Spannungsfeld Stromtrassen
Stuttgart. Damit die Energiewende funktioniert, müssen hunderte Kilometer Leitungen gebaut werden. Vor allem der Südwesten wird "Empfängerland". Doch wo genau die Leitungen verlaufen sollen, weiß noch niemand.
Spannung liegt schon jetzt in der Luft. "Energiewende jetzt", lautet das Gebot der Stunde, alle Parteien sind sich einig. Doch Konsens ist auch, dass das Stromnetz dringend ausgebaut werden muss, soll der zügige Umbau der Energieversorgung funktionieren. Die Deutsche Netzagentur (Dena) hält den Bau von 4400 Kilometern neuen Stromtrassen für nötig. Viele Beobachter sehen eine Welle von Konflikten und Bürgerprotesten auf die Republik zurollen, wenn "Wutbürger" aus Angst vor dem Wertverlust ihrer Häuser und vor Elektrosmog auf die Barrikaden gehen.
Das Grundproblem: Der erneuerbare Strom aus Windenergie - er soll zum "Rückgrat" der deutschen Elektrizitätsversorgung werden - wird im großen Stil vor allem im Norden und Osten Deutschlands produziert. Dies erst recht, wenn binnen weniger Jahre immer mehr Windparks in der Nord- und Ostsee ans Netz gehen. Gebraucht wird der Strom aber schwerpunktmäßig im Süden, in den vergleichsweise dicht besiedelten Industrieländern Baden-Württemberg und Bayern, und im Ruhrgebiet.
Für den Transport sind so genannte Höchstleistungsnetze notwendig. Thomas Gößmann, Technikvorstand der ENBW Regional-AG, spricht von "Stromautobahnen". In ostdeutschen Windanlagen wird an manchen Tagen bereits übermäßig viel Strom erzeugt. Doch weil es an den Leitungen mangelt, müssen Windräder häufig vom Netz genommen werden.
Die Strom-Autobahnen allein genügen freilich nicht. Thomas Gößmann vergleicht den Strom mit Autos. "Diese Autos müssen von den Autobahnen auch wieder runter, um zu den Verbrauchern zu gelangen."
Dazu sind andere Netze nötig: Verteilernetze. Sie sind für niedrigere Spannungen ausgelegt - Gößmann bezeichnet sie als Bundesstraßen, Landstraßen und Feldwege. Sie werden auch gebraucht, um den Strom, den die Verbraucher selbst mit ihrer Solar- oder Biogasanlage erzeugen, auf die "Autobahn" und damit ins Netz zu schicken.
Dieses Netz muss gut in beide Richtungen funktionieren. Denn während bisher gleichmäßig Atomstrom eingespeist werden konnte, weht der Wind nicht auf Knopfdruck. Und die Sonne scheint ebensowenig auf Befehl. Es muss also mit starken Schwankungen im Netz gerechnet werden. Diese gilt es jeweils rechtzeitig auszugleichen. "Das Netz muss intelligenter werden", sagt Technikvorstand Thomas Gößmann. Außerdem müsse es schnell reagieren können, wenn irgendwann viele Menschen zur selben Zeit ihre Elektroautos aufladen wollen.
Doch auch wenn derzeit viel über den Bau neuer Stromtrassen geredet wird: Darüber, wie viele Kilometer davon wirklich gebraucht werden, streiten die Gelehrten noch heftig. Während die Netzagentur Dena und auch die Bundesnetzagentur von 4400 Kilometern ausgehen, warnt im Gegenzug der Bundesverband Erneuerbare Energien vor einer "Abschreckungsargumentation". Bereits mit 800 bis 900 Kilometern neuen Leitungen sei viel erreicht.
Auch das baden-württembergische Umweltministerium sieht noch erheblichen Klärungsbedarf. "Wo Trassen hinkommen werden, ist noch nicht raus. Wir rechnen damit, Anfang nächsten Jahres mehr sagen zu können", sagt ein Sprecher des Ministeriums. Womöglich lässt sich der Bedarf an neuen Leitungen durch den geplanten massiven Ausbau der Windkraft im Südwesten dämpfen. "Alles, was wir bei uns im Süden machen, muss weniger an Übertragungsnetzen für Strom aus dem Norden ausgebaut werden", sagt Umweltminister Franz Untersteller.
Ob sich überhaupt in bestimmten Gegenden der Bau von Stromtrassen durchsetzen wird - das werden wohl die Bürger selbst entscheiden. Schon jetzt schüren Bürgerinitiativen die Angst vor einem "energiewirtschaftlichen Stuttgart 21", wie es das Nachrichtenmagazin "Spiegel" formuliert. Der Pressesprecher der Bundesnetzagentur, Rainer Warnecke, hält den Dialog mit den Bürgern für umso wichtiger. Doch die Genehmigungsverfahren für neue Trassen könnten sich lange hinziehen. "Die Bundesregierung strebt deshalb an, die Dauer der Genehmigungsverfahren von etwa zehn auf vier Jahre gesetzlich zu beschränken", sagt er. Die Akzeptanz erhöhen könnte es, wenn statt Freilandleitungen Erdkabel verlegt würden (siehe Infokasten). Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Magdeburg.
Außer auf intelligente Netze zählt man künftig auch auf den intelligenten Stromkunden. Er soll einen sogenannten "Smartmeter" zu Hause haben. Dessen digitale Stromanzeige informiert ihn, wann gerade viel Strom im Netz ist. Dann nämlich soll der Kunde zum Beispiel seine Waschmaschine einschalten. Einen ähnlichen entlastenden Effekt hätten Solaranlagen, die mit Batterien zur Zwischenspeicherung gekoppelt sind: Hausbesitzer, die damit ihren Eigenbedarf deckten, würden das Netz doppelt entlasten.
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Autor: ISABELLA HAFNER | 13.08.2011
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Kommentare (1)
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Gesundheit trotz Handys und Handystrahlen?Wir leben in einer Zeit hoher Technisierung. Dazu gehören nun mal auch unsere
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