Schlosser nutzte Synagoge als Werkstatt

Die 1796 errichtete Synagoge von Bad Rappenau-Heinsheim möchte ein Verein künftig würdiger nutzen als seit 1938. Zunächst lagerte ein Bauer dort sein Stroh, dann richtete ein Schlosser seine Werkstatt ein.

HANS GEORG FRANK |

Die Schlosserei ist geschlossen, rostige Utensilien liegen herum, das Dach weist Lücken auf - jetzt muss rasch gehandelt werden, um eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler der Stadt Bad Rappenau zu retten. Ein Freundeskreis hat sich der ehemaligen Synagoge im Stadtteil Heinsheim angenommen. Der Verein will nach dem Auszug des Handwerkers das Gebäude renovieren und würdig nutzen.

Yvonne von Racknitz (41) hat bereits 20 Gleichgesinnte um sich geschart: "Es brennt mir auf dem Herzen, dass so etwas nicht verfallen darf." Die Adlige gehört jener Dynastie an, die eng mit der Geschichte des Judentums verbunden ist. Der Deutsche Orden hatte einst die Kontrolle über ein Drittel von Heinsheim, der größere Rest war Teil des Besitzes mehrerer Adelsfamilien, zuletzt jener des Hauses Racknitz.

Der erste Jude ist spätestens im 16. Jahrhundert nach Heinsheim gekommen. Erhalten ist die Vollmacht eines Jacob von Heinsheim, der sich 1563 von seinem Bruder Simon bei einem Prozess vertreten ließ. Durch Zuzug vergrößerte sich die jüdische Gemeinde kontinuierlich und erreichte 1839 mit 114 Israeliten ihre Blüte. Auf der Höhe über dem Dorf entstand einer der größten jüdischen Friedhöfe Süddeutschlands. Bis zu 25 Gemeinden zwischen Eppingen und Mosbach bestatteten dort ihre Toten.

Um 1600 gab es einen ersten Betsaal, den bei Gottesdiensten auch Juden aus Wimpfen nutzen. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Bau einer Synagoge und einer Wohnung für den Vorsänger beantragt. Der ursprüngliche Plan durfte nicht verwirklicht werden. Vorgesehen war "ein tempelförmiger Bau" mit Rundung und Turm. Einer nur "tolerierten Sekte" gestanden die Herrschaften aber kein Gotteshaus "nach Art der Christen zu". Immerhin wurden hohe Fenster erlaubt, damit die Frauen auf der Empore etwas Licht abbekommen konnten.

1796 weihte die Gemeinde die Synagoge ein, wovon der unverändert erhaltene Hochzeitsstein über dem Eingang zeugt. Neben Jahreszahl und Davidstern finden sich die hebräischen Zeichen für "Massel tov", was "viel Glück" bedeutet.

Auch in Heinsheim setzte das NS-Regime den Juden nach 1933 mehr und mehr zu. Einige flohen, andere wurden deportiert - die letzten 1940. Schon drei Jahre zuvor hatte man die Gemeinde aufgelöst. Dass das Gebetshaus im November 1938 bei der Reichspogromnacht nicht abbrannte, sei einem Heinsheimer Bürger zu verdanken. "Fünf Liter Benzin waren besorgt, aber er hat es nicht übers Herz gebracht, sondern schüttete es in den Gully", sagt Vereinsmitglied Bernd Göller.

Ein Landwirt kaufte 1938 die Synagoge. Er ließ den letzten Juden im Ort immer wieder Lebensmittel zukommen. Im Rathaus blieb diese Unterstützung nicht verborgen, weshalb er zum "Judenknecht" abgestempelt und ihm die Genehmigung für die Errichtung einer Scheuer verwehrt wurde.

Der Verein wird das Gebäude für 45 000 Euro kaufen, die Hälfte ist schon durch eine Spende gesichert. Bis die Synagoge zur "lebendigen Gedenkstätte und Raum für interreligiösen Austausch" geworden ist, werden mindestens 120 000 Euro benötigt. "Es wäre jammerschade, wenn dieses regionale Zeugnis jüdischer Geschichte zerfallen würde", heißt es in einem Aufruf. Dieser Teil der lokalen Historie sollte auch in den Baudenkmälern präsent bleiben - "als Erinnerung, aber auch als Mahnung für die Zukunft".

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