzger und Ortsverwaltung. Die Tür steht Besuchern immer offen. Doch Privatsphäre gibt es nicht: In manchen Zimmern stehen drei Betten, in anderen fünf. Der Alltag sei häufig langweilig, erzählen die Männer.

Deutsch lernen, Karten spielen, mit der Familie sprechen. Termine gibt es kaum. "Was macht man mit der Zeit? Sport spielen ist besser als zu Hause bleiben", sagt Abu Kraish. Dass sie dabei auf die Alteingesessenen treffen, ist dem Verein wichtig. "Integration lebt vom Kontakt mit den Einheimischen", sagt Vereinsvorstand Erb.

Im Sommer spielten die Kicker gegen das "Flüchtlingsteam" der TG Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) - eine Mannschaft, die praktisch nur aus den gambischen Schutzsuchenden des Orts besteht. In Neckarhausen will man lieber mischen. Auch wenn sie dann nicht mehr in der Unterkunft im Ort wohnen, bleiben die Flüchtlinge dem Verein treu.

Das Engagement der Vereine ist erwünscht. Deutscher Fußballbund und Bundesregierung fördern Vereine mit 600.000 Euro in diesem und dem nächsten Jahr. Auch der TB hat schon Geld erhalten. Der Landessportverband Baden-Württemberg schüttet 60 000 Euro aus, zahlreiche Vereine engagieren sich mit Sportangeboten, Kleiderspenden und Hilfe im Alltag.

Dass Sport bei der Integration hilft, ist ein oft bemühtes Credo. "Es ist nicht nur allein Ablenkung", betont der Verbandsvorsitzende Dietmar Schmidt-Volkmar aber. "Damit sie sich besser integrieren und nicht nur einen eintönigen Tagesablauf haben, sondern auch mal rauskommen, sich befreien können und sich bewegen können."

Integration läuft in den Vereinen im Südwesten schon lange: Vier von fünf haben Mitglieder mit Migrationshintergrund. "Als die ersten angefangen haben, auf Deutsch zu fluchen, wenn der Ball rausgeht, haben wir gesagt: Jetzt sind sie angekommen", sagt Steffen Erb.

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