Rückbau-Zeitplan in Gefahr

Der Rückbau des Kernkraftwerks in Obrigheim geht planmäßig voran. Ob er weiter im Zeitplan bleibt, ist allerdings fraglich, weil nach dem Atomstopp acht deutsche Meiler demontiert werden müssen.

HANS GEORG FRANK |

Als am 11. Mai 2005 um 7.58 Uhr nach 37 Jahren die Stromproduktion im Kernkraftwerk Obrigheim (KWO) eingestellt wurde, stand zwar nicht das exakte Datum, aber das Jahr des abgeschlossenen Rückbaus fest. Bis 2021, hieß es damals, sollte der Nuklearkomplex am Neckar zwischen Heilbronn und Heidelberg demontiert sein. Auf eine Jahreszahl mag sich Jörg Michels, Vorsitzender der ENBW Kernkraft GmbH, jetzt allerdings nicht mehr festlegen. "Es gibt so viele Unwägbarkeiten", nannte er gestern als Grund für seine Zurückhaltung.

Zu den unbekannten Faktoren gehört die Tatsache, dass wegen des deutschen Atomausstiegs acht Kernkraftwerke stillgelegt und abgebaut werden müssen. Die Aufsichts- und Genehmigungsbehörden haben damit eine Vielzahl von Anträgen zu bearbeiten. Allein die ENBW muss neben Obrigheim jeweils einen der beiden Blöcke in Neckarwestheim und Philippsburg abbrechen, nachdem diese im März 2011 abgeschaltet worden sind.

Dabei ging die erste Stufe des Rückbaus in Obrigheim bisher ebenso planmäßig wie reibungslos vonstatten. Im Herbst 2008 wurde mit der Entfernung von nichtnuklearen Komponenten begonnen. Dazu gehörten Teile des Überwachungsbereichs, Turbinen im Maschinenhaus, Pumpen, Wärmetauscher, Armaturen, Leitungen und diverse Behälter. Was dabei gelernt wurde, soll bei der Demontage in Neckarwestheim und Philippsburg genutzt werden. Für die 190 Mitarbeiter sei dies zunächst "eine schwierige Situation" gewesen, sagte der scheidende Geschäftsführer Michael Wenk. Doch nach der ersten Enttäuschung über den Atomstopp seien sie jetzt "voll motiviert". Sie hätten erfolgreich und termingerecht gearbeitet, "es hat keine Zwischenfälle gegeben".

Seit November 2011 werden im KWO, nach entsprechender Genehmigung durch das Umweltministerium, in der zweiten Phase auch Elemente des nuklearen Bereichs entfernt. Der Druckbehälter bleibt bis zur dritten Phase unangetastet.

In Obrigheim ist die Demontage in vier Abschnitte aufgeteilt, jeder einzelne muss extra genehmigt werden. Ob es diesen Viererpack auch bei den anderen Atomkraftwerken geben wird, sollen die Erfahrungen zeigen. Angestrebt werde "ein optimiertes Verfahren", erklärte Michels. Die ENBW habe eigens dafür ein Projektteam zusammengestellt.

Ungeklärt ist die Frage des Atommülls. Für eine Zwischenlagerung der ausgemusterten 342 Brennelemente in Containern auf dem KWO-Gelände gibt es noch keine Genehmigung. Wegen nicht nachgewiesener Sicherheit musste erneut ein modifizierter Antrag eingereicht werden. Die Zwischenlager müssen auch Terrorangriffen und Flugzeugabstürzen standhalten können.

Derzeit befinden sich die benutzten Brennstäbe in einem autarken Nasslager neben dem Reaktor. Der radioaktive Abfall aus den Gebäuden - von insgesamt 275 000 Tonnen Bauschutt wird dies etwa ein Prozent sein - soll in den Schacht Konrad gebracht werden. Doch dieses Depot steht wohl erst 2019 zur Verfügung. Ein Endlager ist noch in weiter Ferne, zumal der Bund dafür bisher noch nicht einmal einen Standort finden konnte.

Die Kosten des Schlussstrichs unter das Kapitel "KWO" im Neckar-Odenwald-Kreis gab Michels mit 600 Millionen Euro an. Vor fünf Jahren war von "über 500 Millionen Euro" die Rede. Insgesamt hat die ENBW 5,4 Milliarden Euro für Stilllegung und Abbau aller ihrer fünf Meiler sowie die Beseitigung der strahlenden Überreste angesammelt.

Zu den "Unwägbarkeiten" für Obrigheim zählt auch eine Klage von vier Kritikern vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Sie fechten die zweite Genehmigung an, weil die Öffentlichkeit nicht zuvor beteiligt und die Behandlung der Brennelemente nicht geklärt worden sei. Ihnen sei an einer "Erhöhung der Sicherheit" gelegen, begründeten sie ihr Vorgehen.

Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat die Klage bedauert: "Es ist schade und verzögert den Rückbauprozess." Eine förmliche Anhörung der Bürger vor der zweiten Genehmigung sei nicht zwingend erforderlich gewesen. Vor der dritten Genehmigung, in der "ersten Jahreshälfte 2012", versprach der Minister "eine freiwillige Bürgerbeteiligung".

Was mit den Gebäuden und dem Gelände in Obrigheim geschehen soll, steht noch nicht fest. Die ENBW möchte den Standort erhalten, für die Nutzung gibt es angeblich keine Pläne. Auch das Umweltministerium habe dazu keine Überlegungen angestellt, teilte ein Sprecher Unterstellers auf Anfrage mit.

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