Oettingers Abschied ist kurz, aber herzlich
Stuttgart. So kompakt wie stimmig: Die Landesregierung hat Günther Oettinger gestern mit einem Festakt in der Stuttgarter Oper verabschiedet. Und der neue EU-Kommissar für Energie dankte gerührt.
Sonntag, 12.20 Uhr im Opernhaus der Württembergischen Staatstheater: "Wenn Sie mich besuchen wollen, habe ich Zeit für Sie. Brüssel ist einen Besuch wert - und die Rückkehr nach Baden-Württemberg ebenso." Einige unter den über 1000 Gästen wollen, wie sie anschließend beim Empfang im Neuen Schloss sagten, gesehen haben, dass Günther Oettinger Tränen in den Augen hatte, als er die letzten Worte beim Festakt zu seinem Abschied als Ministerpräsident sprach. Gerührt war er in jedem Fall. Gleich zweimal bedankte sich der als "Seine Exzellenz Herr Kommissar" Ausgewiesene "dafür, dass und wie Sie mich verabschieden".
Die meisten Anwesenden waren wohl auch dabei gewesen, als vor fünf Jahren am selben Ort Vorgänger Erwin Teufel sich als schlechter Verlierer gezeigt und bittere Worte über seinen nach 14 Jahren als erzwungen empfundenen Rückzug gefunden hatte. Ex-Staatsrätin Claudia Hübner erinnerte sich jedenfalls: "Hoffentlich redet Oettinger so nicht." Dass der nicht immer glücklich agiert habende Ministerpräsident a.D. als Energiekommissar nach Brüssel angeblich weggelobt worden war, gilt vielen Zeitgenossen als ausgemacht. Doch Hübner sorgte sich ohne Grund. "Der Günther ist so was von erleichtert", stellte sein langjähriger Ratgeber, Ex-Ministerpräsident Lothar Späth, nach der Veranstaltung zufrieden fest. Zufrieden auch, "weil beide", Oettinger wie sein Nachfolger Stefan Mappus, "ihre Rolle heute gut gespielt haben".
Sehr verbiegen mussten sie sich dabei offensichtlich nicht. Der seit dem 10. Februar amtierende Regierungschef hatte eine stimmige, in 80 Minuten äußerst kompakt ablaufende Matinee aus Reden und vier, vom blendend aufgelegten Staatsorchester dargebotenen Musikstücken zusammenstellen lassen. Und sein Dank klang herzlich. Mag gerade Teufel es vielleicht als ungerecht übertrieben empfunden haben, für die Nachwelt kann der Mappus-Satz festgehalten werden: Oettinger habe das Land "geprägt wie nur wenige andere". Ungeachtet der Rekordverschuldung im laufenden Doppelhaushalt sei die zweimalige Nettonullverschuldung Oettingers "bleibendes Verdienst". Er habe den Durchbruch beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm "erkämpft" und mit dem "Kinderland Baden-Württemberg einen wichtigen Wegstein gesetzt: vielen Dank". Die über 1000 Festgäste - darunter Königliche Hoheiten, wie das Protokoll noch immer Carl Herzog von Württemberg und Bernhard Prinz von Baden nennt, die gewesenen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Günther Beckstein, der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Ferdinand Kirchhof, aber auch Kabarettist Matthias Richling oder Ex-VfB-Spieler Guido Buchwald - geizten nicht mit Beifall.
Mit Daimler-Chef Dieter Zetsche und dem Ex-SPD-Fraktionschef im Bundestag, Peter Struck, ergriffen zwei Gastredner das Wort. Premiumlimousinen seien ja schon lange ein Exportschlager des Landes, sagte der Auto-Mann, "neu ist aber, dass wir jetzt auch Ministerpräsidenten exportieren". Für das "Energiebündel" Oettinger passe der Job des Energiekommissars geradezu ideal. Struck würdigte seinen Partner in der ehemaligen Föderalismuskommission. Dass die schier unlösbare Aufgabe in einer neuen Schuldenregel im Grundgesetz endete, sei gerade auch Oettingers "unkonventionellen Vorschlägen" zu verdanken.
Seit gestern hat Oettinger auch wieder einen Hans Peter Reuter. Hing in seinem bisherigen Amtszimmer in der Villa Reitzenstein die "Blaue Poesie" des in Villingen geborenen Künstlers, schenkte ihm die Landesregierung jetzt die "Blaue Architektur". Und von seinem Ex-Kabinett gab es den Bronzeguss eines Stiers vom Heidenheimer Hermann Schwahn. Als die Festgesellschaft zu Fuß unter den Klängen der Bürgerwache Crailsheim ins Neue Schloss lief, winkten Schaulustige.
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Autor: BETTINA WIESELMANN | 22.03.2010
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Harmonischer Abschied: Günther Oettinger mit Sohn Alexander, Lebensgefährtin Friederike Beyer und Bürgerwehr-Kommandant Harald Neu (rechts). Foto: dpa
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